Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Allmers , Messina, 20. Januar 1860

Messina 20.1.60

Mein lieber, alter Zeltgenosse!

Solche Freude habe ich in meinem sicilischen Exil lange, lange nicht gehabt, als vorgestern, wo mir der Vapor e von Marseille endlich den langersehnten aus Rechtenfleth brachte u n d zwar einen so lieben, herzigen, netten Brief, daß D u auch umgehend mit der ersten Post Antwort darauf haben sollst. Solche V ö gel kehren selten bei mir ein, wie diese liebe B rieftaube aus Rechtenfleth u nd , um so mehr muß ich bestrebt sein, sie mir warm zu halten. Freilich war auch die Freude um so größer, je länger die lieben Zeilen ersehnt waren. Denn eigentlich hatte ich schon seit Anfang December , wo ich D ich bestimmt zu Haus angelangt glaubte, auf die versprochene Nachricht gehofft u nd als nun gar Weihnachten, und Neujahr ohne dieselben leer ausgin gen, fing doch der zweifelnde Gedanke an aufzustehen „Ach, der wird den langweiligen nüchternen Naturforscher lange über der großen Schaar seiner warmblütigen Dichter u nd Künstlerfreunde vergess en haben!“ Daß dies aber nicht der Fall ist und daß D u mir in D einem reichen großen Herzen doch auch noch ein kleines E ckzimmerchen als beständiges Asyl offen erhalten , zeigt mir die unveränderte liebe Gesinnung in D einem prächtigen Brief, der mir meinen alten lieben Wanderfreund gerade so zeigt, wie ich ihn von ganzem Herzen liebgewonnen habe. Besonderen Dank sollst du auch für die nette Schilderung D einer Heimreise haben, welche meine Sehnsucht nach unserm lieben deutschen Vaterland und speziell nach dem liebsten Freund, den ich hier so sehr entbehre, wieder reicht lebhaft wachgerufen hat. Doch genug hiervon, laß D ir nun auch erzählen, wie es mir hier den Winter über seit unserer Trennung ergangen ist. | |

Um gleich das Beste vorauf zu nehmen und D ir das Hauptresultat meines hiesigen Aufenthalts in ein paar Worten zusammenzufasssen , kann ich D ir sagen, daß es mir über alle Erwartung gut gegangen ist. Du weißt, wie ich mich vor dem Winter in Messi na fürchtete und wie D u mich damit tröstestest , daß gewöhnlich im Leben das, wovo n man vorher am meisten fürchte, nachher den größten Vortheil bringe. Diesmal ist es wirklich so gekommen. Die sicilischen Meergötter haben sich mir über alle meine kühnsten Hoffnungen hinaus günstig erw iesen u nd ich bin schon jetzt so weit, hoffen a und bestimmt sagen zu können, daß mir diesen Winter Italien für meine wissenschaftliche Verstandesbildung ebenso fruchtbar und für mein ganzes Leben höchst bedeutsam bleiben wird, wie es für die Ausbildung u nd Bereicherung des Gemüthes und des Phantasielebens der Sommer geworden ist, d.h. nun die 4 überaus reichen Monate, die ich mit D ir bestem Menschen zusammenverlebte ; denn nur diese habe ich wahrhaft gelebt u nd genossen.

