Lehmann, Otto

Otto Lehmann an Ernst Haeckel, Karlsruhe, 17. November 1917

Prof. Dr. OTTO LEHMANN

techn. Hochschule

Karlsruhe

Karlsruhe 17.XI.1917.

Sr. Exzellenz Herrn Geheimerat Prof. Dr. E. Haeckel, Jena.

Hochgeehrter Herr College!

Sehr erfreut war ich durch Ihren liebenswürdigen Brief vom 14 d. M., für welchen ich Ihnen

herzlichst danke, und ganz besonders durch Ihre freundliche Bereitwilligkeit, mir gelegentlich

Ihre zahlreichen Präparate von Biokristallen zeigen zu wollen, die mir bisher nur aus Bildern

bekannt geworden sind, auf welche ich a schon in meiner Molecularphysik, Leipzig 1889 Band 2 , S. 487 hingewiesen habe (die dortige Abbildung stammt aus Brehm’s Thierleben), wo b eine Untersuchung von v. Ebner citiert ist (Wien. Ak. Ber. 1887, I 95 , 55), gemäß welcher dieselben einheitliche feste Kristalle sind, welche nur deßhalb nicht regelmäßige Form annehmen konnten, weil ihnen durch die lebende Substanz das Material an verschiedenen Stellen der Oberfläche in verschiedenem Maße zugeführt wird. Dies stimmt auch mit einem Versuchsergebniß von S. Becker, Zoologischer Anzeiger 44 , 122, 1914, gemäß welchem das Echinodermenskelett wenigstens streckenweise ein einheitlicher fester Kalkspathkristall ist, der nur mit vielen zusammenhängenden feinen Poren durchsetzt ist. Man kann hieraus schließen, daß in der eigentümlichen Form der Biokristalle die anisotrope Beschaffenheit des Protoplasmas, aus welchem sie sich ausgeschieden haben, zum Ausdruck kommt. Man wird sie also benutzen können zu eventuellen Untersuchungen über die flüssig-kristallinische Natur des Protoplasmas. ||

Wann ich einmal nach Jena kommen kann, läßt sich zur Zeit nicht sagen. Infolge des

Personalmangels im Institut bin ich nicht abkömmlich. Außerdem bin ich zur Zeit von

Darmkatarrh, wahrscheinlich in folge der Kriegskost, vielleicht auch wegen der

unzureichenden Heizung des Instituts heimgesucht, der mir das Reisen ebenfalls verbietet.

Dazu kommt, daß ich die Ferien immer mit meiner Familie in mein Ferienlaboratorium in der

Nähe der Hornisgrinde in 730 m Meereshöhe übersiedle, wo es namentlich jetzt im Kriege,

da ich auch als Elektrotechniker, Maschineningenieur, Mechaniker, Installateur, Blechner,

Schreiner, Maurer, Steinhauer, Holzmacher u. s. w. zu arbeiten habe, weil sonst Niemand da

ist, der diese Arbeiten besorgen könnte, stets soviel zu thun gibt, daß ich nicht fortkomme.

Immerhin wäre möglich, daß ich im Frühjahr oder Sommer einen Vortrag über flüssige

Kristalle unter Vorzeigung meiner Kinematographenfilms (27 Nummern) und Lichtbilder (215 Nummern) halte, wobei ich dann den Weg über Jena nehmen kann. Vielleicht stellen mir die Herren der Firma Zeiss einen Kinematographen und einen Projektionsapparat zur

Verfügung, so daß ich die Bilder in kleinem Kreise auch dort zeigen kann. Natürlich werde

ich dann die Gelegenheit, Sie aufzusuchen, nicht versäumen, um so weniger als ich schon

längst den Wunsch hatte, Gelegenheit zu erhalten, Sie nicht nur im Bilde, sondern auch

persönlich kennen zu lernen und da ich aus Ihrer liebenswürdigen Einladung ersehe, daß ich

Ihnen nicht lästig fallen würde.

