Hetzer, Wilhelm

Wilhelm Hetzer an Ernst Haeckel, Halle, 17. Januar 1855

Halle, am 17. 1. 55.

Mein lieber Haeckel!

Tausend, tausend Dank für Dein, mir so theures Weihnachtsgeschenk, vor Allem aber für den es begleitenden Brief. Du mußt nemlich wissen, daß ich bereits angefangen hatte, dem furchtbaren Gedanken Raum zu geben, daß Du mich vergessen hättest, als mich eines schönen Nachmittags der „weit ausschreitende Weber“ durch das Paketchen überraschte. Ich habe lange Zeit keine so große Freude gehabt. Und was für erfreuliche Nachrichten! Glücklich überstandnes philosophicum, neu gewonnene aequa mens! Wer doch auch so froh sein könnte! Daß ich wenigstens nicht den geringsten Grund dazu habe, wird Dir mein nachfolgender Brief zeigen.

Zunächst aber muß ich Dir doch erzählen, wie denn eigentlich die Geschichte mit meiner Phosphorescirung zugegangen ist. Am 4. November vorigen Jahres sollte in der Vorlesung über Experimentalchemie die Verbrennung von Phosphor in Stickstoffoxydgas gezeigt werden. Ich, als wohl bestallter Assistent hatte in einem Löffelchen mit langem Stiel ein Stück trocknen Phosphor geschmolzen, angebrannt, und reichte ihn Heintz, der ihn in eine mit dem Gas gefüllte Glocke einbringen wolltea. Mit einem Male fing aus einem bis jetzt noch nicht aufgefundenen Grunde der Phosphor zu spritzen an; spritzte über das Katheter, über Heintzens b Concept, über die Präparate pp. und in dem Augenblicke, wo ich mit der linken Hand nach dem nassen Schwamme greife, um das Feuer zu löschen, fliegt mir, sei es nun, daß Heintz, der die Besinnung etwas verloren hatte, anfing zu zittern, oder hatte sich mein böser Dämon dahinter gesteckt, kurz mir fliegt die ganze Menge des Phosphor über die linke Hand weg, und brennt ruhig weiter. Du kannst Dir meinen Schrecken denken, die ganze Hand war eine Flamme, außerdem brannte auch noch Rock und Hose. Im ersten Moment muß ich doch etwas die Geistesgegenwart verloren haben, ich fuhr mit der andern Hand nach der Flamme, besann mich aber glücklicherweise noch, und steckte nun die Hand in eine große mit Wasser gefüllte pneumatische Wanne, die ganz in der Nähe stand. Außer mir vor Schmerz stürtzte ich nun nach der Klinik und was von da an geschehen ist, weißt Du ja schon. Meine Hand ist nun Gott Lob und Dank so weit wieder hergestellt, daß man außer einem großen rothen Fleck auf der Hand nichts mehr sieht. Im Ganzen habe ich 6 Wochen kurirt, erst seit 3 Wochen kann ich im Laboratorium ordentlich arbeiten und bin deßhalb, wie Du Dir denken kannst, mit meinen Analysen sehr zurückgekommen. Erst die eine Erdanalyse habe ich vollständig fertig, zu der andern Analyse (Asche von Rapskörnern) habe ich seit Neujahr erst die Vorbereitungen gemacht, da die Verbrennung der Körner, wegen des großen Gehaltes an Oel und Alkalien, seine bedeutende Schwierigkeiten; jedoch denke ich in 3 Wochen alles zu beenden, und auszuarbeiten, um dann das sehnlichst erwartete Honorar in Empfang zu nehmen. Bis Ostern will ich dann noch einige Elementar-Analysen machen, und ob ich nach Ostern noch im Laboratorium bin, weiß ich nicht. Dies ist überhaupt ein Punkt, der mir schon manche || schwere Stunde gemacht hat. Es ist doch wahr, daß der Mensch stets nach dem strebt, was ihm am aller wenigsten nützt. Was für Mühe habe ich mir nicht gegeben, um die Stelle im Laboratorium zu bekommen, wie habe ich mich gefreut, als ich nun endlich meinen Zweck erreicht hatte! und jetzt? Geld gäb’ ich darum, wenn ich gleich wieder mit Ehren fort könnte. Man mag den wissenschaftlichen Nutzen noch so hoch anschlagen, die viele Zeit, die ich darauf verwenden muß, ist für unsereinen, der darauf angewiesen ist, so bald als möglich selbstständigerc Philister zu werden doch noch mehr werth. Ich habe heute von früh 8 bis Abend 7 Uhr gequacksalbert und wenn ich nun so müde an Leib und Seele nach Hause komme, soll ich mich noch bis Mitternacht hinter die ars mathematica setzen? Das ist für eine einzelne Person wirklich etwas zu viel. Außerdem hat sich Heintz nicht so benommen, wie ich und meine sämmtlichen Bekannten es erwarteten. Er hat mich allerdings während meiner Krankheit fleißig besucht, aber trotzdem, daß er gewusst hat, daß mich die Krankheit manchen Thaler kostete, hat er mich nicht einmal fragen lassen, ob ich Geld brauche, geschweige daß er mir selbst welches angeboten hätte. Ich glaubte, es geschähe nur aus Zartgefühl (obgleich in Geldsachen alle Gemüthlichkeit aufhören soll) und rechnete deshalb auf ein anständiges Weihnachtsgeschenk. Auch hier habe ich mich jämmerlich getäuscht, so daß ich zud den Schmerzen auch noch diesen Ärger mit in den Kauf nehmen muß. In dieser Collision der Pflichten habe ich nun den Endschluß gefaßt meinem Herzen einen Stoß zu geben, und nächstes Ostern in’s Privatleben zurückzukehren, so schwer es mir auch ankommen mag. Was mir dadurch an Geld verloren geht, will ich durch Privatstunden ersetzen, mich dabei ordentlich auf die Mathese werfen, so daß ich nächstes Michael oder Weihnacht mit Weber in’s Treffen gehen kann. Du siehst meine Aussichten für die Zukunft sind keineswegs angenehm und ich habe dießmal alle Neujahrsgratulationen mit Dank angenommen, denn ich werde sie sehr nothwendig brauchen. Sage mir doch was Du über den ganzen Schwindel denkst.

