Ostwald, Wilhelm

Wilhelm Ostwald an Ernst Haeckel, Grossbothen , 21. September 1915

Grossbothen, den 21.9.15.

Herrn Prof. Dr. Ernst Haeckel, Exc. Jena.

Lieber und verehrter Freund!

Vielen herzlichen Dank für Ihr gütiges Glückwunschschreiben zu meinem Geburtstage, das mir von all den Gaben, die mir an diesem Tage zugegangen sind, die wertvollste und

beglückenste gewesen ist. Ist es doch eine ganze und erhebliche Epoche meines Lebens, die ich der persönlichen Beziehung zu Ihnen verdanke. Und wenn gerade jetzt menschliche

Unzulänglichkeit und unmonistische Betätigung auch in den Kreisen des Monistenbundes

mir die unmittelbare Arbeit im Bunde so sehr erschwert hat, dass bei meiner stark

verminderten Leistungsfähigkeit sie nicht habe fortführen können, so brauche ich Sie doch

nicht zu versichern, dass die Sache des Monismus selbst dadurch bei mir keinerlei Beeinträchtigung erfahren wird. Ich werden [! ] nun andere Mittel und Wege suchen, um meiner Überzeugung einen Ausdruck und womöglich eine praktische Folge zu verschaffen.

Inzwischen ist mir auch mitgeteilt worden, dass eine hinreichende Opferwilligkeit in den

Bundeskreisen sich gegenüber meinem Rücktritt von der Bundesleitung geltend gemacht hat, so dass ich mein künftiges Verhältnis zum Bunde auf gutem Boden und ohne das Gefühl von den früheren Arbeits- und Kampfgenossen im Stich gelassen zu sein, werde begründen können.

An mir ist der Krieg bisher verhältnismässig günstig vorrüber gegangen. Mein ältester

Sohn, welcher seit den ersten Augusttagen als Offizier aktiv ist, hat sich im Winter im Schützengraben eine Lungen- und Herzaffektion geholt, so dass er kaum mehr unmittelbar

in die Front kommandiert werden wird. Er tut Dienst unmittelbar hinter der Front und leidet allmählich sehr durch die Unmöglichkeit wissenschaftlicher Betätigung, die ihm ein Lebensbedürfnis ist. Mein dritter Sohn, der gleichfalls eingezogen ist, aber felddienstunfähig

ist, hat ausgiebige und beglückende Tätigkeit bei einer Fliegerabteilung als Ingenieur und Techniker. Mein zweiter Sohn, der seinerzeit als völlig dienstunfähig zurückgestellt worden war, hofft bei der nächsten || Musterung angenommen zu werden.

Ich meinerseits muss bekennen, dass ich ihn viel lieber in seiner bisherigen vielfältigen organisatorischen Tätigkeit beharren sehen möchte, da er dort dem Vaterlande sicher nützlicher ist, als er es als durchschnittlicher Soldat im Felde sein könnte.

Mir persönlich geht es körperlich viel besser, dagegen geistig einigermassen ähnlich, wie

Sie es von sich schildern. Mir liegen ein paar literarische Arbeiten auf dem Gewissen, ich

fühle mich aber ausser Stande sie anders als in kleinen Portionen und in grossen Zwischenräumen zu fördern. Der Tag wird im übrigen ausgiebig mit experimentellen Arbeiten zur Farbenlehre ausgefüllt, von denen ich Ihnen einliegend ein Ergebnis, nämlich

die 16 äquidistanten Hauptpunkte im Farbenkreise, zu übersenden mir gestatte. Diese Punkte sind keineswegs willkürlich oder nach dem Gefühl ausgewählt, sondern stellen eine rationell begründete Einteilung des Farbenkreises nach dem Prinzip der inneren Symmetrie dar.

Die Schilderung, welche Sie von Ihrem Zustande geben, habe ich mit herzlichster Teilnahme

gelesen und halte mich an dem hellen Punkt in ihr, dass Sie wiederum Ihren Malkasten

herausgenommen haben und Ihre Kunst statt auf der anderen Seite der Erdkugel nun einmal

im alten Jena betätigen. Ich weiss ja aus eigener Erfahrung, welches sichere Mittel sich

wenigstens für einige Stunden am Tage völlig wunschlos glücklich zu fühlen, die Ausübung

dieser Kunst von der Natur ist und bin glücklich für Sie, dass Sie noch reichlich genug freie Energie besitzen, um sie zu betätigen und sich die entsprechenden erquicklichen Stunden zu beschaffen. Ich hatte während der vergangenen Monate oft den Gedanken erwogen, ob ich Sie nicht in Jena aufsuchen wollte und hatte ihn unterdrückt, weil ich hörte, dass Sie Besuche nicht empfingen. Nun schreibt mir aber in diesen Tagen ein schweizerischer Professor, dass er bei Ihnen gewesen ist und schildert mir den lebendigen Eindruck, den er von diesem Besuch empfangen hat. Ich hoffe also, dass wenn ich über kurz oder lang einmal nach Jena komme, ich an Ihrer Tür nicht vergeblich anklopfen werden.

Mit den herzlichsten Grüssen und den ehrerbietigsten Empfehlungen von meinen Kindern.

Ihr ganz ergebener

W Ostwald

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-09-1915
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 23746
ID
23746