Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul Rottenburg, Interlaken, 3. September 1890

Interlaken 3. Sptb 1890.

Liebster Freund!

Aus den Gefilden des schönen Interlaken, in dessen internationale Alpenthäler ich vor einem Decennium Dich einzuführen das Vergnügen hatte, sende ich Dir einen herzlichen Gruß. Wir waren 14 Tage in Beatenberg (zur „Luftkur“). Leider waren nur 2 von diesen gut, 2 halbgut, die übrigen 10 ganz scheußlich – Regen, Schnee, Kälte! Gestern feierten wir die 20jähr. Wiederkehr des Sedantages mit Schneeball-Werfen; und da der Schnee (nach 3tägigem Schneegestöber!) fußhoch lag, hätten wir schon am letzten August eine Schlitten-Parthie machen können! ||

Der verflossene Sommer war für uns in Jena ziemlich trübe, das Wetter im Mai herrlich, dagegen Juni u. Juli sehr schlecht. Meine arme Frau war den größten Theil des Sommers krank (mit vielen Schmerzen von ihrem alten Nierenleiden) und wurde erst Mitte August so weit hergestellt, daß wir (direct) hierherreisen konnten. Wir werden nun wohl noch 14 Tage hier bleiben, meine Frau mit Emma in Interlaken, während ich mit Lisbeth (– das „kommen müssende“ schöne Wetter vorausgesetzt) Lauterbrunn, Wengern-Alp, Scheideck, Grindelwald besuchen will; hoffentlich mit eben so viel Vergnügen, als wir dort zusammen hatten! ||

– Deiner freundlichen Einladung nach Hamburg, zum Zwecke der höheren gastronomischen Erziehung!, hätte ich sehr gern Folge geleistet; aber das Semester erlaubte keine Unterbrechung. –

Im October gehe ich auf einige Tage nach Amsterdam, einer Einladung der dortigen Gesellschaft für Med. u. Nat. folgend. Dieselbe hat mir die goldene „Swammerdamm-Medaille“ verliehen, welche alle 10 Jahre für die beste Arbeit auf dem Gebiete der mikroskop. Zoologie verliehen wird.

– Meine nächste Arbeit wird eine neue Aufl., – resp. Umarbeitung – der Anthropogenie sein – eine schwierige Aufgabe, die mich wohl in den nächsten Jahren nicht zu viel Anderem kommen lassen wird. – |

Die politischen Veränderungen im Deutschland von 1890 sehe ich mit sehr pessimistischen Augen an. Der jugendgrüne Reform-Kaiser („Wilhelm der Grosse“ in spe!) macht eine Dummheit nach der andern. Nachdem er Pfingstsonntag mit den Pferden „durchgegangen“ und umgeworfen, ist er vorige Woche bei den Narwa-Manövern in russische Gefangenschaft gerathen. Omen! – Daß wir Helgoland gegen den besten Theil von Ost-Africa eingetauscht, hat mich auch nicht begeistert! Empört aber bin ich über die schnöde Art, mit welcher leider die Majorität der Deutschen (– den braven „Freisinn“ voran! –) Bismarck behandelt u. seine unsterblichen Verdienst ignorirt!

– In der Hoffnung, daß es dir und Deiner l. Familie recht gut geht,

Dein treuer alter

E. Haeckel

Walter bleibt in München u. malt jetzt in Thüringen Landschaft.a

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Briefdaten

Verfasser
Datierung
03-09-1890
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32775
ID
32775