Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Käthe Besser, Jena, 9. Juli 1905

Jena 9.7.1905.

Liebe und hochverehrte Freundin!

Mit herzlichster Teilnahme ersehe ich aus Ihrem lieben Briefe, daß Sie noch immer sehr leidend sind und daß Ihre starke und mutige „Psyche“ im Kampfe mit dem rebellischen „Soma“ schweren Stand hat. Ich wünsche von Herzen baldige und gründliche Besserung!

Ihr pessimistisches Klagelied findet bei mir volles Verständniß; denn auch ich mache zunehmend mehr die traurige Erfahrung, daß das vielgerühmte „Leben“ umso düsterer und schattenreicher wird, je länger sich der ermüdende „Kampf um’s Dasein“ (– in jeder Beziehung! –) hinzieht. ||

Mein schwaches Herz (mit zunehmender Arterien-Verkalkung) schränkt meine Arbeitsfähigkeit und Beweglichkeit immer mehr ein. Diese Zeilen schreibe ich Ihnen nur mit Mühe, da ein alter Rheumatismus meinen Arm lähmt, ich außerdem die rechte Hand verletzt habe.

Wir leben jetzt ganz still und zurückgezogen, da die vieljährige Kränklichkeit meiner Frau absolute Ruhe erfordert. Außerdem nimmt ihr der trostlose psychische Zustand unserer jüngeren (jetzt 31 jährigen) Tochter (die im Sanatorium Tannenfeld bleibt) alle Lebensfreude. Mit meinen wissenschaftlichen Kämpfen (– und Niederlagen! –) bin ich jetzt zum resignirten Abschlusse gelangt; viel Mühe vergebens! Bevor wir im a „Nirwana“ Ruhe finden, möchte ich Sie gar zu gern noch einmal sehen! Mit wärmsten Grüßen

Ihr alter Freund Ernst Haeckel.

a gestr.: das

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-07-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 31823
ID
31823