Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Richard Semon, Jena, 24. Juni 1900.

Jena, den 24. 6. 1900.

Lieber Semon!

Nach meine Rückkehr von München fand ich hier eine solche Überfülle von dringenden Arbeiten vor, daß ich erst heute dazu komme, Ihnen und Ihrer lieben Frau Gemahlin meinen herzlichsten Dank für Ihre liebenswürdige Aufnahme in Ihrer waldumrauschten romantischen Villa zu sagen – und nicht minder für Ihre freundschaftlichen, mit höchst werthvollen Instructionen für meine Indische Reise, sowie das Paket Bücher, welches Sie mir nachsandten, mit dem sehr nützlichen Malayischen Vocabularium etc. ||

Die drei Pfingsttage in München waren für mich sehr ergiebig, da ich dort nicht weniger als vier Java-Naturalisten consultiren konnte – außer Ihnen auch Selenka, Goebel und Giesenhagen. Letzterer, der eben erst zurückgekommen war, hat mir Sumatra (Bovelande von Padang) sehr verlockend geschildert.

Ich werde nun wahrscheinlich schon am. 4. (– spätestens am 18.) September meine Java-Reise von Genua aus antreten, zunächst 14 Tage in Singapore bleiben, wo Dr. Hanitsch (Director des Raffles-Museum, vor 30 Jahren mein Assistent) mich freundlichst eingeladen hat – dann in Buitenzorg; Treub schrieb mir kürzlich einen höchst liebenswürdigen Brief; ich werde bei ihm wohnen. ||

Inzwischen übe ich mich fleißig im Photographieren mit meinen neuen Zeiss-Apparaten, Ihren Instructionen entsprechend.

Sehr bedauert habe ich, daß Sie sich am 6.6. umsonst an die Bahn bemüht haben; ich war schon eine Stunde früher abgereist.

Ihrer Frau Gemahlin danke ich noch besonders für die vortrefflich gelungene englische Übersetzung Ihres ausgezeichneten Werkes über den „Australischen Busch“; sie hat mich natürlich aus mehreren Gründen sehr interessirt. Ihr gütiges Anerbieten, mir selbst ein Moskito-Netz anzufertigen, darf ich aber bei der vielen damit verbundenen Mühen wohl kaum annehmen. ||

Unsere Freunde Giltsch, Fürbringer und Stahl tragen mira freundliche Grüße für Sie auf. Ich mußte natürlich sehr Viel von Ihnen erzählen. Daß fast alle meine Handlungen – also auch der Besuch bei Ihnen! – von den Einen eben so heftig getadelt, als von den Andern gelobt werden, bin ich seit 30 Jahren gewöhnt. Ich habe mich aufrichtig gefreut, Sie Beide wohl und glücklich zu sehen. Von der weiten und hohen „Kosmologischen Perspective“, zu der ich mich emporgekämpft habe, sehe ich viele Dinge ganz anders an, als die meisten anderen Menschen, zumal ich an keinen „freien Willen“ mehr glaube. Historische Facta sind mir durch ihre Entwicklungsgeschichte und Ursachen zu würdigen.

Mit freundlichen Grüßen und wiederholtem herzlichen Danke Ihr alter

Ernst Haeckel.

a eingef.: mir

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-06-1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32673
ID
32673