Schon jetzt habe ich so viel Schönes Neues gesehen, entdeckt u nd bearbeitet, daß mir ein recht hübsches Werkchen als Product dieses Winter aufenthaltes in dem zoologischen Eldorado sicher ist , und ich hoffe dies in den noch übrigen 3 Monaten recht bedeutend zu vervollständigen. Fürchte nun nicht etwa , daß ich D ein phantasievolles Dichterherz mit einer Schilderung und Beschreibung all der zoologischen Herrlichkeiten quäle, die Messinas Hafen in überreichem Maaße mir täglich liefert, den herrlichen Quallen, Schwimmp oly pen , Salpen, Pteropoden, Heteropoden , Cephalopoden und wie die - poden sonst noch alle heißen mögen. Zwar hätte ich alle Veranlassung und a uch nicht geringe Lust dazu; || allein ich weiß, daß solche M ühe bei D einen antisystematischen Neigungen doch vergeblich verschwendet sein würde. Du liebst doch aus dem ganzen großen Thierreiche nur den Pegasus u nd allenfalls noch den Ph o eni x , Greif, Delphin und einige andere derartig e fabelhafte Ungeheuer und hast kein liebevolles Herz offen für alle die überaus schöne n , zierlichen u nd mannichfaltigen Schöpfungsgestalten, die mich hier täglich beglücken u nd begeistern. Etwas kann ich D ir aber doch nicht ersparen, nämlich einige Andeutungen über die reizenden kleinen Seeungeheuer, welche hier mein Haupt studium sind, und welche durch D eines Freundes Hand zuerst ans Tageslicht gefördert und den verwunderten Augen der erstaunten Welt Preis gegeben werden sollen. Gewiß wirst D u noch nicht einmal den Namen dieser kleinen Wunderthierchen gehört haben und um so mehr wirst D u mir dankbar zu sein glauben , wenn ich D einer Dichtungsphantasie durch ihre Bekanntmach ung ein ganz neues Feld eröffne . D enn poetisch sind sie, und s o reizend gestalten schön, daß D u ein stmals bei dem A nblick der schönen Kupfertafeln aus E. Haeckels große m Radiolarienwerk gewiß nicht den alten bekannten Streit über die Grenzen des Schönen u nd Interessanten wieder aufnehmen wirst! Radiolarien heißen sie also; und zwar hat ihnen diesen Namen zuerst unser großer verstorbener Altmeister J. Mueller gegeben, der 1858 das erste große Werk über diese vorher fast ganz unbekannten Geschöpfe, die in Millionen jeden Fußbreit der Meeresoberfläche bevölkern, hat erscheinen lassen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich D ir dasselbe in Capri gezeig t ; es war ein grün eingebundenes Quartheft mit 11 sehr schönen Kupertafeln . | |

Die allermeisten dieser Radiolarien sind so winzig , daß sie auch das schärfste Auge unbewaffnet höchstens als einen eben wahrnehmbaren Punkt im Wasser erkennen kann, unter dem Mikroskop zeigen sie sich aber meist mit einem überaus schön u nd mannichfaltig geformten Kieselpanzer versehen, der die allerwunderbarsten u nd merkwürdigsten Gestalten annimmt u nd nachahmt. Bei einer großen Abtheilung ( Acanthometrae ) ist ein verschieden ausgebildeter strahliger Stern oft eine reiche Strahlenform, bei anderen ( Polycystinen ) ein aus sehr zierlichen Kieselnetzwerk geformtes Schaalengehäuse von der Gestalt einer Netzkugel, Glocke, ei ne s Helms, Panzers, Bischofshuts, Turbans, ei ner Amphora etc. etc. Ja denke D ir, vorgestern, grade als mich D ein lieber Brief überraschte, hatte ich so eben (welch‘ sinnreiche Fügung des Schicksals!) eine reizende kleine Polycystine gefunden, welche vollkommen einem altchristlichen Baptisterium gleicht, eine halbkugelige Kuppel mit sieben sehr kleinen Fenstern, getragen von sieben zierlichen schlanken Säulen! ! Ist das nicht köstlich? Die Bestie müßte eigentlich B abtisterium Allmersii heißen ! Dir wird das Herz im Leibe lachen, wenn D u sie siehst. Bald möchte man wirklich glauben, es gäbe nichts Neues unter der Sonne; denn ein e große Anzahl der verschiedensten menschlichen Werkzeuge, namentlich altgriechische Hausgeräte, Trinkbecher, Waffen etc. finden sich in diesen mikros c opischen Kieseltierchen vorgebildet, und zwar mit so reinem Geschmack so „ st y lvoll “, daß D u der hehren Mutter Natur wenigst en s in diesem Punkte gewiß einm a l den Vorrang vor der menschlichen Kunst zuerkennen müßtest . Ich f r eue mich schon jetzt auf die großen Augen, die D u bei ihrem Anblick mach en wir st. | |

J. Mueller beschrieb in dem erwähnten berühmten Werk (eigentlich dem einzigen, das über diese ganze Klasse existirt ) 50 mittelländische Radiolarien. Ich habe nicht nur die meisten derselben hier wiedergefunden, sondern auch bereits ebenso viel neue dazu entdeckt, u nd zwar zum Theil noch viel schönere u nd reizendere Formen, als er kannte.

