Hein, Reinhold

Reinold Hein an Ernst Haeckel, Danzig, 2. April 1866

Mein lieber Häckel!

Unser Wiedersehen im Sommer, das mir mehr werth ist als 20 Briefe, und das sich hoffentlich nach einiger Zeit wird wiederholen lassen; machta mir den brieflichen Verkehr doch nicht überflüssig, und zwar habe ich gegenwärtig noch eine besondere Veranlassung, an Dich zu schreiben. Ich sprach Dir, wenn ich nicht irre, nämlich schon im Sommer mein Interesse für Darwinʼs Theorie aus, mit der Du Dich hoffentlich bei Deinen Disputationen noch nicht bis zum Ueberdruß beschäftigt hast. Nun habe ich die Idee, über diesen Gegenstand einen kleinen Vortrag in unserer naturforschenden Gesellschaft zu halten und wollte Dich bitten, mir, so weit es Deine Zeit gestattet, in aller Kürze einige Andeutungen literarischer Art über das Material zu machen. Ich wurde neulich durch einen Aufsatz Pagenstechers aus Heidelberg angeregt, kann mich aber leider, bei meiner sehr beschränkten Zeit nicht auf sehr tiefe Studien und viel Detail einlassen. Vielleicht kannst Du mir aber etwas angeben darüber, wo und wann die Streitfrage zuletzt || gründlich verhandelt wurde und wie ungefähr jetzt die Ansichten sichb einigermaßen geläutert haben? – Ueber Deinen Streit in Stettin habe ich keine speziellen Nachrichten, hoffe sie mir aber aus den Verhandlungen der Naturforscher Versammlung verschaffen zu können. Interessant wäre es mir auch, wenn Du mir könntest über Darwins Persönlichkeit u. äußere Lebensstellung etwas mittheilen. Thuʼ mir aber den Gefallen u. raube Dir damit nicht zu viel Zeit, sondern schreibe mir ganz aufrichtig, falls ich Dir mit diesem Verlangen lästig bin. –

Vor Kurzem zeigte mir Gerhardt die Geburt seines Jungen an, und nahm ich Veranlassung Dich durch ihnc grüßen zu lassen. Wie geht es Deinen guten Eltern? Hat die Schwäche Deines lieben Vaters sich vermehrt? – Ich habe an meiner alten Mutter jetzt ein trauriges Bild eines allmählich verlöschenden geistigen Lebens, während der körperliche Zustand ein verhältnißmäßig günstiger ist. Das Gedächtniß hat sich so gut wie ganz verloren, und es ist ein betrübender Zustand, wenn sie zuweilen dieses Mangels sich bewußt wird. ||

An meinen Kindern habe ich eine rechte Freude, und es geht mir auch sonst recht gut. Namentlich bin ich selbst recht gekräftigt durch meine Reise und sehe ein, daß ich solcher Erholung immer in einigen Jahren bedarf. –

Was sagst Du zur Verlobung der Gertrud Passow? Ich hoffe, sie soll glücklich werden, wenn auch vorläufig die äußeren Verhältnisse etwas ungünstig zu sein scheinen. Auf die Lachmann wird diese Veränderung jedenfalls auch einen indirekten Einfluß üben, dessen Folgen ich noch nicht übersehen kann. Ich nehme so herzlichen Antheil an den guten Frauen, aber bei meinem schrecklich unruhigen Leben kann ich nur einen sehr sparsamen Verkehr mit ihnen unterhalten.

Falls Du in Berlin bist, wie ich vermuthe, so grüße sie und namentlich Deine guten Eltern herzlich von mir! – Ich denke mir, daß Du jede freie Zeit möglichst bei den Deinigen verlebst, um Deinem Vater noch die letzte Lebenszeit zu erheitern. ||

Heute aber laß mich schließen, damit Du möglichst bald meinen Wunsch erfahrest, und verzeih mir die unverschämte Bitte um eine recht baldige Antwort; ich vermuthe, daß Du die Osterferien gut dazu anwenden kannst, um einmal zu schreiben an

Deinen treuen Freund

Reinold Hein.

Danzig d. 2t April 66.

NS. Grüß den Gerhardt von mir!

a korr. aus: lacht; b eingef.: sich; c eingef.: ihn

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-04-1866
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23511
ID
23511