Hein, Reinhold

Reinhold Hein an Ernst Haeckel, Danzig, 23. Februar 1868

Mein lieber Häckel!

Du wirst Dich wundern a darüber daß ich, scheinbar feurige Kohlen auf Dein Haupt sammelnd, Deinen letzten Brief schon nach wenigen Tagen erwiedere, daher will ich Dir nur sofort den Grund angeben, der mich dazu bewogen hat. Du erwähnst nämlich in Deinem Briefe auch die Uebersiedelung unseres alten Schenk von Würzburg nach Leipzig, und da wollte ich Dir mittheilen, daß ich vor 3 Wochen an Schenk schrieb, um ihn bei der Besetzung der Würzburger Stelle an einen Botaniker zu erinnern, dem ich dringend eine gute akademische Stelle wünsche, nämlich an Bail. Du wirst Dich erinnern, daß wir im J. 1860 in Königsberg mit ihm auf der Naturforscher Versammlung zusammen waren, wo er damals seinen interessanten || Vortrag über die Bierhefe hielt und seine Theorie uns ad gustum mit Hülfe eines Achtelchens demonstrirte. Ich weiß nicht, ob Du seitdem seine vielen interessanten Arbeiten in der Mykologie verfolgt hast, vermuthe es aber um so mehr, als er daraus auch Kapital für Deinen geliebten Verein gemacht hat. Bail ist jetzt hier seit 4 Jahren Lehrer der Naturwissenschaften an der höheren Bürgerschule, Direktor der naturforschenden Gesellschaft , und einer der beliebtesten und geachtetsten Männer der Stadt, so daß ich ihn ungern verlieren würde. Aber ich sehe ein, daß er für seine Arbeitskraft nur an einer Universität das richtige Feld hat. Uebrigens ist sein klarer und glatter Vortrag auch eine schöne Zugabe dabei. – Ich schrieb also seinetwegen an Schenk, habe aber leider noch keine Antwort erhalten, und wollte nun an Dich die Frage richten, ob Du es wohl || für geeignet halten würdest, diesen meinen Plan auf die eine oder andere Art zu unterstützen. Solltest Du etwa an Schenk in der Angelegenheit schreiben, so würde es natürlich unpassend sein, meines Briefes zu erwähnen, aber ich denke, Du müßtest Bail genügend kennen, um ihn spontan empfehlen zu können. Jedenfalls würdest Du mich sehr erfreuen, wenn Du mir schriebest, ob er Deiner Meinung nach in Würzburg oder anderswo Aussichten hatb . Euer Hallier ist mehr weniger sein Koncurrent u. Gegner, wird ihn aber hoffentlich als wissenschaftliche Größe achten; zudem hat Bail an Göppert einen sehr gewichtigen Protektor. Vor Kurzem waren mit Bail Unterhandlungen in Dorpat angeknüpft, die aber zu keinem Resultat geführt haben. – Also bitte ich Dich, thue darin frei, was Du für gut erachtest (– daß mit der nöthigen Discretion! – ) und laß mich, wenn auch nur in wenig Zeilen bald wissen, was Du gethan hast! – ||

Daß Dein Haus wieder eine freundlichere und gemüthlichere Stätte geworden ist, freut mich von Herzen, und ich hoffe Deine liebe Frau bei Gelegenheit meiner nächsten Reise kennen zu lernen. – In meinem Hause solltest Du nur den Spektakel hören, den meine 3 Gören um die Wette machen! – Soeben habe ich mein Sontag-Nachmittags-Vergnügen gehabt, nämlich mit ihnen tüchtig getollt. Meine Else geht schon zur Schule, schreibt, strickt etc.; Walther ist ein derber Bengel von bald 3 Jahren, voller Streiche; Konrad ist ein wohlgenährter Junge von 5 Monaten, na und die Uebrigen – sind noch nicht zu zählen! – Die Kinder sind meine größte Freude und Erholung bei der furchtbar aufreibenden Thätigkeit in der Praxis. Da habt ihr Academici es doch besser, und ich wünschte ich könnte meine Jahre einst nicht als Practicus beschließen! Doch das sind pia desideria

Deines alten Freundes

Reinold Hein

Danzig d. 23/2 68.

a gestr.: ,; b korr. aus: hatte

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-02-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23513
ID
23513