Hetzer, Wilhelm

Wilhelm Hetzer an Ernst Haeckel, Halle, 12. Januar 1853

Halle, am 12 Januar 53.

Lieber Freund!

Herzlichen Gruß zuvor und meinen innigen Glückwunsch zum neuen Jahr! – – –

Mit großem Vergnügen habe ich a einen Brief von Dir, den an Weiß gelesen und mich dabei herzlich gefreut, theils über den bel esprit der sich unverkennbar darin zeigt, theils auch darüber, daß Du meiner so höchst liebreich in einigen sanften Redensarten gedenkst; ich fürchtete nämlich schon, Du Gelehrterb Mann, der Du bist, habest mich vergessen. Lange schon hatte ich mir vorgenommen, einmal einen vernünftigen Brief an Dich zu schreiben, aber einmal hielt mich mein allgemeiner Mangel an c vernünftigen Gedanken, den man hier Verrücktheit zu nennen beliebt, ab, und dann gab mir meine eigne Faulheit (im Briefschreiben bin ich von jeher faul gewesen) stets eine Entschuldigung ein, die mein sich manchmal heftig regendes Gewissen wieder beschwichtigte. So hat sich denn die Sache im unendlichen Progresse bis jetzt verschoben (aus dem Briefe an Weiß sehe ich, daß Du ein feiner Logiker bist, Du wirst also wissen was das heißen will) und wenn mich Deine liebreiche Ermahnung nicht immer weiter anreizte, so wäre ich auch d mit diesem Briefe nicht weiter als bis hierher gekommen. Sed de hac re satis. – Das Vergnügen, dase ich anfangs beim Lesen Deines lieben Briefes empfand, verwandelte sich bald in hohes Erstaunen. – Ich las da nämlich mehreres von „brennenden Lebensfragen, die nun gelöscht wären, von moralischen Katzenjammer, Umsatteln, Mathese studiren, Swinden ochsen, Schleswig-Holstein gehen, Soldat werden, Futter für Kugeln etc. etc, ein Ensemble, das mir Hasenfuße sofort einen barbarischen Schreck in die Glieder jagte, und mir das Haar auf meinem Schädel ganz steiff emporstehend machte. Mein Verstand, der erst ganz lustig in meinem Kopfe herumwirbelte, machte plötzlich Stillstand, so daß ich erschreckt aufstand, und Weber, der dabei saß, erklärte: „Weber! Mein Verstand steht still!“ – Ich hatte zwarg schon vorher gehört, daß Du Lust hättest, umzusatteln; daß Du jedoch diesen heroischen Entschluß so schnell und energisch ausführen würdest, hatte sich mein armes Hirn nicht träumen lassen. Nun, ich gratulire Dir von ganzen Herzen und denke, Du sollst Deinen Entschluß nicht bereuen. Eins nur wünschte ich; ich möchte nämlich einmal die verschiedenen Dunstwölkchen beobachten, die Deinem rauchenden Kopfe wirbelnd entsteigen, wenn er sich im Feuer einer Aufgabe bewährt. es muß jedenfalls sehr hübsch aussehen.

Jetzt zu den Geschäften. Du wirst Dich nämlich noch entsinnen, daß ich Dir bei Deinem Besuche in Halle versprochen, Dir die Methode zu beschreiben, durch welche Fizeau in neuster Zeit die Geschwindigkeit des Lichtes direct nachgewiesen hat. Ich erfülle dies Versprechen und werde mich dabei so nahe an Pouillet-Müller halten, als nur möglich. Folgendes ist das Prinzip seiner fürchterlich spitzen und sinnreichen Methode.

Wenn eine Scheibe, welche nach Art der gezahnten Räder an ihrem Umfange in eine Anzahl gleicher abwechselnd voller und leerer Abtheilungen getheilt ist, schnell um ihre Achse gedreht wird, so ist die Zeit, in welcher ein solcher Zahn oder Zwischenraum vorh einem bestimmten Punkte vorbei geht, außerordentlich gering, und man i kann es leicht darin bringen, daß sie nur Secunde beträgt, eine Zeit in welcher das Licht den Weg von ungefähr 4 Meilen zurücklegt. Dringt nun durch einen solchen Zwischenraum am Umfange der rotirenden Scheibe ein Lichtstrahl hindurch, der von einem entfernten Spiegel in derselben Richtung reflectirt wird, in welcher er kam, so wird er bei seiner Rückkehr zum Rade je nach der Rotationsgeschwindigkeit der Scheibe, entweder einen Zahn oder eine Lücke finden, er wird also entweder durch den Zahn aufgehalten werden, oder durch den Zwischenraum hindurch gehen. Hierauf ist Fizeaus Verfahren gegründet, beistehende ausj Müller geschlossene Figur, ist sein Apparat.

