Lehmann-Russbüldt, Otto

Otto Lehmann-Russbüldt an Ernst Haeckel, Schmargendorf, 2. März 1903

Schmargendorf b/Berlin, d. II.III.03.

Hochverehrter Herr Professor!

Ich nehme Veranlassung, Ihnen kurz von der Thätigkeit des Bundes einigen Bericht zu geben.

Außer dem Vortragscyklus im Berliner Rathaus und den Diskussionsabenden und einer sehr stimmungsvoll verlaufenen || Feier am Todestage Giordano Brunos, deren Programm etc Sie wohl erhalten haben, waren wir noch nicht imstande, von unseren größeren geplanten Veranstaltungen etwas auszuführen. Die öffentliche Kundgebung für die „Freiheit der geistlichen Persönlichkeit“, die wir Ende März ansetzten und bei der wir Sie, hochverehrter Herr, neben oder vielmehr mit Graf Hoensbroech um Ihre rednerische Mitwirkung bitten wollten, erübrigt sich durch den Rückzug des Bischofs von Trier. Wahrscheinlich ist dieser nur scheinbar, aber wir müssen neue Ereignisse abwarten, vielleicht auch noch die Reichstagswahlen, um || wirkungsvoll auftreten zu können. Anfang Oktober würde sich an der Demonstration auch Prof. W. Förster von der Berliner Sternwarte beteiligen, was ihm z. Z. wegen seiner Arbeitsdispositionen nicht möglich ist.

Hoffentlich können wir die sog. „Haeckel-Ausstellung“ noch Ende April und Anfang Mai (wegen der Universitätsferien bis dahin) verwirklichen. Es ist nur sehr viel Arbeit dazu nötig; ich bin durch Beruf noch vorläufig im Parlament beschäftigt – journalistisch, will aber mit Ende der Session mich ganz auf mein buchhändlerisches Unternehmen stützen, und hoffe dann, || auch mehr freie Zeit für den Bund aufwenden zu können. Der uns sonst sehr wohlgesinnte Berliner Magistrat kann uns für die Ausstellung keine Räume zur Verfügung stellen, wir sind auf der Suche. Möglicherweise muß ich Anfang April nach Jena reisen wegen der Bilder, vorerst hoffe ich aber Hrn Bölsche zur Ausstellung eines Tableaus zu gewinnen.

Anbei eine Agitationsschrift für Kirchbachs „letzte Menschen“. Es würde mich interessieren, ob der angestrichene Passus Ihr Interesse fände.

Miss Isadora Duncan, die amerikanische Tänzerin, ist eine begeisterte Anhängerin des Monismus. Ich erlaube mir, Ihnen einen Artikel meines Freundes Dr. Federn zu senden, || woraus Sie wohl das ungetrübteste Urteil vernehmen. Es ist mein Wunsch, daß Frl. Duncan für die Ausstellung eine Benefizvorstellung im April veranstaltet. Wenn Sie, hochverehrter Herr Professor, selbst bei Ihrem Hiersein im April Ihr aktives Interesse wachrufen, dürfte || das nicht ausgeschlossen sein. Die 22 jährige Dame kennt Darwins Schriften genau und ist eine Verehrerin speciell Ihrer Thätigkeit in Deutschland und der internationalen geistigen Welt.

Doch das vorläufig bitte ganz discret, damit nichts durch irgendwelche Mißverständnisse von anderer Seite verfahren wird.

Den Artikel von Federn darf ich vielleicht gelegentlich || zurückerbitten.

In vorzüglicher Hochachtung mit Bundesgruß

Otto Lehmann

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
02-03-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27493
ID
27493