Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Max Fürbringer, Jena, 27. Dezember 1904

Jena, 27.12.1904

Liebster Fürbringer!

Mit innigster Teilnahme erfuhren heute meine Frau und ich den schweren Verlust, den Ihr gestern durch den plötzlichen Tod Eures einzigen geliebten Sohnes erlitten habt. Welche Fülle von schönen und berechtigten Hoffnungen ist durch dieses tragische Geschick eines reichbegabten und tadellosen jungen Lebens vernichtet worden! Da wir wissen, wie nah Euch Euer lieber vortrefflicher Carl stand, mit welcher unendlichen Elternliebe und Fürsorge Ihr diesen vielversprechenden Sohn stets gehütet und geleitet habt, teilen wir Euren Schmerz aufrichtig und von ganzem Herzen! Als ich im April d. J. in München Richard Hertwig sprach, erfuhr ich durch ihn, dass Euer Carl dort überaus fleissig, ja übermässig arbeite, und dass zu fürchten sei, seine zarte Gesundheit werde diesen allzustarken Anstrengungen nicht gewachsen sein; er selbst sei auch deshalb besorgt.

Ich fürchte, dass dieser Pflichteifer, der unbefriedigende Kampf zwischen seinem hohen Streben und seinen ungenügenden Kräften, seinem hoffnungsvollen Leben grade jetzt, wo aus der schönen Blüte die reiche Frucht reifen sollte, allzufrüh ein Ziel gesetzt hat. Wir drücken Euch in stillem Schmerze die Hand!

Stets Dein treuer alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
27-12-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32370
ID
32370