[Zeichnung des Apparates]

L und L' sind 2 Fernröhren, welche in einer Entfernung von 8633 Metern voneinander so ausgestellt waren, daß man durch jedes das Objectiv des andern deutlich sehen konnte. In dem einen Fernrohrk ist in einem Winkel von 45° gegen die Achse desselben ein durchsichtiger Spiegel s zwischen dem Ocular und dem Brennpunkte des Objectivs angebracht, welcher das seitlich einfallende Licht einer sehr hell leuchtenden Lampe q gegen das Objectiv hin reflectirt. In dem seitlichen Rohr ist eine Linse angebracht, durch welche ein Bild der Lichtquelle q im Brennpunkte des Objectives entworfen wird, so also, daß die von q ausgehenden und durch den Spiegel s reflectirten Strahlen aus dem Objectiv des Fernrohr L als ein Bündel paralleler Strahlen austreten || und folglich im Brennpunkte des Objectivs von L' wieder vereinigt werden. Hier aber befindet sich ein Planspiegel, die Strahlen gehen auf demselben Wege wieder nach L zurück, um im Brennpunkte seines Objektivs abermals vereinigt zu werden, wo das Bild der Lichtquelle q nun durch den Spiegel s hindurch mittelst des Oculars beobachtet werden kann. – Auf der andern Seite des Fernrohrs L ist eine zweite Öffnung angebracht, durch welche der Rand des gezahnten Rades in dasselbe hineinragt, die Ebene des Rades, rr, geht gerade durch den Brennpunkt des Objectivs. – Der angestellte Versuch gelang vollkommen. Je nachdem die Rotationsgeschwindigkeit größer oder kleiner war, sah man bald einen hellglänzenden Lichtpunkt, oder das Gesichtsfeld blieb vollkommen dunkel. Die erste Verdunkelung trat bei 12,6 Umdrehungen in der Secunde ein. Bei der doppelten Umdrehungsgeschwindigkeit erglänzte der Lichtpunkt von neuem, bei der 3fachen wurde er wieder unsichtbar. – Die Scheibe hatte 720 Zähne und wurde durch ein Räderwerk in Bewegung gesetzt und die Umdrehungsgeschwindigkeit der Scheibe rr wurde durch ein Zählerwerk ganz genau gemessen. Die Breite jedes Zahnes und jeder Lücke beträgt vom Umfang des Rades, bei 12,6 Umdrehungen dauert es also = Secunde bis eine Zahnlücke den Brennpunkt f passirt, das Licht aber, welches durch diese Zahnlücke hindurch geht, kommt gerade vom andern Fernrohr zurück, während ein Zahn im Punkte f ist, folglich hat das Licht in Secunde den Weg von 2.8633 = 17266 Metern zurückgelegt, und die Geschwindigkeit des Lichtes in einer Secunde ist also 17266 x 18144 = 313285304 Meter, oder = 42221 geographische Meilen. – Das Mittel der Beobachtung ergab die Zahl 42505, ein Resultat, welches mit den Ergebnissen der astronomischen Beobachtungen sehr gut harmonirt.

Ich habe den ganzen Mist in der Hoffnung hingeschrieben, daß Du die ganze Sache nicht schon anders woher erfahren hast, und dann natürlich l mein Geschreibsel unnütz wäre. – Glaube nicht etwa, daß ich mein Versprechen, von wegen der Lobelia vergessen hätte. Ich würde Dir damit gern eine kleine Weihnachtsfreude gemacht haben, jedoch bekomme ich sie erst selbst zu Ende dieses Monats, und das Pflänzchen kommt dann wohl etwas spät, doch, um Dich mit Deinen eignen Waffen zu schlagen: „Spät kommt ihr pp. wie sich der Herr von Goethe einmal auszudrücken beliebte. Wenn Du Scheuchzeria palustri wünschst, so kann ich Dir auch diese dann schicken, ich habe sie am Inselsberge selbst gefunden, jedoch nicht blühend da der heise Sommer die Sumpfwiese, worauf sie eigentlich stehen sollte, in eine trockne Wiese verwandelt hatte, und der Pflanze so die Nahrung entzogen. –