Die Thierchen , die in diesen Geh ä usen wohnen, sind übrig en s äußerst einfach organisirt u nd stehen in der That auf der niedersten Stufe des Thierreichs , noch weit unter den Infusorien. Es sind einfache, sehr kleine Gallertklümpchen, deren ganze Lebensthätigkeit im Ausstrecken und Einziehen vieler hunderte äußerst feiner veränderlicher Fäden besteht . Daß d a die Beobachtungen über die Entwicklung der verschiedenen Leidenschaften und sonstigen psychischen Regungen , der Be friedigung des Herzens, der Liebe, der Wanderlust etc nicht sehr ergiebig sind, ist erklärlich. Um so mehr Freude macht mir d a s Studium der reichen Formenwelt ihrer Kieselpanzer, welche durch ihre massenhafte Entwicklung in vergangenen Erdperioden ganze Gebirge zusammengesetzt haben. Du kannst denken, mit welchem Fleiß u nd welch sorgfältigen Genauigkeit ich sie alle zeichne u nd würdest D ich über die fast archite c tonische Schärfe, Genauigkeit u nd Sicherheit freuen, welche ich mir dabei angeeignet habe. Denn architectonisch sind diese, ganz mathematisch genau bestimmbaren F o r men in der T h a t u nd schon aus diesem Grunde sollen sie D ir gefallen. Kriege ich nur ein en ordentlichen Verleger, der mir die Kupfertafeln splendid ausstat tet , so soll es schon ein recht nettes kleines Prachtwerkchen werden, das mir hoffentlich auch einige n Ruf verschafft, in der Folge vielleicht auch eine Professur u nd was alles für schöne Zukunftspläne sich daran knüpfen, das Heimführen des süßen Bräutchens, de r Besuch des hartnäckigen alten Junggesellen Herrn von A. in unserer kleinen glücklichen Häuslichkeit u nd was dergleichen mehr ist. | |

Seitdem ich übrigens in d ieser prächtigen, höchst anziehenden Arbeit dran sitze (Ende November ) fesselt sie mich so daß ich alles andere darüber vergesse u nd all das andere merkwürdige Viehzeug, von dem sonst der reiche Hafen ganz wimmelt, fesselt mich nicht mehr u nd ich bin in diese reizende Geschöpfe so verliebt, daß ich alle Augen für A nderes dadurch verloren habe. Mein Lebenslauf ist demnach auch der einfachste u nd einförmigste, den man sich denken kann. Mit dem früh sten Morgenlicht fahre ich im Boot in den Hafen hinaus, wo ich mir in 1 Stunde selbst alle Schätze zusammenfange. Dann wird rasch gefrühstückt und nun vom Morgen bis zum Abend so lange hinter dem Microscop gesessen und gezeichnet, als das liebe Sonnelicht nur eben hergiebt . Um 5 U . wird das frugale Mittagbrod eingenommen dann rasch ½ Stunde am Hafen hin u nd her gesprungen, u nd endlich wieder den ganzen Abend geschrieben, theils Briefe, theils die Beobachtungen des Tages ausführlich er entwickelt, ergänzt und ausgeführt. So verfliegt in wahrhaft beglückender Thätigkeit ein Tag nach dem Andern.

Aber trotz dieser ununterbrochenen Einförmigkeit ist dieses Leben nichts weniger als langweilig, da die unerschöpflich reiche Natur immer neue, schöne u nd interessante Formen liefert, welche neuen Stoff zum Rathen und Nachdenken, Zeichnen u nd Beschreiben geben. Das ist aber gerade so recht eine Arbeit für mich, da das künstlerische Element dabei so viel neben dem wissenschaftlichen zu thun hat. Zugleich bin ich dadurch mit meiner l ieben, mir für mein ganzes Leben obenanstehenden Wissenschaft wieder völlig ausgesöhnt worden, in der Treue gegen die ich wirklich durch D eine künstlerisch aesthetischen Einflüsse etwas wankend geworden war . | |

Freilich sind auch die letzteren dadurch wieder neutralisirt worden u nd ich muß erst einmal wieder D einen anregenden u nd belebenden Umgang genießen, um neue Freude und Lust an dem künstlerischen D iletti ren zu finden.

