Hetzer, Wilhelm

Wilhelm Hetzer an Ernst Haeckel, Halle, 14. Februar 1853

Halle, am 14 Februar 1853.

Lieber Freund!

Ich bin von jeher, weiß Gott, ein fauler Briefschreiber gewesen, und Niemand auf der ganzen Welt kann sich über mich beklagen ich, habe ihn mit Briefen überschwemmt; so oft wie an Dich, habe ich noch an Keinen geschrieben. Und dabei leiden meine Briefe immer an einer außerordentlichen Magerkeit, selten schwimmt ein einsames Fettauge darauf, und daß sich einmal ein reelles Fleischstückchen, will sagen so etwas wie von einer Idee, a hineinverloren hätte, ist in historischer Zeit noch gar nicht passirt. Nachdem ich Dir dieß offne und wahrhaftige Geständniß abgelegt habe, wirst Du Dich nicht mehr wundern, daß ich Dir so selten, und dann allemal so wenig geschrieben habe. Immer hatte meine Faulheit eineb Entschuldigung bei der Hand, den Brief so viel als möglich abzukürzen, und gerade dießmal hat sie die allerbeste. Warum soll ich nemlich alles, was ich im Herzen und auf der Zunge habe, erst durch das Medium eines Briefes gehen lassen? Kommst Du doch zu Ostern selbst nach Merseburg. Also in vier Wochen wollen wir in der Pensions-Anstalt einmal recht unsre Gedanken auspacken, und will ich Dir lieber c jetzt gar nichts mehr schreiben, ich freue mich wirklich herzlichst auf’s Wiedersehn. Und nun gieb mir noch zum Schluße Deine Hand, schau mich ernst an, mach einen Bückling, wie ich ihn im Geiste mache, und laß Dir auch von mir herzlichst zu Deinem Geburtstage gratuliren! So! Im übrigen behüte Dich der liebe Gott, wenn er will.

Dein treuer W. Hetzer

a gestr.: hier; b eingef.: Faulheit eine; c gestr.: der

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-02-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 21558
ID
21558