Was mich selbst betrifft, so suche ich mich hier nach Kräften zu amüsiren, man bezahlt seine Collegien und wenn das Semester um ist, hat man doch nichts gelernt. Das größte Vergnügen gewährt mir immer noch das Blättern im Herbarium, und wäre es auch nur im Geiste, und ich suche mir dann, bei jeder Pflanze womöglich, die genausten Umstände, unter denen ich sie fand, wieder zu vergegenwärtigen. Die Reisen, die wir, Weber, Weiss und ich, zusammen unternommen, geben uns dann immer noch einen hinreichenden Stoff zum Lachen. Ich freue mich schon wieder von ganzen Herzen auf den Sommer, wenn man mit leichten Beutel und noch leichtern Herzen auszieht, „aus der Straßen quetschender Enge“ etc etc, den Knotenstock in der Hand, um draußen sich einen Schatz zu holen für manche saure Stunde, die man auf harten Bänken verschwitzte. Ich fürchte jedoch, daß ich möglicherweise nächstes Jahr gar nicht botanisiren werde, davon ein andermal. –

Schließlich gedenke ich noch Deines prachtvollen Weihnachtsgeschenkes, ich meine den Physicalischen Atlas von Berghaus. Ich möchte wohl einmal das großartige Werk ganzm sehen, denn das wenige was unsn Buchbinder einmal zeigte, hat meine Begierde nur noch reger gemacht. Was meine sonstigen Sym- und Antipathien betrifft, so theile ich Dir mit, daß ich immer noch Chemie, Mineralogie, Geognosie pp. mit Vorliebe treibe; auch mit der Krystallographie habe ich einen kleinen Versuch gemacht, und werde mir, sobald es meinem Beutel irgend möglich, die Grundzügeo der Krystallographie von Müller (demp Pouillet- Müller) anschaffen, was, bei einem sehr billigen Preise, eine große Anzahl von Abbildungen enthält, auf die es hier doch am Ende ankommt. – Dagegen bin ich immer noch ein abgesagter Feind derq Philosophie und obgleich ich nun bald ein Semester lang Logik höre, so ist dadurch doch noch nicht gescheidter geworden, Dein Freund W. Hetzer.

a unkenntlich gemacht; b korr. aus: gelehrter; c gestr.: Ve; d gestr.: bei; e korr. aus: daß; f korr. aus: starr; g gestr.: nämlich; eingefügt: zwar; h eingef.: von; i gestr.: v; j gestr.: von; eingef.: aus; k korr. aus: Fernröhre; l gestr.: Me; m eingef.: ganz; n gestr.: von bei; eingef.: uns; o gestr.: das Lehrbuch; eingef.: die Grundzüge; p eingef.: dem; q korr. aus: aller

Transkript: gmüller

Wilhelm Hetzer an Ernst Haeckel, Halle, 12. Januar 1853

Halle am 12 Januar 53.

Lieber Freund!

Herzlichen Gruß zuvor und meinen innigen Glückwunsch zum neuen Jahr! – – –

Mit großem Vergnügen habe ich einen Brief von Dir, den an Weiß gelesen und mich dabei herzlich gefreut, theils über den bel esprit der sich unverkennbar darin gezeigt, theils auch darüber, daß Du meiner so höchst liebreich in einigen sanften Redensarten gedenkst; ich fürchtete nämlich schon Du gelehrter Mann, der Du bist, habest mich vergessen. Lange schon hatte ich mir vorgenommen, einmal einen vernünftigen Brief an Dich zu schreiben, aber einmal hielt mich mein allgemeiner Mangel an vernünftigen Gedanken, den man hier Verrücktheit zu nennen beliebt, ab, und dann gab mir meine eigene Faulheit (im Briefschreiben bin ich von jeher faul gewesen) stets eine Entschuldigung ein, die mein sich manchmal heftig regendes Gewissen wieder beschwichtigte. So hat sich denn die Sache im unendlichen Progresse bis jetzt verschoben (aus dem Briefe an Weiß sehe ich, daß Du ein feiner Logiker bist, Du wirst also wissen was das heißen will) und wenn mich Deine liebreiche Ermahnung nicht immer weiter anreitzte, so wäre ich auch mit diesem Briefe nicht weiter als bisher gekommen. Sed de haec re satis. – Das Vergnügen, das ich anfangs beim Lesen Deines lieben Briefs empfand, verwandelte sich bald in hehres Erstaunen. – Ich las dann nämlich mehreres von „brennenden Lebensfragen, die nun gelöscht wären, von moralischem Katzenjammer, Umsatteln, Mathese studiren, ?? , Schleswig-Holstein gehen, Soldat werden, Futter für Kugeln etc etc, ein Ensemble, das mir Hasenfuß sofort einen barbarischen Schreck in die Glieder jagte, und mir das Haar auf meinem Schädel ganz steif emporstehend machte. Mein Verstand, der erst ganz lustig in meinem Köpfe herumwirbelte, machte plötzlich Stillstand, so daß ich erschreckt aufstand und Weber, der dabei saß, erklärte: „Weber! Mein Verstand steht still!“ – Ich hatte zwar schon vorher gehört, daß Du Lust hättest, umzusatteln; daß Du jedoch diesen heroischen Entschluß so schnell und energisch ausführen würdest, hatte sich mein armes Hirn nicht träumen lassen. Nun, ich gratulire Dir von ganzem Herzen und denke, Du sollst Deinen Entschluß nicht bereuen. Eins nur wünschte ich; ich möchte nämlich einmal die verschiedenen Dunstwölkchen betrachten, die in Deinem rauschenden Kopfe wirbelnd entsteigen, wenn er sich im Feuer einer Aufgabe bewährt. Es muß jedenfalls sehr hübsch aussehen.

