Ostwald, Wilhelm

Wilhelm Ostwald an Ernst Haeckel, Grossbothen , 28. August 1914

WILHELM OSTWALD

GROSSBOTHEN, DEN 28.8.1914

LANDHAUS ENERGIE

Herrn Prof. Dr. Ernst Haeckel, Exc. Jena

Lieber und verehrter Freund

Zunächst meinen herzlichsten Dank für die Zusendung Ihres mannhaften und ausgezeichneten Aufsatzes aus der Jenaer Volksstimme, den ich Wort für Wort unterschreibe. Ich nehme, an, dass Sie nichts dawider haben, dass wir ihn in dem nächsten Hefte des Monistischen Jahrhunderts, das wir in einer Woche oder so herausbringen zu können hoffen, an erster Stelle mitteilen.

Was die Berliner Anregung zur öffentlichen Zurückweisung aller englischen Ehrungen anlangt, so möchte ich Ihnen folgendes zu bedenken geben. Ich teile mit Ihnen vollkommen die Verachtung gegen die englische Krämerpolitik, welche aller ethischen Motive vollkommen bar ist und die bei der gegenwärtigen Gelegenheit durch die Zerstörung der englischen Weltmacht von der Welt vertilgta werden muss. Aber der Satz der Erklärung, dass in einem parlamentarisch re- || gierten Lande jedermann mitverantwortlich für die Haltung der Regierung sei, ist nicht richtig, denn die Minorität, die dagegen war, ist sicherlich nicht die Handlungen der Majorität verantwortlich zu machen. Nun erinnern Sie sich, dass gerade unmittelbar vor dem Kriege eine Anzahl englischer Gelehrter, darunter J. J. Thomson, einer der grössten, die England jetzt besitzt, gegen die Möglichkeit eines Krieges protestiert haben. Ferner ist noch folgender entscheidender Gesichtspunkt zu erwägen. Der unmittelbareb Zweck jedes Krieges ist die Schwächung des Gegners, bis er in die Lage gebracht wird, dass er dem Willen des Siegers unterworfen ist. Aber die schliessliche Gestaltung nach Abschluss des Friedens ist doch das entscheidende Zielc für die gesamte Kriegsbetätigung. Man führt nicht Krieg um des Krieges willen, sondern um des darauf folgenden Friedens willen. In diesem Frieden wird es nun notwendig sein, wiederum den Internationalismus der Wissenschaft zu Geltung zu bringen, denn es ist undenkbar, die Wissenschaft national zu machen. Deshalb meine ich, dass wir die von Berlin geplante Massnahme, welche zunächst dem Gegner keinen Schaden zufügt d da sie ja nicht einmal oder nur äusserst langsam in der || übrigen Welt bekannt wird, sondern vielmehr gerade uns Gelehrte als Pioniere für die künftige gemeinsame Arbeit mit denjenigen Engländern, in Reserve halten, die die Politik ihrer Regierung nicht mitmachen wollten,e damit wir das künftige praktische Ideal, Europa unter Deutschlands Führung, auch auf dem Gebiete der Wissenschaft verwirklichen können.

Ich hoffe, verehrter Freund, dass Sie das Gewicht dieser Gründe stark genug empfinden werden, um nicht nur f meine Ablehnung jenes Berliner Vorgehens gerechtfertigt zu finden, sondern auch Ihrerseits g von dieser zwecklosen, weil den Gegner gegenwärtig nicht schädigenden und unsere Kulturarbeit doch sehr erheblich hemmenden Massnahme abzusehen.

In den nächsten Tagen wird Ihnen, wie ich hoffe, das M. J. mit einer längeren Sonntagspredigt von mir zugehen, in welcher ich den Gedanken eines unter deutscher Führung vereinigten Europas als Ergebnis der gegenwärtigen Kämpfe ausführlicher erörtert habe.

Mit den herzlichsten Grüssen

Ihr ganz ergebener

W. Ostwald

a korr. aus: vertilt; b eingef.: unmittelbare; c eingef.: Ziel; d gestr.: ,; e eingef.: die die … mitmachen wollten,; f gestr.: selbst; g gestr.: sich

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-08-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 23783
ID
23783