Denke D ir, seit D u f ort bist, habe ich den Pinsel no ch nicht wieder angerührt ( außer eben um eine Seebestie getreu zu conterfeien ) und nicht einmal die in Sicilien während der Reise unbeendet gelassenen Aquarelle vollendet! Alles befindet sich noch auf dem Statusquo D einer Abreise und wenn ich einmal dann u nd wann die alten Skizzenbücher zur Hand nehme, so ist es nur, um über die steifen, hölzernen Landschaften zu lächeln, mit denen ich mir einstmals einbildete, einen wirklich künstlerischen Anfang gemacht zu haben. Freilich behalten sie für mich immer unschätzbaren Werth , schon allein als die beste Erinneru ng an die glückseligen Wandertage, die ich an D einer Seite genoß ; aber wie ganz unkünstlerisch und embryonal diese schlechten Skizzen sind, sehe ich jetzt je mehr ein, je öfter ich sie ansehe. Als ich damals mit ordentlicher Leidenschaft aquarellirte , muß ich förmlich verblendet gewesen sein; jetzt wo der Geist der Kritik von D ir auf mich übergegangen zu sein scheint, muß ich über mich selbst lachen. Übrigens habe ich trotzdem die Lust immer noch nicht verloren u nd bin ich nur erst wieder daheim, so hoffe ich , soll aus dem Ölmalen doch noch etwas werden. Auch hier möchte ich gern noch einige Skizzen machen, allein bisher gab es immer so viel Wichtiges zu thun , daß ich nicht einmal mein D ir gemachtes Versprechen halten konnte, mindestens die Sonntage hinauszugehen u nd zu zeichnen. Meist habe ich auch alle Festtage ebenso wie alltags hinter meinem lieben Microscop gesessen. | |

So gut es mir übrigens jetzt hier geht u nd so zufrieden u nd b glücklich ich in meinem reichen lohnenden Arbeitsleben bin, so trat dieser angenehme Umschwung doch erst einen Monat nach deiner Abreise ein. Die ersten zwei Wochen, ehe ich mich eingelebt u nd c ehe ich mein gutes Arbeitsmaterial herausgefunden hatte, fielen mir recht schwer u nd besonders war die erste Woche mir ganz erbärmlich zu Muthe .

Du kannst selbst am besten beurtheilen , wir mir diese plötzliche Einsamkeit nach dem langen glücklichen Zusammenleben mit D ir schmeckte. Rechne ich doch diese 4 Monate, in denen mein gütiges Geschick mich in D einer Gesellschaft auf die Wanderschaft schickte, zu den glücklichsten, schönsten, rei ch sten u nd fruchtbarsten meines ganzen Lebens. Was hatte ich nicht alles mit D ir zusammen erlebt, gesehen, genossen und wie war mir bei alledem der Schatz guter ästhetischer Gedanken u nd poetisch künstlerisch en Anschauungen, der beständig D einem vielgewandten Sinn entströmte, eine reiche Quelle der Belehrung, Bildung u nd Anregung. Gewiß war unser Zusammentreffen in Neapel für mich das größte Glück der ganzen Reise u nd wenn ich etw as dabei bedaure, so ist es einmal , daß ich D ich nicht früher, in Rom, kennen lernte, u nd dann, daß ich D ir für D eine reichen Gaben nicht gleiche wieder bieten konnte. Doppelt lebhaft und tief empfand [ ich ] das alles, als du mich auf einmal wieder verlas s en hattest, und ich mich einsam, fremd u nd unverstanden in dem fremden Land zurückgelassen wußte . Du glaubst nicht, wie weh mir das Herz wurde, als ich zu m letzten Male am Hafenausgang D eine liebe treue Gestalt auf dem Vapore erblickte. Seit dem Abschied von meiner Braut hatte ich keinen solchen Trennungsschmerz erlebt; es war mir mit einmal, als sei mein bessres Ich entschwunden. || Die erste Woche nach deiner Abreise war noch besonders dazu anget h an , mich deine Entfernung doppelt schmerzlich empfinden zu lassen. Vielerlei, besonders das viele Unangenehme der erste n Einrichtung kam zusammen, um mich recht zu verstimmen. Aller Anfang ist ja schwer, u nd unter diesen Verhältnissen um so mehr. Als ich allein u nd verlassen das Victoria h ô tel wieder betreten, stand ich zuerst noch lange Zeit auf dem Balkon und schaute sehsüchtig nach Norden, bis die letzte Dampfwolke des bösen Vapore verschwunden war, d er mir meinen guten, lieben Kameraden entführt hatte.

