Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Engelmann, Jena, 18. Juni 1870

Jena 18 Juni 70

Lieber Freund!

Durch Ihren lieben Brief, für den ich herzlich danke, haben Sie mich sehr erfreut. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß die darin ausgesprochene Fassung, die Ergebung in das unbeugsame Schicksal und die Resignation auf das Unersetzliche Verlorene, sich bei Ihnen mehr und mehr befestigt, und daß Sie immer noch die große Kunst lernen, das Gute und Lebenswerthe, was am Leben immer noch bleibt, herauszusuchen und zu verwerthen. Ist es mir doch ebenso ergangen, und jetzt, nach sechs Jahren harter Arbeit und Selbstbefestigung sehe ich meinen weiteren Lebensschicksalen mit größerer Ruhe und Festigkeit entgegen, als ich früher je für möglich hielt. || Sehr gefreut hat es mich zu hören, daß es Ihren lieben Kleinen gut geht: Mögen sie so fort gedeihen!

Mir selbst geht es im Ganzen gut. Mein Junge, jetzt bald 2 Jahr alt, ist sehr niedlich und munter. Meine Frau ist leider viel kränklich.

Ich bin jetzt mit einer größeren „Monographie der Kalkschwämme“ (schon seit 2 Jahren) beschäftigt, die sich wohl noch über 1 Jahr hinziehen wird. Um sie zu vollenden, will ich im Herbst wieder an das Mittelmeer gehen, wohin, weiß ich noch nicht sicher. ||

Gegenbaur geht es gut. Er ist sehr glücklich, seine Kleine jetzt wieder bei sich zu haben, ein niedliches munteres Mädchen von 6 Jahren.

– Naumann ist noch unvermindert der Alte. Ich sehe ihn selten, da ich überhaupt sehr still und ungesellig lebe.

– Dohrn (der seit 2 Jahren hier habilitirt ist, sich übrigens nicht grade in sehr vortheilhafter, wenigstens nicht in angenehmer Weise entwickelt hat) siedelt jetzt nach Neapel über, um dort ein großes Aquarium (theils für den Besuch des Publikums, theils für wissenschaftl. Arbeiten) einzurichten. ||

Die II. Aufl. meiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ habe ich Ihnen vor Kurzem per Buchhändler May zugesendet. Sie werden sie bedeutend verbessert und vermehrt finden. Das Buch wird jetzt in das Englische, a Italiänische und Russische übersetzt.

– Wenn Sie meinen Vetter, Lodevyk Mulder (Director einer Unterrichts-Anstalt in Utrecht) sehen grüßen Sie ihn bestens von mir. Er ist ein sehr gebildeter und netter Mann. An Hertwig ebenfalls freundl. Grüße und Dank für seine Photographie.

In unveränderter Freundschaft mit den besten Wünschen

Ihr alter

Haeckel

a gestr.: da

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
18.06.1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Utrecht
Besitzende Institution
Staatsbibliothek Berlin PK
Signatur
Slg. Darmstaedter, Lc 1875: Haeckel, Ernst
ID
32403