Jetzt zu den Geschäften. Du wirst Dich nämlich noch entsinnen, daß ich Dir bei Deinem Besuch in Halle versprochen, Dir die Methode zu beschreiben, durch welche Fizeau in neuester Zeit die Geschwindigkeit des Lichtes direct nachgewiesen hat. Ich erfülle dies Versprechen und werde mich dabei so nah an Pouillet-Müller halten als nur möglich. Folgendes ist das Princip seiner fürchterlich spitzen und sinnreichen Methode.

Wenn eine Scheibe, welche nach Art der gezahnten Räder an ihren Umfange in eine Anzahl gleicher abwechselnd voller und leerer Abtheilungen getheilt ist, schnell um ihre Achse gedreht wird, so ist die Zeit, in welcher ein solcher Zahn oder Zwischenraum vor einem bestimmten Punkte vorbei geht, außerordentlich gering, und man kann es leicht dahin bringen, daß sie nur 1/10000 Secunde beträgt, eine Zeit in welcher das Licht den Weg von ungefähr 4 Meilen zurücklegt. Dringt nun durch einen solchen Zwischenraum vom Umfange der rotirenden Scheibe ein Lichtstrahl hindurch, der von einem entfernten Spiegel in derselben Richtung reflectirt wird, in welcher er kam, so wird er bei seiner Rückkehr zum Rade je nach der Rotationsgeschwindigkeit der Scheibe, entweder einen Zahn oder eine Lücke finden, er wird also entweder durch den Zahn aufgehalten werden, oder durch den Zwischenraum hindurch gehen. Hierauf ist Fizeaus Verfahren gegründet, beistehende aus Müller geschlossene Figur, ist sein Apparat.

[Zeichnung]

α und α' sind 2 Fernröhren welche in einer Entfernung von 8633 Metern so aufgestellt waren, daß man durch jenes das Objectiv des andern deutlich sehen konnte. In dem einen Fernrohr ist in einem Winkel von 45° gegen die Achse desselben ein durchsichtiger Spiegel s zwischen dem Ocular und dem Brennpunkte des Spiegels angebracht, welcher das seitlich einfallende Licht einer sehr hell leuchtenden Lampe q gegen das Objectiv hin reflectirt. In dem seitlichen Rohr ist eine Linse angebracht, durch welche ein Bild der Lichtquelle g im Brennpunkte des Objectivs entworfen wird, so also, daß die von q ausgehenden und durch den Spiegel d reflectirten Strahlen aus dem Objectiv das Fernrohr α als ein Bündel paralleler Strahlen austreten│und folglich im Brennpunkte des Objectivs von α' wieder vereinigt werden. Hier aber befindet sich ein Planspiegel, die Strahlen gehen auf demselben Wege wieder nach α um im Brennpunkte seines Objektivs abermals vereinigt zu werden, wo das Bild der Lichtquelle g nun durch den Spiegel von s hindurch mittelst des Oculars beobachtet werden kann. – Auf der anderen Seite des Fernrohrs α ist eine zweite Öffnung angebracht durch welche der Rand des gezahnten Rades in dasselbe hineinragt, die Ebene des Rades, rr, geht gerade durch den Brennpunkt des Objectivs. – Der angestellte Versuch gelang vollkommen. Je nachdem die Rotationsgeschwindigkeit größer oder kleiner war, sah man bald einen hellglänzenden Lichtpunkt, oder das Gesichtsfeld blieb vollkommen dunkel. Die erste Verdunkelung trat bei 12,6 Umdrehungen in der Secunde ein. Bei der doppelten Umdrehungsgeschwindigkeit erglänzte der Lichtpunkt von Neuem, bei der dreifachen wurde er wiederum unsichtbar. – Die Scheibe hatte 720 Zähne und wurde durch ein Räderwerk in Bewegung gesetzt und die Umdrehungsgeschwindigkeit der Scheibe rr wurde durch ein Zählwerk ganz genau gemessen. Die Breite jedes Zahnes und jeder Lücke beträgt 1/1440 vom Umfang des Rads, bei 12,6 Umdrehungen dauerte es also 1/1440 ∙ 12,6 = 1/18144 Secunde bis eine Zahnlücke den Brennpunkt f passirt, das Licht aber, welches durch diese Zahnlücke hindurch geht, kommt gerade vom andern Fernrohr zurück, während ein Zahn im Punkte f ist, folglich hat das Licht in 1/18144 Sekunde den Weg von 2.8633 = 14266 Metern zurückgelegt und die Geschwindigkeit des Lichtes in einer Secunde ist also 17266 x 18144 = 313285304 Meter, oder 313285304/7420 = 42221 geographische Meilen. – Das Mittel der Beobachtung ergab die Zahl 42505, ein Resultat, welches mit den Ergebnissen der astronomischen Beobachtungen sehr gut harmonirt.