Daß sich das Problem der Beziehungen zwischen anorganischer und organischer Welt nicht kurz brieflich behandeln läßt, weiß || ich sehr wohl, das sind außerordentlich verwickelte

Verhältnisse und vor allem gehört dazu mehr Sachkenntniß auf biologischem Gebiet als ich

besitze.

Ich wäre schon zufrieden, wenn ich einigermaßen die allereinfachsten physikalischen Dinge, die doch mein Spezialfach sind, begreifen könnte; aber jeder Semesteranfang kostet mich sehr viel Kopfzerbrechen, wie ich denn eigentlich meine Vorlesung beginnen, von welchen Grundbegriffen ich ausgehen und auf welche Weise ich meinen Zuhörern Verhältnisse klar mache soll, die mir selbst nicht klar sind.

Ich habe mich schon als kleiner Junge für Physik interessiert, wohl weil mein Vater Physiker am Gymnasium in Freiburg i. B. war, habe nie etwas anderes werden wollen und war bereits als Schüler des Gymnasiums so gut orientiert, daß ich vom Physikunterricht dispensiert wurde und während der Physikstunden mich nach eigenem Gutdünken in der sehr schönen Sammlung des Rastatter Lyceums beschäftigen durfte.

Schon damals machte mir aber Kopfzerbrechen, wie man eigentlich die Welt begreifen könne. Bildet nicht vielleicht das Ganze, was wir uns gewöhnlich als Welt denken, das ganze System der sichtbaren Himmelskörper nur ein Atom einer sehr viel größeren Welt, die selbst wieder nur ein Atom einer noch größeren ist u.s.w. Und sind nicht vielleicht die kleinen Körperchen, die wir Atome nennen, ähnliche Welten, deren Atome ebenfalls wieder Welten sind und in infinitum. Wie soll es möglich sein, über die Gesetze eines so unendlich komplizierten Mechanismus etwas zu erfahren, wo wir sogar außer Stande sind, eine Grenze zu erkennen, sowohl nach der Seite des unendlich Großen wie nach der Seite des unendlich Kleinen und das richtige Verständniß || eines Mechanismus doch naturgemäß erfordert, daß wir ihn in allen seinen Teilen genau kennen, nicht nur in denjenigen, die uns gerade am nächst liegen.

Nach neueren Theorien sollen ja die Atome aus Elektronen und Atomionen bestehen. Die Rechnungen der theoretischen Physiker stimmen immer ganz wunderbar. Liest man aber

die neueste Arbeit von F. Ehrenhaft „Zur Physik des millionsten Zentimeters“ in

Physikalische Zeitschrift 18 , 341, 1917, so will es scheinen, als ob sich die Physik mit der

Elektronentheorie auf einem Holzwege befinde. Und wie soll man sich ein solches Elektron

vorstellen? Als ausgezeichnete Stelle eines Kraftfeldes nach Mie (welcher früher mein

Assistent in Karlsruhe war und den ich hier zum Studium der Kraftfelder angeregt habe)?

Wie groß ist dieses Kraftfeld? Es kann keine Grenze haben, es schreitet immer mit der

Geschwindigkeit von 300 Millionen Meter pro Sekunde ins Unendliche weiter ohne je

stillzustehen. Und alle diese Kraftfelder durchdringen sich gegenseitig ohne sich zu stören,

während doch die Materie undurchdringlich sein soll! Und diese Kraftfelder sollen im absolut

leeren Raum existieren, denn die Existenz eines Aethers erscheint unvereinbar mit dem

Relativitätsprinzip, welches sich sonst zuverlässig erweist und wollte man seine Existenz

doch annehmen, so müßte er nach der älteren Modulationstheorie weit härter als Diamant

sein, nach der neueren Strahlungstheorie weit schwerer als Blei! Widersprüche wohin man

blickt bei den einfachsten physikalischen Erscheinungen! Wie soll da ein Verständniß der

Biologie möglich sein!

Mit größter Hochachtung und nochmaligem herzlichen Danke

Ihr ergebenster

O. Lehmann.

a gestr.: aber; b gestr.: auf

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
17-11-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 27514
ID
27514