Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Käthe Besser, Jena, 6. April 1906

Jena 6.4.06.

Hochverehrte liebe Freundin!

Ihre heutige Mitteilung, daß es Ihnen so viel besser geht und Sie wieder außer Bett sind, hat mich sehr erfreut; ich wünsche Ihnen von Herzen stetige Besserung und bald vollkommene Genesung – auch Befreiung von Ihren drückenden Sorgen!

In Folge Ihrer Anfrage habe ich heute sogleich Geheimrat Binswanger aufgesucht; er ist leider schon vorige Woche verreist. || Er bleibt noch mehrere Wochen bei seinem Bruder in Constanz der dort auch eine große psychiatrische Anstalt hat. Sobald er zurückgekehrt ist (Ende April) werde ich zu ihm gehen und mit ihm über Ihre Lage und Ihre Wünsche sprechen. Ich weiß nicht, in welchen Beziehungen er zu Ihrem lieben verstorbenen Manne und zu Dr. Gudden gestanden hat. ||

Prof. Binswanger ist jetzt ein sehr gesuchter Psychiater und gilt als sehr reich (– als sehr guter „Geschäftsmann“!) – besonders seit er kürzlich nach America constirt wurde. (Er ist Jude und dürfte schwerlich auf Ihren Plan betreffend Dr. Gudden, eingehen!). Seine hiesige Adresse ist: Oberer Philosophenweg 4. Können dann nicht die Bonner Collegen und Freunde Ihres lieben Mannes auf Dr. Gudden einwirken? ||

Mir geht es jetzt langsam besser; ich gehe täglich ein Stündchen spazieren. Das Salol scheint gut gewirkt zu haben. Aber leider hatte ich vor 14 Tagen (ohne besondere Veranlassung) wieder einen Anfall meines alten Rheuma, mit Schmerzen im Sprunggelenk. Ich weiß noch nicht, ob ich meine Absicht ausführen und im Sommer noch einmal werde Vorlesung halten können.

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen

Ihr alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-04-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 31818
ID
31818