Möbius, Karl

Karl Möbius an Ernst Haeckel, Kiel, 30. Oktober 1868

Kiel, d. 30. Okt. 1868.

Verehrter Herr Kollege!

Als ich von einer längeren Reise, die ich im Auftrage der Regierung an den neuen preußischen Nordseeküsten wegen Anlegung von Austernbänken machte, wieder heim kam, fand ich Ihren freundlichen Brief v. 30 Sept. und danke Ihnen herzlich für Ihre Theilnahme an meinem großen Glücke.

Im Sommersemester nahm die nothwendige Umgestaltung der äußern Verhältnisse des Museums, um es für die Studirenden und später auch füra das Publikum besuchbar zu machen, die Anschaffung einer Menge von äußerem Arbeitszeug und die Eingewöhnung in die neuen Beziehungen meinen Geist so sehr in Anspruch, daß ich wenig Ruhe zu wissenschaftlicher Thätigkeit fand. Nun aber kommt sie und ich möchte doppelt lange Tage haben, um zu lernen, zu ordnen, für die Vorlesungen || vorzubereiten u. zu forschen. Mein neues Sein kam mir anfangs wie ein ununterbrochner Feriengenuß vor, weil ich sonst nur in den Ferien ganz ungestört zoologisch arbeiten konnte.

Sehen Sie mein Schweigen nicht für Undank und Theilnahmlosigkeit gegen Sie an. Ich habe mich Ihres Glückes, Vater geworden zu sein, herzlich mitgefreut, da ich mir aus eigner Erfahrung der Grüße desselben bewußt bin. Möge Ihr Junge leiblich u. geistig gut gedeihen. Der meinige (mein drittes, jüngstes Kind) ist schon so weit, daß er in illustrirten Zoologien bereitsb Studien macht. Als er die zweite Reihe der Katarrhinenfamilie Ihrer Schöpfungsgeschichte sah, fragte er, ob das Affen oder Menschen wären: ein neuer Beweis, daßc keine festen Grenzen zwischen beiden vorhanden d sind.

Für die Freude, die Sie mir mit Ihrer Schrift gemacht haben, danke ich herzlich. Sie ist erst vor wenig Tagen ange- || kommen. Hensen hat das für ihn bestimmte Exemplar auch erhalten und mich gebeten, Ihnen mit besten Grüßen zu danken.

Ganz durchgelesen habe ich es noch nicht. Ich kann meinen Dank abere nicht aufschieben, bis ich zu Ende bin. So weit ichs kenne, halte ich es für sehr gelungen. Sie haben sich damit ein Verdienst um unsere Wissenschaft und f die wahre Bildung überhaupt erworben, daß Sie als guter Kenner die Entwicklungslehre in würdiger Weise popularisirt haben. Es thut endlich noth, daß auch in Deutschland die Fachmänner für das große Publikum schreiben, damit die seichte abirrende naturwissenschaftliche Literatur wieder zurückgedrängt werde.

Wir haben als Lehrer zwei Aufgaben zu erfüllen: die unrichtigen ererbten Vorstellungen zu vernichten und die neueren besseren zu verbreiten. Das Erste gelingt schwerer, als das Zweite und die alten Vorstellungen erschweren auch den neuen den Eingang. Neque etiam tradendi aut explicandi ea quae adducimus, facilis est ratio; quia, quae in se nova || sunt, intelligentur tamen ea analogia veterum. Baco. No. org. 34.

Für Sie kam die neue Lehre in der schönsten Zeit, wo Sie sich eben das Material der Wissenschaft angeeignet hatten, um sie zu begreifen. In Ihrem Kopfe war dies Material noch nicht starr geworden, sondern noch leicht verschiebbar. Beurtheilen Sie die alten Zoologen nach dem Prinzip der Entwicklungstheorie. Versetzen Sie einem alten Bibliothekar g seine Bücher nach einem neuen System, so wird er sich nicht mehr zurecht finden und deshalb sagen: das alte System ist besser. Er macht den falschen Schluß: Was für meine individuelle Geistesbildung u. Gewöhnung nicht paßt, ist dem menschlichen Geiste überhaupt zuwider. Muß man nicht mild gegen ihn sein, wenn man sieht, wie sich seine Schwäche entwickelt hat? Die Entwicklungslehre ist für die Jüngeren, nicht für die Alten, die einen Glauben mit einer wissenschaftlichen Erklärung verwechseln, was Sie S. 24 sehr gut auseinandersetzen.

Durch das, was Sie S. 65 aussprechen, erinnerten Sie mich an eine schöne Stelle in Heinroths Anthropologie 1822. S. 384. IV. Wenn Sie Ihnen nicht gegenwärtig sein sollte, so bitte ich Sie, lesen Sie sie Göthes wegen, der ihr selbst freudige Anerkennung nicht versagen konnte. (Ges. Werke 40. p. 444). ||

Außer meinem Hauptkolleg über vergleich. Anatomie lese ich öffentlich „Über das Leben der Thierwelt u. ihr Verhältniß zur Natur u. zum Menschen“ verständlich für Studenten aller Fakultäten. Heute Abend hielt ich den ersten Vortrag über die Hüllen der Thiere. Da ich mit dem Ausdruck: „ihr Verhältniß zum Menschen“, auch die geistige Auffassung der Thierwelt bezeichnen wollte, so werde ich in diesen Vorträgen alle wichtigern naturphilosophischen Fragen unserer Wissenschaft behandeln und daher auch Ihre neuen Schriften fleißig studiren und dann wohl Veranlassung nehmen, Ihnen noch einmal zu schreiben.

Ich bitte Gegenbaur und Dohrn freundlich zu grüßen von

Ihrem

dankbaren

K. Möbius

a eingef.: für; b korr. aus: schon; c eingef.: daß; d gestr.: ist; e eingef.: aber; f gestr.: den gebildeten; g gestr.: f

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-10-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 25700
ID
25700