Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 5. März 1917

Stein. Kreuz 5, Bremen, 5.März 1917

Lieber alter Freund!

Wenn mir recht berichtet ist, wirst Du am 7. d. M. den 60. Gedenktag Deiner Doktorpromotion feiern. Ich möchte nicht unterlassen, Dir meine wärmsten und aufrichtigsten Glückwünsche zu diesem Feste zu senden. Im Alter kommt ein Zeitraum, in dem es mehr Jubiläen giebt, als im übrigen Leben; das Alter zwischen der Schul- und Lernzeit einerseits, der festen Wirksamkeit und des Hausstandes andererseits umfasst eine Reihe von Entwickelungsstufen, die für das spätere Leben wesentlich bestimmend sind. Am wenigsten bindend und verpflichtend ist die Erlangung der Doktorwürde. Daher kannst Du sie, gleich andern, unter allen Umständen feiern. Ich bin jetzt schon aus dem Stadium der Jubelfeiern hinaus und möchte glauben, dass man nun vom Jubelgreis zum Mummelgreis fortschreitet – impavidi progrediamur.

Ob Du am Doktortage eine Art von Erinnerungsfest in Freundeskreise feierst? Man kann ja für einige Stunden die Sorgen der Zeit vergessen. Es ist immer wohltuend, wenn man sich einige || Stunden „fern von der Welt Getriebe“ in die Erinnerung an alte Zeiten versenken und sich mit Freunden sinnend in Welträtsel vertiefen kann. Wie sich die Zukunft gestalten wird, lässt sich zur Zeit nicht übersehen und nicht einmal recht ahnen; ich wenigstens habe die Empfindung, dass ich, seit ich nicht mehr mitten im Leben stehe, die Wirklichkeit nicht mehr vielseitig genug beurteilen kann. Ich freue mich, wenn Jüngere in unserer Zeit lebensfähige Keime finden, aus denen sich eine in vieler Beziehung neue Zukunft entwickeln kann. Man muss rechtzeitig unhaltbare alte Zustände und alte Bestrebungen beseitigen, damit die Bahn frei wird.

Solche Betrachtungen wollte ich eigentlich nicht niederschreiben, sondern ich wollte Dir einen angenehmen Lebensabend wünschen. An die Stelle der kürzlich verheirateten Enkelin ist hoffentlich eine andere Hausgenossin getreten, die Dir Ersatz bietet und Deine nächste Umgebung angenehm zu gestalten versteht. So möge Dir denn ein behaglicher Lebensabend beschieden sein, uns allen in Zukunft eine friedliche Umwelt. In diesem Sinne ein aufrichtiges Glückauf!

Lebe wohl! In Erinnerung an alte Zeiten gedenkt Deiner in herzlicher Freundschaft

Dein W. O. Focke.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
05-03-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1916
ID
1916