Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Johannes Lachmann, Würzburg, 14. August 1856

Würzburg 14/8 56

Mein lieber Lachmann!

Kölliker und Heinrich Müller haben ihre Wien-Triester Reisepläne aufgegeben, gehen statt dessen nach Nizza, und haben auch hierhin mich in der freundlichsten Weise aufgefordert, sie zu begleiten. Daß ich über diese Änderung äußerst glücklich bin, kannst Du Dir denken. Brauche ich Dir doch über Nizza eigentlich Nichts weiter zu schreiben, und Dich nur auf „Ocean und Mittelmeer“ verweisen, welches ich jetzt halb auswendig kann. Die Notizen über Triest, um die ich Dich gebeten hatte, werden dadurch natürlich überflüssig; um so nothwendiger aber die Oschatz’schen Präparatkästchen, wovon ich Dich mir 4, wenn sie gut sind, 6 Stück, zu besorgen bitte, sowie ein kleines Fläschchen mit Lack. Du schickst es mir wohl am besten frankirt her und läßt Dir das Porto, so wie die übrigen Ausgaben, von meinen Eltern nach deren Zurückkunft wieder geben. Für die Besorgung des Lectionscatalogs besten Dank. Schreibe ihn ebenfalls zu den übrigen Ausgaben. Verzeihe, daß ich Dich so viel mit Aufträgen und Bitten quäle; da aber meine Eltern jetzt auf Reisen sind, mußt Du schon die Güte haben, mir einige Opfer an Zeit und Mühe zu bringen. ||

Mein Reiseplan ist kurz folgender: Am 28/8 von hier ab, über Basel nach Vevey, wo ich Kölliker, H. Müller und unseren 4ten Reisegefährten Dr. Kunde, treffe. Von da am 1/9 über den großen Bernhardin nach Aosta, Turin. Über den col di Tenda nach Nizza. Dort 4–5 Wochen. Die andern drei gehen dann nach Paris, ich über den Lago maggiore nach Splügen, wo ich 8 Tage bei dem lieben Boner zu bleiben gedenke. Dann über Lindau, Augsburg etc. schnurstracks nach Berlin. Solltest Du irgend einen speciellen Wunsch haben, daß ich für Dich etwas sammeln möchte, so schreibe mir dies bei zeiten, ebenso falls Du mich noch auf irgend etwas Besonderes, sei es hinsichtlich der Fundorte der Bestien, der Fangweise oder der Untersuchungs- und Conservationsmethode etc aus Deiner neuern Erfahrung aufmerksam machen könntest.

Für Deinen lieben Brief herzlichen Dank.

Hoffentlich werden wir uns ja immer mehr und besser verständigen, nicht wie in der bewußten Specialangelegenheit, sondern auch im Allgemeinen.

Wo geht denn unser Joh. Mueller dismal hin? Meine Eltern sind jetzt am Rhein. Meine Mutter hatte leider in Eilsen Intermilleus bekommen und war dort einem Quacksalber in die Hände gefallen, der sie auf die unverantwortlichste Weise behandelte. || Ich habe sie natürlich gleich aufs dringendste gebeten, Medicin zu nehmen und danach ist dann auch glücklich das Fieber verschwunden. Doch soll sie noch recht matt sein. Anfangs wollten mich meine Eltern besuchen. Doch wird nun wohl nichts daraus werden, da sich unser Abreisetermin so verfrüht hat.

Der Kleine läßt auch herzlich grüßen. Er kränkelt jetzt leider zuweilen wieder etwas und übernimmt sich dabei mit Arbeiten. Er ist doch ein prächtiger Mensch und er hat mir vor allen meinen andern Bekannten das ganze Herz abgenommen. Mittags und Abends ist er mein einziger Umgang, wie ich der seinige. Es wird mir recht schwer werden, den lieben Menschen nun auf so lange Zeit ganz Adieu zu sagen.

− Vorige Woche waren wir beide als Ehrengäste zu dem großen Abschiedsdinner eingeladen, welches die medic. physik. Gesellschaft Virchow zu Ehren brachte und wobei sie ihm ein Bild Würzburgs überreichte.−

Grüße alle unsre Freunde herzlich.

Entschuldige das bunte, ordnungslose Durcheinander des Briefs. In meinem Kopfe sieht es aber jetzt eben so aus. Ich weiß in der That nicht, wo ich die Zeit zu Allem hernehmen soll, was ich in den letzten 12 Tagen hier noch machen muß. An ordentliche Vorbereitung für Nizza ist natürlich nicht zu denken. –

In alter Freundschaft

Dein Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-08-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 31894
ID
31894