Dann hatte ich zunächst das unangenehme Geschäft, mich mit Herrn Mueller wegen der Wohnung zu verständigen, was jedoch erst anderntags zu einem erwünschten Resultat führte . D a Hr. M. bei seinen Preisen eines H ô tels ersten Ranges blieb (für Wohnung u nd Mittagessen allein sollte ich täglich 1 Piast . zahlen!), beschloß ich, andern T ags auszuziehen. Das wirkte, u nd es fand sich nun , das oben i m 4 ten Sto ck (neben des Dr. v. B. Zimmer) noch ein kleines Stübchen frei sei, welches ich dann auch sofort bezog. Ich zahle dafür 2 Tari täglich u nd außerdem für Frühstück u nd Mi ttagessen 7 Tari ; so daß also die täglich e reg ulaere Ausgabe sich nun auf 9 T (also = 1 r h. P r .) beläuft. Ich esse mit dem Dr. v. B. zusammen, u nd seit 8 Tagen auch mit den beiden erst jetzt von Neapel angelangten Lüneburgern . Mein kleines Zimmerchen ist ganz allerliebst u nd würde D ir gewiß recht gefallen, so wie ich selbst es wohl später sehr entbehren werde. Das Stübchen ist zwar etwas niedrig u nd eng, besonders für die reichen Sammlungen von Gläsern voller Seethiere , die alle 3 große Tische besetzt ha l ten; dafür hat es aber auch vieles A ngenehme, die gesunde reine Luft, die nicht durch den Gestank u nd das unausstehliche Gebrüll de s Fisch markts gerade darunter verpestet wird (wie im I Stock) und vor allem die abends herrliche Aussicht. | | Der Blick aus meinem niedern Fensterchen streift weit über Hafen und Meerenge hinaus, nach Süden u nd nach Norden (viel häufiger natürlich nach letzterem!). Gerade gegenüber breitet sich d. überaus herrlich e catal i nische Küste aus mit ihren prächtig gedehnten großen Berglinien u nd einer Modellirung der Bergrücken u nd Thalschluchten , die wahrhaft entzückend ist und mich durch den Zauber ihrer ewig wechselnden Beleuchtung gar oft vom Microscop ans Fenster lockt. Besonders die Nachmittags- u nd Abendsonne bereitet da so wundervolle Beleuchtungen u nd Farbenbilder vor, daß ich täglich vom Neuen darüber mich d freue u nd staune. Einen solchen wunderbaren Wechsel der Farben u nd Formerscheinung meine ich noch nirgends an einem Gebirge erlebt zu haben, besonders seitdem die obere Hälfte der catalinschen Berge sich in dichten Schneepelz gehüllt hat, und zu de n prächtigsten Contrastwirkungen Veranlassung giebt .

Wie oft denke ich bei de m prächtigen Anblick an D ich u nd wünsche D ich herbei, um mit mir zu schauen u nd zu genießen. Besonders machen sich jetzt sehr häufig zarte blaue und blauröthliche , auch grünliche Farben geltend, wie wir sie im Sommer kaum gesehen haben. Dagegen erscheint das Meer meist viel blasser u nd hat nie das wunderbare tiefe Blau, welches uns in Palermo u nd Syracus so en tzückte. Dafür wird es jetzt oft vo m he ftigsten Siroccost urm , de r den Regen in Strömen herbeiführt, im Grunde aufgewühlt u nd nimmt dann einen ähnlichen Character an, wie ihn unsere w ilde Nordsee fast immer besitzt. Frei lich kann dan n anderntags der Hafen schon wieder spiegelglatt sein, wie de nn überhaupt das Wetter in Messina äußerst veränderlich er, beständiger April ist. | |

