Ehlers, Ernst

Ernst Ehlers an Ernst Haeckel, Göttingen, 19. Oktober 1864

Lieber Häckel!

Seit wir uns auf dem Bahnhofe in Guntershausen flüchtig begrüssten, bin ich damit umgegangen, Ihnen die Sendung, welche sie heute erhalten, zugehen zu lassen; ich wollte Ihnen aber einige Worte dazu schreiben, und so verzögerte sich die Ausführung meines Planes von Tag zu Tag. Jetzt zu Anfang des Semester muss damit ein Ende gemacht werden. – Sie erhalten also heute die erste Abtheilung meiner „Borstenwürmer“ und ich bitte Sie das Buch freundlich aufnehmen zu wollen, || als ein Zeichen, dass ich in Erinnrung an schöne gemeinsam verlebte Tage Ihrer gerne gedenke, an Ihren Geschicken warmen Antheil nehme.

Seit wir uns in Berlin sahen, ist eine ereignisvolle Zeit verflossen; ich ging damals nach Fiume, um nach Lust der Zoologie obliegen zu können; meine Ausbeute war nicht gering, aber unter den viel Zeit raubenden Geschäften der Prosectur ist es mir nicht möglich, rasch das Gefundene zu veröffentlichen. Die Anneliden hatten für mich eine besondere Anziehungskraft, und in dem vorliegenden Bande habe ich versucht, meine Anschauungen, fragmentarisch wie sie sind, niederzulegen Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas! Hoffentlich bringe ich die zweite Abtheilung im Laufe des Winters zu Ende. ||

Aus dem letzten Hefte der jenaischen Zeitschrift sehe ich, dass Sie bei Ihrem Aufenthalte in Nizza Quallen bearbeitet haben, und bin neugierig, Ihre Erfahrungen und Ansichten über das Nervensystem dieser Thiere kennen zu lernen. Auffallend war mir bei meinem Aufenthalte am Quarnero der fast totale Mangel dieser Thiere, ausser einem einzigem Exemplare von Eucharis multicornis habe ich fast nichts dahin gehöriges gefunden. – Von

Messina her bewahre ich die Erinnerung – und glaube mich nicht zu irren –, bei Ihnen den Chauliodus Sloani gesehen zu haben, jenen Fisch, an welchem Leuckart, wie er in Giessen vortrug, Nebenaugen gefunden haben will. Ich kann mich nun mit dieser Leuckartsehen Ansicht gar nicht vertraut machen, und vermuthe dass diese Ocellusartigen Körper nichts anderes sind, als Organe, welche den Schleimkanälen des Fisches || eigenthümlich sind, und ana denen Leydig bereits von anderen Arten die Existenz einer besonderen Nervenendigung nachgewiesen hat. Mir steht leider kein Thier zu Gebote, um mich von der Richtigkeit dieser Ansicht zu überzeugen, vielleichtb können Sie über diese Meinung ein Urtheil abgeben.

Von Siebold erfuhr ich dieser Tage, dass Sie vermuthlich Jena verlassen würden, da Sie mit Leydig in Würzburg vorgeschlagen seien, L.‘s Wahl aber schwerlich im Senate durchgehen würde; dann käme die Reihe an Sie, und ich glaube Sie würden nicht zweifeln, einen Ruf nach W. anzunehmen, um so mehr, da Sie vielleicht dann gemeinsam mit Bezold ubersiedeln könnten. Dazu im Voraus meinen besten Glückwunsch. – Keferstein trägt mir Grüsse für Sie auf; ich bitte Sie Bezold’s herzlich von mir zu grüssen. – Leben Sie wohl, lieber Häckelc und lassen Sie, wenn es Ihnen passt, Erfreuliches von sich hören

Ihrem Freunde

E. Ehlers

Göttingen 19 Oct. 64

a korr. aus: von; b korr. aus: und; c korr. aus: Freund

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-10-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2697
ID
2697