Kükenthal, Willy

Willy Kükenthal an Ernst Haeckel, Breslau, 26. Oktober 1903

PROFESSOR DR. W. KÜKENTHAL,

DIRECTOR DES ZOOLOG. INSTITUTES

UND MUSEUMS DER UNIVERSITÄT

BRESLAU, DEN 26 October 1903

Lieber Herr Professor!

Herzlichen Dank für die freundliche Zusendung der neuen Auflage der „Anthropogenie“. Zwar habe ich das Werk noch nicht zu Ende gelesen, doch kann ich Ihnen schon jetzt meine Bewunderung ausdrücken, wie Sie es verstanden haben die erdrückende Fülle der neuen Thatsachen der Ontogenie zusammenzufassen und unter einheitliche Gesichtspunkte zu bringen.

Von mir kann ich Ihnen nicht viel besonderes berichten. Allmählig habe ich mich in die Breslauer || Verhältnisse eingelebt, und fühle mich in meiner Stellung ganz zufrieden. Freilich nehmen mir Verwaltungsarbeiten einen ganz unverhältnismäßigen Theil meiner Arbeitskraft und nur ganz gelegentlich kann ich mich eigener Arbeit widmen. Eine größere morphologische Arbeit zu schreiben, ist mir allerdings unmöglich, ich werde zu häufig herausgerissen, als daß ich mich daran machen könnte; so habe ich mich systematischen Studien an Octokorallen ergeben, die sich leichter unterbrechen lassen, und die mich doch anfangen intensiver zu interessieren, besonders der Variabilität wegen.

Nun steht unser Neubau fertig da, im Winter werden noch innere Einrichtungsgegenstände beschafft und im Laufe des nächsten Sommers siedeln || wir über. So gerne ich die alten, unzweckmäßigen Räume verlassen, so kann ich doch eine gewisse Furcht nicht überwinden, daß die Verwaltung des neues Institutes mir sehr viel zu schaffen machen wird, und daß der nette, collegiale – noch aus Jena importirte – Geist der in der jetzigen alten Bude herrscht, in den Prachträumen des Neubaues, wo die Isolierung des Einzelnen eine viel größere ist, schwinden wird. – Mit meinen Lehrerfolgen bin ich ganz zufrieden, das Material an Studenten ist zwar nicht besonders hervorragend, aber die vielfach mangelnde Intelligenz wird durch regen Fleiß ersetzt, und in den Anfängerkursen, die ich ganz nach Jenenser Muster eingerichtet habe, herrscht reges Interesse. Auch an wissenschaftlichen Arbeiten wird mehr geleistet || als in der ersten Zeit meines Hierseins, und so kann ich wohl sagen, daß ich in neuer anregender Thätigkeit stehe, die mich befriedigt, und mir über die letzten schweren Jahre meines Lebens hinweggeholfen hat.

Meinen Kindern geht es leidlich, sie sind viel krank gewesen, und die Großstadt hat stark auf sie eingewirkt, sie scheinen sich aber nunmehr besser daran zu gewöhnen, und ich bin glücklich sie in den Händen einer ausgezeichneten Erzieherin zu wissen.

Hoffentlich ist auch bei Ihnen alles wohl!

Die herzlichsten Grüße

von Ihrem getreuen

W. Kükenthal.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-10-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 28420
ID
28420