Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, Magdeburg, 3. Juli 1870

Magdeburg, den 3 Juli 1870

Mein lieber Freund!

Herzlichen Dank für die abermaligen freundlichen Zusendungen. Beide circuliren jetzt unter den Collegen. Die Besteigung des Pic habe ich mit der größten Spannung gelesen, obschon Du alle Effecthascherei vermieden hast. Deine Energie in der Ausführung des Vorsatzes habe ich umso mehr bewundert, da Du ja in jener Zeit noch leidend warst. Die Schilderung der Ersteigung ist, ganz abgesehen von den so anziehenden Belehrungen, die sie enthält, schon deshalb wirkungsvoll, weil sie in schlagender Weise || zeigt, was ein fester Wille vermag. Du solltest dieselbe mit den früher erschienenen Besteigungen des Vesuvs und des Aetnas in einer besonderen Schrift für das größere Publicum herausgeben und mit Illustrationen versehen. Ich sollte meinen, das Buch würde Vielen lieber sein, als a die überschwenglichen Darstellungen von Masius, denen man das Gemachte doch gar zu sehr ansieht. Was Deine philosophische Abhandlung betrifft, so hat mir dieselbe großen Respect vor der Aufgabe eingeflößt, welche die Naturwissenschaft der Jetztzeit sich gestellt hat. Nur so kommt ein wirklich höherer Inhalt in diese Disciplin. Du hast Dir bereits einen Platz in der Literatur dieser Wissenschaft erobert. || Überarbeite Dich nur nicht, damit Du noch recht lange Kraft zum Wirken und Schaffen behälst.

Küntzel ist ganz verwundert über Deine Gelehrsamkeit. Das alte Haus hat seine Ansichten in der Religion doch schon etwas modificirt, seit er in unserem Collegium weilt. Zum Vollen Durchbruch wird es indeß nicht kommen.

Nun noch eine Anfrage. Hier in Magdeburg besteht seit einem Jahr ein naturwissenschaftlicher Verein, der zum 100jährigen Geburtstage Humboldts gegründet worden ist und viele Mitglieder zählt. Derselbe läßt von Zeit zu Zeit auswärtige Celebritäten kommen und Vorträge halten. Nun hat einer der Vorsteher, der Oberlehrer Dr. Schreiber, mich beauftragt, bei Dir anzufragen, ob Du nicht geneigt wärst, den 14ten September zur Geburtstagsfeier Humboldts || einen Vortrag zu übernehmen. Der Verein bezahlt die Reisekosten und 3 Louisdor für den Vortrag, wenn es verlangt wird. Solltest Du zu jener Zeit nicht verreist sein und den Vortrag übernehmen wollen, so theile dies doch dem Dr. Schreiber mit. Auf das Dargebot an Geld würde ich an Deiner Stelle nicht verzichten, zumal der Verein über Geldmittel reichlich zu verfügen hat. Deine Antwort wird kaum noch vor Schulschluß an Dr. Schreiber gelangen können. Verschieb sie also bis etwa zum 6 August, da ist Schreiber aus den Ferien wieder zurück. Unsere Schule wird erst den 9 Juli geschlossen. Willst Du mir bis dahin eine Antwort zukommen lassen, so habe ich vielleicht Gelegenheit, dieselbe Schreiber mittheilen zu können, da derselbe wie ich nach dem Harz reist. Über meine Gesundheit will ich schweigen, um nicht immer das alte Klagelied zu singen. Wie geht es Dir, Deiner lieben Frau, Deinen lieben Eltern und Deinem Bruder? Herzliche Grüße an Alle

Dein

Gude.

a gestr.: es

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-07-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 256
ID
256