Einen Besuch haben wir neulich in Merseburg gehabt, der Dich gewiß interessiren wird, nemlich Steidel-(Fritze) e. Leider habe ich ihn nicht selbst sprechen können, meine Mutter sagte mir jedoch, daß an ihm, außer einem Bärtchen auf der Oberlippe durchaus nichts Neues zu bemerken wäre, er ist moralisch und physisch immer noch der alte. Er ist Unteroffizier f zugleich Hauslehrer bei seinem Hauptmann und scheint sich im Allgemeinen ziemlich zu gefallen. Die specielleren Nachrichten habe ich noch nicht empfangen, da ich g nicht in Merseburg gewesen bin.

Die größten Veränderungen in unserm 4blättrigen Kleeblatte sind wohl an dem langen Weber vorgegangen und da der kleine Weiß über diesen merkwürdigen Naturgegenstand Dir sicherlich auch nichts geschrieben hat, so will ich es hiermit thun. Ich freue mich schon, wie Du die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wirst, wenn Du obgenannte mathematische Linie (Definition: Länge ohne Breite) zu sehen bekommst. Denke Dir: Wohlgekämmtes, gescheiteltes Haar verschattet das glattrasirte!! Gesicht, rockfarbige Buckskinghandschuhe!! bedecken die Hände, die ein elegantes Spatzierstöckchen in kühnen Bogen schwingen. Unglaublich aber wahr!!!!!h Die Beine i sind von Wadenhosen eng umschlossen, und wenn er nun noch, was nächstens zu erwarten steht ein Halstuch keck umschlingen wird, dessen Zipfel lose im Winde spielen, so ist der Mensch fertig.

Die in meiner Stube während des Schreibens eingetretene Temperaturerniedrigung nötigt mich, den Brief zu schließen. Nimm nochmals meinen schönsten Dank hin und leb’ recht herzlich wohl.

Dein

treuer Freund

W. Hetzer. ||

[Adresse]

Herrn | Dr. med. Ernst Haeckel | Berlin | d. E.

a korr. aus: sollte; b gestr.: Xxxbuch; c korr. aus: selbstan; d gestr.: außer; eingef.: zu; e unleserlich gemacht; f gestr.: und; g unleserlich gemacht; h eingef. am linken Rand mit geschweifter Klammer: Unglaublich aber wahr!!!!!; i gestr.: steckten

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
17-01-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Berlin
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 21564
ID
21564