Hein, Reinhold

Reinhold Hein an Ernst Haeckel, Würzburg, 21. April 1855

Mein lieber Häckel!

Unserer Verabredung gemäß brauchte ich Dir eigentlich nicht mehr nach Ziegenrück zu schreiben; allein ich denke mir, daß Du nicht recht ruhig bist, wenn Du nicht noch erfährst, wie es hier steht. Ueber den Anfang der Collegia liegt noch nichts Sicheres vor, allein die allgemeine Volksstimme scheint sich für den letzten April zu entscheiden. Ich rathe Dir daher, jedenfalls Ende der nächsten Woche Dich hier einzustellen. Zu Deiner Aufnahme ist Alles bereit, nur - fehlen Deine Sachen noch! Bamberger war kurze Zeit verreist, wird am Montag wieder seine Ferienklinik beginnen, d.h. er macht die Visite u. erlaubt uns dabei zu sein. Leider ist es schon jetzt recht voll. Man findet aber eine große Menge alter Gesichter wieder! - Bamberger gefällt mir sehr gut, Moraweck weniger; ich hatte aber durch glücklichen Zufall schon Gelegenheit von Letzterem eine Bruchoperation zu sehen. –

Das Leben ist hier zu fidel; die ganze Blase ißt im Ochsen - (Du auch) - u. wir haben schon einige höchst fidele Partien gemacht. Dazu kommt noch, daß wir einen prächtigen Hausburschen || bekommen haben und zwar in der Person des „Kleinen“ κατ ‘ἐξοχήν (!!!) nämlich – Beckmanns. Ich denke alles dis wird lockend genug sein, Dich hierher zu ziehen, zumal da Du schon prächtige Tage in Ziegenrück verlebt haben mußt, und jetzt vermuthlich selbst der italienische Himmel des reizenden Capridorsia‘s sich mit einigen neu-preußischen Wolken überziehen wird, wie es hier der gemeine Sumpf- u. Wiesen-Himmel in Würzburg thut.

Unser Philisterium ist ganz ausgezeichnet, u. Du kannst Dir denken, wie lebhaft ich diesen Wechsel empfinden muß, wenn ich so z. B. in Ruh u. Frieden des Morgens bei meinem Kübel prächtiger, woher, kuhwarmer Milch sitze, der, wie Du wissen wirst mein kindlicher Magen stets besonders zugethan war. - Doch genug des Unsinns! Empfiehl mich Deinen werthen Verwandten, mache ihnen das Herz nicht zu schwer beim Abschied sondern komm schnell!

Dein Freund Reinhold Hein.

Würzburg d. 21sten April 55.

[Adresse]

Herrn Ernst Häckel Stud. med. | Adr. Herrn Kreisrichter Häckel | Ziegenrück | via Hof u. Schleiz | frei

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-04-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 21878
ID
21878