Der Winter ist hier übrigens im Ganzen bisher sehr milde ver laufen. Gewöhnlich steht das Th ermometer zwischen 11 und 13 ° R. Nur in ein paar Tagen a nfang December sank es auf 8° R . herab. Die düster n wolkigen Regentage überwiegen; die heiter n So nnen tage dazwischen sind aber um so schöne r u nd wahre Frühlingstage. Dann ist der Blick au s meinem Fensterchen beneidenswerth . Er ist auch so schön, daß er mit daran Schuld ist, daß ich noch so wenig von der Umgegend gesehen habe. Nur ein paar mal war ich auf dem Rücken der Höhen über der Stadt, von wo man den prächtigsten Blick auf beide Meere hat, rechts auf die Meerenge, die mehr wie ein großer Strom mit blühenden Ufern aussieht, links auf die Nordküste der Insel, einst das Ziel unserer Sehnsucht, mit dem weit vor herr agenden Milazzo und Cap Tin d aro , weiter draußen im [ ] e unser kleiner munterer Stromboli und die anderen liparischen Inseln. Nach letzteren hoffe ich noch mit den beiden Lueneburgern , Kefer stein u nd Ehlers , eine Excursion zu machen u nd D ir dann noch von den dortigen Laven mitzubringen. Da diese erst vorige Woche von Neapel gekommen sind, haben wir au ch die Petrefacten aus der Umgegen d noch nicht sammeln u nd bestimmen können. Theils deßhalb , theils weil ich noch die gewünschten Bestien zu fangen u nd der Kiste beizupacken hoffe, habe ich die letztern noch nicht abgesandt. Da ohnehin jetzt kein Bremer Schiff hier liegt, hat es wohl Zeit bis zum März, wo ich sie dann mit meinen eignen Sachen zusammen packen und abschicken kann . Den Wunsch einige Flaschen Syracuser beigefügt zu sehen, werde ich nicht erfüllen können, da die s er, horribile dicte ! in ganz Messina nicht aufzutreiben ist. Dagegen wird wohl ein edler Etna Wein von Catanea seine Stelle gut vertreten. | |

Von meinem geselligen Leben u nd Umgang in Messina ist wenig zu melden; zuwei len gehe ich Abends zu de n Familien Klostermann, Peters und Sarauw . Nach Tisch plaudere ich gewöhnlich ein Stündchen mit de m Dr. v. Bartels u nd beiden Lueneburgern . Ersterer ist auch den Tag über viel auf meiner Bude u nd im Ganzen sehr liebenswürdig. Er ist eine von den Naturen, die bei längerem Umgang viel gewinnen, ein gesunder, ehrlicher, einfacher, echt norddeutscher Character . Dagegen hat er mich in den ersten Wochen nach deiner Abreise, wo er noch krank war, mit seinen hypochondrischen Grillen sehr gequält. Wie sehr ich unter diesen Umständen D ich lieben herzigen Menschen vermisse, aus dessen reichem edlen Gemüthe mir meine besten Ideen verbessert u nd verschönt zurückstrahlten, der mir des Lebens wahren Kern erst recht in seiner f eigentlichen Gestalt zeigte, brauche ich D ir nicht weiter g auszuführen. Die beiden Lueneburger sind zwar recht nette Leute, aber an allzu warmen Gemüth leiden beide nicht, u nd Herz wie D u hat vol l ends keiner. Du bist u nd bleibst einmal meine liebste u nd beste Freundesseele u nd D ich in unsrem lieben herrlichen deutschen Vaterlande wiederzusehen u nd mit D ir alte liebe Erinnerungen austauschen h zu können, soll mir nach meiner Rückkehr, nächst dem Wiedersehen der lieben Braut und der guten Eltern, die größte Freude sein. Wann ich wieder in Berlin eintreffe, ist noch nicht genau bestimmt. Wahrscheinlich bleibe ich bis zum April hier u nd gehe dann direct über Marseille heim. Kannst D u mich bis dahin noch ei n m a l mit ein en Briefe überraschen, so wirst du mir einen ganz besonderen Festtag bereiten. Nun, mein lieber alter Bursch, hab nochmals 1000 Dank für alle D eine Liebe u nd bewahre sie mir immer so. Grüß auch unsere theure Heimath von deinem treuen alten Wandergenossen

E. Haeckel.

Ich schreibe D ir absichtlich unfrankiert, weil das hier viel sicherer ist. Die frankirten Briefe werden häufig von den Postschurken erbrochen und die Frankiermarken abgeschnitten. i

N.B. Bald hätte ich vergessen, D ir für den überschickten Wechsel besten Dank zu sagen die überschüssigen 9 Piaster werde ich mit für den Ankauf der gewünschten Gegenstände verwenden. j

a gestr .: zu ; b gestr .: ich ; c gestr .: ich; d eingef .: mich ; e Textverlust durch Papier ausriss ; f Te xtverlust, im Text steht nur „sei“, Ergänzung nach Erstdruck; g Textverlust, im Text steht nur „ wei , Ergänzung nach Erstdruck; h korr. aus: auszutauschen; i Text weiter am linken Rand von S. 10: Ich schreibe … abgeschnitten; j Nachsatz am linken Rand von S. 8: „N.B. Bald … verwenden.“

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-01-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Rechtenfleth an der Weser
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32227
ID
32227