Ich habe den ganzen Mist in der Hoffnung hingeschrieben, daß Du die ganze Sache nicht schon anders woher hast, und dann natürlich mein Geschreibsel unnütz wäre. – Glaube nicht etwa daß ich mein Versprechen, von wegen der Lobelia vergessen hätte. Ich wollte Dir damit gern eine kleine Weihnachtsfreude gemacht haben, jedoch bekomme ich sie erst selbst zu Ende dieses Monats, und das Pflänzchen kommt dann wohl etwas spät, doch, um Dich mit Deinen eigenen Waffen zu schlagen: spät kommt ihr pp wie sich der Herr von Goethe einmal auszudrücken beliebte. Wenn Du Scheuchzeria palustri wünschst, so kann ich Dir auch diese dann schicken, ich habe sie am Inselsberge selbst gefunden, jedoch nicht blühend da der heiße Sommer die Sumpfwiese, worauf sie eigentl. stehen soll, in eine trockene Wiese verwandelt hatte, und der Pflanze so die Nahrung entzogen. –

Was mich selbst betrifft, so suche ich mich hier nach Kräften zu amüsiren, man bezahlt seine Collegien und wenn das Semester um ist, hat man doch nichts gelernt. Das größte Vergnügen gewährt mir immer noch das Blättern im Herbarium, und wäre es auch nur im Geiste, und ich suche mir dann, bei jeder Pflanze womöglich, die genausten Umstände, unter denen ich sie fand, wieder zu vergegenwärtigen. Die Reisen, die wir, Weber, weiß und ich, zusammen unternommen, geben uns dann immer noch einen hinreichenden Stoff zum Lachen. Ich freue mich schon wieder von ganzem Herzen auf den Sommer, wenn man mit leichtem Beutel und noch leichteren Herzen auszieht, aus der Straße quetschender Enge etc etc, den Knotenstock in der Hand, um draußen sich einen Schatz zu holen für manche saure Stunde, die man auf harten Bänken verschwitzte. Ich fürchte jedoch, daß ich möglicherweise nächstes Jahr gar keine Botanik hören werde, davon ein andermal. –

Schließlich gedenke ich noch eines prachtvollen Weihnachtsgeschenkes, ich meine den physikalischen Atlas von Berghaus. Ich möchte wohl einmal das großartige Werk ganz sehen, denn das wenige was uns Buchbinder einmal zeigte, hat meine Begierde nur noch reger gemacht. Was meine sonstigen Sym- und Antipathien betrifft, so theile ich Dir mit, daß ich immer noch Chemie, Mineralogie, Geognosie pp mit Vorliebe treibe; auch mit der Krystallographie habe ich einen kleinen Versuch gemacht und werde mir, sobald es meinem Beutel irgend möglich, die Grundzüge der Krystallographie von Müller (dem Pouilleter Müller) anschaffen, was, bei einem sehr billigen Preise, eine große Anzahl von Abbildungen enthält, auf die es hier doch am Ende ankommt. – Dagegen bin ich immer noch ein abgesagter Feind der Philosophie und obgleich ich nun bald ein Semester lang Logik höre, so ist dadurch doch noch nicht gescheiter geworden Dein Freund W. Hetzer

H: EHH, egh., 1 Bl., 14,2 x 22,9 cm, 2 S.

D: ungedruckt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-01-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 21557
ID
21557