Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Mülheim an der Ruhr, 14. Februar 1913

Mülheim-Ruhr, d. 14. Febr. 1913.

Lieber Ernst!

Lieben Gruß u. herzlichen Glückwunsch. Wiederum ist ein Jahr dahin; hoffentlich bist Du bei besserer Gesundheit u. heiterer Stimmung als voriges Jahr.

So sehr wir, meine Frau u. ich, über Deinen ausführlichen Familiennachrichten uns teilnehmend unterhalten haben, so weh taten uns Deine Klagen über Dein persönliches Befinden. Du hast es doch wahrlich verdient, in Ruhe u. Frieden Dein Alter zu genießen.

Wer wie Du auf so geackertes Feld und eingestreuten Samen blicken kann, darf mit Wohlgefallen den Pflug anderen Händen überlassen und auf die 80-1 Jahre seine Blicke richten. Also keinen Ärger oder Griesgram aufkommen lassen. Hörst Du? mein || goldiger Ernst, würde Deine Mutter Dir zurufen. Also lieb sein, wie vor 70 a Jahren, holder Knabe im lockigen Haar! – Schlimmes vergessen, Schönes noch verschönern durch des Alters Perspektive. Unsere Helene war mit ihren 2 Kindern 8 Wochen bei uns, in Freude über den Jungen, in großer Sorge um das zarte Mädchen, aber ist wieder gut gegangen. –

Merkwürdig, wie bei 80 Jahren es einen gleichgültig wird, wie es hinten in der Türkei steht. – Ich habe diesen Winter viel über unseren Bismarck gelesen, dann schlägt das Herz wieder schneller wie damals, als wir all das Herrliche miterleben durften. || Wie dankbar muß man sein, dies Großartige miterlebt zu haben, obgleich es zuvor u. dazwischen viel Verkrüppeltes gab. Wollte wünschen, daß unsere Kinder ähnliche Freude fühlen könnten, wenn es ihnen vergönnt ist, auch alt zu werden.

1913 erinnert an Deinen herrlichen Vater vor 100 Jahren. – Manchmal wache ich etwas in der Nacht, dann amüsieren mich Erinnerungen, z.B. sapi des Magister Steinmetz, oder die Schnupftabakdose des kurzsichtigen Thielemann, oder Präparation von 10 Hexametern aus Virgils Aeneis mit lateinischer Interpretation von Steinmetz in der Secunda (2 Jahre lang) oder Osterwaldʼs Vorlesung von Waldmeisterʼs Brautfahrt mit wohlklingendem Lachen oder des alten Wieckʼs Strafpauke mit Aufstoßen des ältlichen Cylinder auf die rohe, ungehobelte Schulbank oder Dr. Schmekels Verlegenheit, wenn wir vom || Fenster der Prima herunter husteten, um ihm unsre Freude über sein Kommen zu bekunden; Hei! Was für Pläsir haben wir doch gehabt, da war wahrlich keine Überbürdung. – Ja selig, ein Kind noch zu sein, oder vielmehr Kindskopf. Oder wenn dem Scholastikus v. Brandenstein beim Abitur. Ex. der griechische Autor verkehrt in die Hand gereicht wurde. Oder wenn während der Konferenz wir durch die Löcher der Betsaaltür guckten. Oder wenn im Confirmanden-Unterricht im Parterrezimmer der Dom-Diakon Brauner durchs Oberlicht hereingrinste. Und jede dieser zahllosen Nummern ist fähig bandwurmartig sich fortzusetzen; da fühlt man sich auf Momente wieder jung u. wünscht dem jungen Nachwuchs ähnlichen Jucks. – Genug davon. Meine Anna sendet Dir mit mir herzliche Grüße, lieber 79er!

Dein 82 jähriger Freund. ||

– 2 –

Ehe ich den Brief adressiere, will ich noch einige Zeilen zufügen. Denke nicht, daß in solch Erinnerungen mein inneres Leben aufgeht. O nein! Eben habe ich mich an einem Kapitel aus Bölscheʼs Liebesleben erbaut. – Seit 14 Tagen delektiere ich mich an Hardens „Köpfe“ II. Teil., an Napoleon I in der Beleuchtung von Taine, an Gustav Falckeʼs „Die Stadt mit goldenen Türmen“ u.s.w. u.s.w. –

Im Briefe wollte ich nur versuchen Dich für ein paar Minuten mit Spiel-Zahlpfennigen klingen zu lassen. Und nun ade für dieses Mal

lieber alter Junge.

D. O.

Erinnere Dich gelegentlich auch an Bismarck in Jena!b

a gestr.: und; b Text weiter am linken Seitenrand, quer zur Schreibrichtung: Erinnere Dich … in Jena!

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
14-02-1913
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2370
ID
2370