Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Heinrich Schmidt, Jena, 22. März 1910

Herrn

Dr. Heinrich Schmidt,

Jena (Pfaffenstieg 5).

Jena 22. März 1910.

Lieber Herr Doctor!

Nachdem Sie sich in wiederholter mündlicher Besprechung bereit erklärt haben, das unfertige Manuskript meiner letzten Arbeit: „Die Wahrheit, eine offene a Antwort an die katholischen und die evangelischen Jesuiten“ – einer sorgfältigen kritischen Durchsicht zu unterziehen, erhalten Sie dasselbe hierbei durch Herrn Alfred Kröner zugesandt, welchem ich es zunächst zur vorläufigen Kenntnis (– mit eventueller Verlags-Offerte) mitgeteilt hatte.

Wie Sie wissen, ist mir diese Arbeit sehr schwer geworden, da es galt, aus der weitläufigen Masse von Streit-Objekten in diesem widerwärtigen Kampfe das Wichtigste herauszusuchen und die verlogenen Angriffe unserer jesuitischen Gegner im richtigen Zusammenhang zurück zu schlagen. || In den sechs Winterwochen, welche ich dieser aufgedrungenen Arbeit gewidmet habe, wurde ich (– wie Sie wissen –) vielfach durch andere dringende Arbeiten gestört. Dabei empfand ich mehr, und schmerzlicher als je zuvor, die Mängel meiner Arbeitskraft, welche sich durch die Last der 76 Jahre, den Verlust der geistigen und körperlichen Elastizität, und besonders durch die Abnahme des Gedächtnisses bedingt sind. So entspricht denn die Ausführung der mühsamen Arbeit keineswegs meinen eigenen Ansprüchen, auch ist es mir – trotz aller Anstrengungen – nicht möglich gewesen, den Text (von 134 Blättern) druckfertig herzustellen; ich mußte viele Lücken lassen und kann diese erst Anfang Mai ausfüllen (– nach der Rückkehr von der Reise nach Monaco, die ich notwendig morgen antreten muß –). || Somit muß ich Sie freundlichst bitten, den ganzen Text des Manuscriptes einer sorgfältigen Durchsicht und freimütigen Kritik zu unterwerfen, Wiederholungen zu streichen und Fehler zu verbessern. Sie werden am besten tun (– als früherer strenger „Schulmeister“ –) auf einem besondern Bogen jedes einzelne Blatt mit einer „Zensur“ (1–6?) zu versehen und außerdem Ihr Urtheil scharf zu formuliren. Ich bin jetzt von großem Mißtrauen gegen meine Leistungsfähigkeit erfüllt.

Das Honorar, welches ich Ihnen für diese zeitraubende, mir sehr wichtige Arbeit schuldig bin, bitte ich Sie wohlan selbst zu beziffern.

Indem ich Ihnen für diesen neuen Freundschafts-Dienst meinen herzlichen Dank im Voraus abstatte, knüpfe ich daran den Ausdruck der Hoffnung, daß Sie auch bis zum (– nahen? –) Schlusse meines Lebens-Abends mir die stets bewährte Treue bewahren werden.

Stets Ihr alter Ernst Haeckel. ||

[Briefbeilage]

Quittung

von

Dr. Heinrich Schmidt

Jena 11. Januar (1906)

1912. ||

900 Mk

Neunhundert Mark

habe ich heute aus der Kasse des Phyletischen Archivs in Jena durch dessen Director, Herrn Prof. Dr. Ernst Haeckel erhalten, als Honorar teils für die bisherigen Dienste als Assistent desselben, teils für b zukünftige Dienste, welche ich noch fernerhin Demselben zu leisten mich verpflichte.

Jena Januar 1912.

a gestr.: offene; b gestr.: alle

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22.03.1910
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32163
ID
32163