Haacke, Oscar

Oscar Haacke an Ernst Haeckel, Pforta, 30. Mai 1848

Geliebter Ernst,

Schämen müßte ich mich eigentlich, Dir nicht zuerst geschrieben zu haben, doch wohl wirst Du es entschuldigen, denn ich bin noch gar nicht fertig geworden mit dem Schreiben, denn einmal mußte ich dorthin schreiben, wiederum dahin. Jedoch um nicht meine Schlechtigkeit noch zu vermehren, habe ich Dir gleich nach dem Empfang Deines Briefes Nachricht von mir ertheilt. Vor allen Dingen muß ich Dir meinen herzlichsten Dank sagen für die Gratulation, mit welcher Du mich erfreut hast; allerdings kam sie ein Paar Tage später als mein Geburtstag gewesen war, was jedoch nichts ausmacht. Oft denke ich an die Zeit, in welcher wir zusammen oft nach dem Schulhaus gingen und oft unsre Neckereien und Scherze trieben. Mein Geburtstag ward recht feierlich und freudig gefeiert; denn an diesem Tage war gerade unser Schulfest, und den Tag darauf der sogenannte Bergtag.

Am Schulfest war bei Tische Music und Abends auch, gleichfalls den Bergtag, wir zogen in die Kirche mit unsrer Schulfahne, welche wir von Sr. Majestät den König im Jahre, ich glaube 1842, erhalten haben; da wurde gepredigt und das Thema war: „Das Pförtnerleben ist ein Jacobs Traum auf hartem Stein, doch voll Engelserscheinung und voll Gottes Segen.“ Dann schossen wir nach dem Vogel. || Auf dem Platze unten war die Bute des Herrn Conditor Furcht aus Naumburg aufgebaut und noch mehrere andre, und dann aß man sich recht den Leib voll. Den Dienstag war es fast ebenso. Wir zogen den Nachmittag auf den Knabenberg und speisten wieder rechten Kuchen. Da wurde getanzt; jedoch nur die Oberen, aber mit Damen; dann zogen wir wieder herunter und am Abend war „commun Schwof“ (allgemeiner Tanz.); da habe ich recht flott getanzt. Lectionen haben wir genug von 6 Uhr Morgens – 12 Uhr Mittags, dann nachdem Schulgarten frei gewesen ist von 2 Uhr – 7 Uhr mit besonderer Ausnahme. Gut zu Essen haben wir auch. Jedoch habe ich nicht erlangt, wornach icha strebte und was ich hoffte, nehmlich nach Tertia superiorb zu kommen; ich bin aufgenommen nach Tertia inferior, und es ist noch die Frage, ob ich zu Michaelis nach Tertia superior komm; vielleicht zu den Hundstagsferien besuche ich Merseburg, denn wir haben 6 Wochen Ferien; jedoch zu thun werden wir in Hülle und Fülle bekommen. Jetzt sind bis zu den Ferien noch 14 Tage; den Sonnabend über 8 Tage beginnen die Ferien; schreib mir noch vor dem Beginn Deiner Ferien, oder sag es Wiegner, oder Künzel oder Gasch. Jetzt ist bei uns schöne Zeit, denn es werden jeden Tag die Stuben bei uns aufgeputzt; die Waschstube ist schon geschmückt mit Laub, der Cor (Appartement) deßgleichen und ebenfalls die 12. Stube; heute wird in ihr illuminirt. Oft gehen wir baden und auch nicht selten spazieren; gestern sind wir beim Spazierengehen wie die Gemse über Berg und Hügel || gesprungen, gerade wie bei der Roßtrappe. Nun gut hiervon, ich will Dir etwas andres mittheilen. Die Woche haben wir:

6 Griechische Stunden.

11 Lateinische Stunden.

4 Mathematische Stunden.

4 Geographische Stunden.

Deinen 1. Brief empfing ich gestern, und schrieb gleich diesen, den zweiten heute mit Gaschens und Wiegners Briefen, über welche ich mich ungemein freute; sag ihnen nur: ich dächte recht oft an beide, und Gasch sollte nicht so klagen, ich wäre immer noch sein und auch Euer Haacke. Künzel bleibt von meinen Grüßen und meiner Liebe nicht ausgeschlossen. Ich denke oft an Euch, meine Geliebten. Sage Gaschen, ich hätte eben an ihn gedacht, als ich die türkische Stadt <> schrieb heute, jetzt eben. – Viele Grüße an Alle die uns Theuern, auch an Deine lieben und Wiegners und Gaschens gute Aeltern. Mit dem Homer-Lexicon will ich sehen, was es werden wird; ich werde wohl eins bekommen können; komm nur den Donnerstag, da habe ich wahrscheinlich einige Stunden frei, aber nicht aus den Mauern. Sage den Theuern, daß ich gern an sie geschrieben hätte, wenn mir nur irgend Zeitd übrig geblieben wäre, bald aber, vielleicht noch vor den Ferien, werde ich es thun. Gasch, auch ihr, wenn ihr wollt und mich lieb habt, sollt mir schreiben, noch ehe ich abreise (Sonnabend über 8 Tage!), wenn eure Ferien anfangen. Zanke einmal recht freundschaftlich Künzeln aus, daß er mir nicht geschrieben hat, er hätte mich gewiß nicht ein bischen lieb. Ich muß nun schliesen und verbleibe in fortdauernder Liebe zu Euch meine Geliebten

Schreibt mir noch vor dem Sonnabend über 8 Tage recht bald, omnes vero.

Oscar Haacke: Al. port.

Pforta 30 Mai 1848.

Gasch, klage nicht, ich bin Dein Dich innigliebender Freund und auch Eurer; vergesst mich nicht: ich heiße Oscar Haacke. –

Sage dem H. C. Gandner, er sollte mich doch besuchen, recht bald, zu den Himmelfahrtstagen, sag ihm, ich bin in der 8. Stube 2.Tisch.

Obergeselle: Baucksage I

Adresse. an Alumnus Haacke / WJ. Pforta b. Nord II 5.d

Sagt Gasch, Wiegner und Künzel ich hätte an Dich zuerst geschrieben, da ich auch von Dir zuerst bekommen hätte. Ich würde mit an die Andern geschrieben haben, hätte ich mehr Zeit.–e

a irrtüml: ist; b eingef.: superior; c korr. aus: ode; d Text quer weiter am linken Rand auf S. 3: Gasch … Nord II 5.; e Text weiter auf S. 1 oben: Sagt … Zeit.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-05-1848
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 30571
ID
30571