Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Friedrich Bodenstedt, Jena. 4. April 1902

Zoologisches institut

der universität jena.

Jena | 4.4.1902.

Hochgeehrter Herr!

Für Ihr freundliches, mir sehr interessantes Schreiben danke ich Ihnen bestens; nicht minder für die übersandte Schrift von Rudolf Seydel: „Das Evangelium von Jesu etc.“ Ich bedaure, daß ich die letztere nicht früher gekannt habe; sonst hätte ich in den „Welträthseln“ darauf Bezug genommen. Die Wirkung der letzteren dauert immer noch fort; mehr als Tausend Briefe, die ich in den letzten Jahren darüber erhalten, haben mich überzeugt, daß die Überzeugung von der Wahrheit unseres „Monismus“ bereits in weite Kreise gedrungen ist. ||

Aber für den Fortschritt und die Verbreitunga der geistigen Bildung und Befreiung bedeutet das leider sehr wenig. Denn die Macht der Kirche und des von ihr gelehrte Aberglaubens, unterstützt vom Staate, ferner die Macht des Herkommens und der Sitte, der Dummheit und Trägheit, ist so überaus groß, daß die reine Vernunft nur sehr langsam und in sehr beschränktem Maaße sie überwinden kann.

Die Meisten wollen gar nicht klar in die Welt sehen, sondern begnügen sich mit dem Opium-Dusel, in welchen sie das Versprechen der „Ewigen Seeligkeit im Jenseits“ versetzte. ||

Ihren Wünschen entsprechend, habe ich Ihr Schreiben an den (mir unbekannten) Verfasser der „Synopsis der vier Evangelien“ von S. E. Verus gesandt (durch Vermittlung der Verlagshandlung, P. van Dyk in Leipzig).

In Erwiderung Ihrer freundlichen Gabe sende ich Ihnen beifolgend mein Photogramm und meinen Cambridge Vortrag über den Ursprung des Menschen. Durch Übersendung Ihres Photogrammes würden Sie sehr erfreuen

Ihren hochachtungsvoll ergebenen

Ernst Haeckel.

a eingef.: und die Verbreitung

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
04-04-1902
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 19451
ID
19451