Lehmann, Otto

Otto Lehmann an Ernst Haeckel, Karlsruhe, 28. Februar 1906

Karlsruhe, den 28.II.1906.

Hochgeehrter Herr College!

Zu meinem großen Bedauern war ich, wie ich schon durch Postkarte mittheilte, theils durch Ueberhäufung mit Arbeiten, theils durch Erkrankung bisher außer Stande, Ihren so liebenswürdigen Brief vom 8. d. M., der mich außerordentlich erfreute, zu beantworten.

Ihre schönen, reichhaltigen und geistvollen Werke sind mir keineswegs ganz unbekannt, ich habe vielmehr zu Beginn meiner Untersuchungen im Jahre 1872, als sich dieselben mehr auf biologischem als physikalischem Gebiet bewegten, öfters darin gelesen und bin der Meinung, daß meine Arbeiten wesentlich dadurch beeinflußt wurden. ||

Ich habe aber auch von der Ansicht Ihrer Gegner Kenntniß erhalten und unter diesen imponierte mir damals besonders ein Theologe, der immer wiederholte, wenn Ihre Auffassung zutreffend wäre, so müßte man doch ein Lebewesen, wenigstens ein solches niedrigster Stufe, künstlich herstellen und die Kräfte auf physikalische Kräfte zurückführen können.

Beim Nachdenken hierüber kam ich auf den Gedanken, unsere physikalischen Kenntnisse müßten wohl noch große Lücken aufweisen und zwar deßhalb, weil die Physiker mikroskopisch kleine Gebilde, wie es die niedrigsten Lebewesen sind, außer Betracht zu lassen pflegen und weil sie fast stets immer nur mit starren oder flüssigen Stoffen arbeiten, nicht mit weichen || und halbflüssigen oder gallertartigen d. h. solchen, welche die Consistenz des Protoplasmas haben. Insbesondere gaben mir Ihre Studien über die zierlichen und regelmäßigen Formen von Radiolarien u. s. w. Anlaß zu der Vermuthung, auch das Protoplasma müsse, obschon flüssig, eine Art krystallinischer Struktur besitzen.

Trotz dieser Vorbereitung war ich selbst überrascht, als ich die fließenden und flüssigen Krystalle auffand und mehr noch bei der Auffindung der scheinbar lebenden Kristalle, die mit Bakterien so außerordentliche Aehnlichkeit haben, wenigstens so weit ich dies bei meinen mangelhaften Kenntnissen auf biologischem Gebiet beurtheilen kann.

Biologen, die ich befragte, beanstandeten das Fehlen einer Haut und eines Kerns. || Ganz abgesehen davon, daß Ihre Moneren diese Zuthaten auch nicht besitzen, halte ich dieselben durchaus nicht für wesentlich. Auch fließende Krystalle können Schichtkrystalle bilden, bei Anwendung von zwei Substanzen dürfte es also gelingen, den fraglichen Gebilden auch noch eine Haut zu verschaffen, deren Moleküle regelmäßig orientiert sind gegen die des Inhalts. Durch Hinzufügen einer dritten Substanz dürfte sich ein Kern bilden lassen, welcher sich bei der Theilung des Stäbchens – da sich seine Struktur nach der umgebenden Masse richtet – ebenfalls theilt.

Schwieriger dürfte es sein, Gebilde mit wahrer Assimilation u. Dissimilation herzustellen. Es müßte dann dafür gesorgt werden, daß sie nicht einfach aus einer Lösung auskrystallisieren (bei Erkalten), sondern sie müßten chemisch niedergeschlagen werden u. s. w. Die Zukunft muß lehren, wie weit man hierin kommen kann.

Mit nochmaligem Danke in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebenster

O. Lehmann.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-02-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 27520
ID
27520