Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Wustrow, 22. November 1858

Wustrow, den 22. Nov. 1858.

Mein lieber Ernst!

Zu der Freude über die allerliebste Acquisition habe ich vergessen die Verpflichtung zu erfüllen und bitte Dich um Entschuldigung für die Verzögerung. Nochmals Dank für Deine Freundlichkeit, mich ohne Bezahlung von dannen ziehen zu lassen ins fremde Land der Landtage. Jetzt sehe ich erst ein, wie telescopische und mikroscopische Anschauung sich gegenseitig ergänzen und innerlich verbunden sind. Dena unmittelbaren Genuß in der Anschauung einer neu erschlossenen Welt (denn von Verwerthung zu naturwissenschaftlichen Kenntnissen ist ja leider bei meiner Unkenntniß nicht die Rede), || schlage ich noch gering an gegen die Aufklärung über den Begriff des „Raumes“, indem hier die Sinne uns darthun, was man in der Philosophie nur durch gespannte Abstraction erfasst und festhalten kann. Ich habe oft Euch Naturforscher beneidet, wenn ich Eure Forschungen verglich mit den Studien über Sprache, Grammatik, Literatur, selbst mit denen der Geschichte, des Rechts, der Religion. Indeß alle diese Studien zeigen sich mir jetzt in einer Parallele mit Euren Special-Fachstudien, und die scheinbar geringfügigen Observationen und Forschungen auf den genannten Gebieten sind in Wahrheit nichts andres als mikroskopische Untersuchungen. Sie können wahre Handlanger-Arbeit sein, aber das können Eure Detaillissimo-Studien ebenfalls sein. Der strebende Geist mit umfassendem Verständniß, d. h. mit philosophischem Sinn || sieht durch sie hinaus in die strahlende Ferne der ewigen Wahrheit. Sie alle, diese Studien von jeglicher Art und Namen, führen uns auf das weltgestaltende Princip, in jeder Branche des Wissens eröffnet sich uns ein Kanal, der hinausführt in den Ocean der großartigen Wahrheiten, in jedem Zweige der Forschung streben wir vorwärts wie in einem Hohlwege zwischen massenhaften Gebirgen, und gelangen aus ihnen der eine von der Südseite der andre von der Nordseite, der eine auf steilem geraden Wege, der andere auf sanft-ansteigenden aber um so längerm und gekrümmtem Wege vorwärts und hinauf zu der freien frischen Bergesluft mit dem unbegrenztem Fernblick und der reizenden Übersicht der nächsten Gebiete. Und wenn ein Unterschied wäre, so ist es höchstens der, als ob der eine vom Pic Teneriffa, der andre von den Anden über die Tropenwelt, ein dritter von Norwegens || Spitzen auf die arktischen Fluren, ein vierter vom Krater des rauchenden Vulkans aus hinaus in die Weite und herab auf das gewöhnliche Niveau schaut.

Und so werden sich uns, das hoffe ich, trotz unserer verschiedenen Studien u. Lebenswege, Gefilde eröffnen, und Standpunkte finden, von denen aus wir wenigstens dann und wann in Stunden gemüthlicher Umschau, und wäre es nur durch das geistige Telescop, uns einige verständliche und verstandene Blicke zuschicken und uns unter dem Einflusse unseres Herzens-Kabels trotz der trennenden Ferne vereint fühlen können.

Grüße Deine lieben Eltern herzlich von mir, wenn Du es der Mühe werth hältst, das Kleinod Deines liebenden Herzens, Deinen Herrn Bruder nicht zu vergessen, der ja wohl auch eine November-Renaissance in Berlin, will sagen eine Capitale-Wiedergeburt für den Brumaire zu unternehmen nicht unterlässt oder unterlassen hat.

Dein

Ludwig.

a korr. aus: Die

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
22-11-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2322
ID
2322