Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Käthe Besser, Jena, 12. Mai 1910

Jena 12. Mai 1910.

Liebe und hochverehrte Freundin!

Ihr trauriger Brief, mit den Klagen über Ihre mißliche Lage, hat mich mit herzlichster Teilnahme erfüllt; ich würde Ihnen sehr gern helfen, wenn ich dazu in der Lage wäre. Leider ist das aber nicht der Fall. Durch das unglückliche Phyletische Museum, in das ich seit 3 Jahren alle meine disponiblen Mittel gesteckt habe (– schon bei der Gründung 60.000 Mark, den ganzen Ertrag meiner damals – 1907 – glänzenden Honorar-Einnahmen, später noch Vieles Andere) bin ich so weit eingeschränkt, daß ich jetzt die zahlreichen, an mich gelangenden Bittgesuche sämmtlich ablehnen muß! – Leider! ||

Seitdem ich mein Lehramt (am 1. April 1909) niedergelegt habe, beschränkt sich meine Einnahme auf die 6000 Mark Gehalt (die ich auch als Pension beibehalten habe). Davon verschlingt die Hälfte den Unterhalt unserer nervenkranken jüngeren Tochter, die jetzt 37 Jahr alt und seit 12 Jahren im Sanatorium ist. Mein einziger Sohn, Maler in München (jetzt 41 Jahre) ist fleißig und ordentlich, verdient aber gar Nichts; und da auch seine (sehr brave) Frau kein Vermögen besitzt, muß ich die Familie (mit 2 Töchtern) allein unterhalten!

Außerdem noch Unterstützung mehrerer nächst stehender armer Verwandten! ||

Somit bleibt mir, da meine Schriftsteller Tätigkeit vorüber ist und wenig mehr an neuen Auflagen abwirft, Nichts mehr übrig, das ich zur Befriedigung der vielen, mir zugehenden Unterstützungs-Gesuche verwenden könnte.

Nächstens kommt meine ältere Tochter, Frau Prof. Hans Meyer her, die in sehr guten Verhältnissen lebt; ich will versuchen, sie für Sie zu interessieren. Allein ihr reicher Mann wird auch von so zahlreichen Seiten um Unterstützung bestürmt, daß er nur nach genauer Kenntnis der Personen und Verhältnisse einen kleinen Teil befriedigen kann! Wieviel Elend giebt es, trotz allen Wohlstandes! ||

Die Freude an dem Phyletischen Museum, dem ich die größten Opfer an Zeit, Arbeit und Geld gebracht habe, ist mir durch das unglaublich brutale Benehmen meines Amtsnachfolgers, Prof. Plate, gänzlich verdorben worden. Ich habe nunmehr die Zoologie ganz aufgegeben, sitze still zu Hause, und male, oder schreibe an meinen Lebens-Erinnerungen. Meine arme Frau, seit 20 Jahren leidend, lebt auch ganz abgeschlossen. Zudem hat sich Jena so geändert, daß wir hier fast vergessen sind! – Sehr bedauert habe ich, in Baden Ihre liebe Tochter nicht gesehen zu haben. Ihre mannichfachen Familien-Sorgen bedaure ich herzlich!

Gut, daß wenigstens Ihr Sohn so gedeiht!

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-05-1910
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 31816
ID
31816