Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 21. Januar 1910

Stein. Kreuz 5, Bremen,

21.1.10.

Mein lieber alter Freund!

Anbei schicke ich Dir einige Abzüge von unserer Wiener Photographie. Bei Bedarf werde ich Dir mit Vergnügen mehr Exemplare anfertigen. Als Du zur Linné-Feier in Schweden warst, hoffte ich, Du würdest den kleinen Umweg über Kopenhagen machen und wir würden uns dort treffen können. Ich wollte vorschlagen, dass wir dann ein Gegenstück zu dem Wiener Bilde machen liessen, das uns als alte Leute zeigen sollte, gleichsam zur Illustration des Wortes: „o alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du geschwunden.“ Zwei Bilder derselben Menschen mit einem Zwischenraum von reichlich 50 Jahren – das ist doch etwas Besonderes. Bei Familiengenossen mag dergleichen öfter vorkommen, aber bei Studiengenossen ist es doch etwas Seltenes, so dass wir in unserer Zeit der Recorde nach einem Gegenstücke wahrscheinlich lange suchen könnten.

Wie sich denken lässt und mir von || fachkundiger Seite bestätigt ist, wird sich aus drei Einzelbildern nie ein natürlich wirkendes Gruppenbild künstlich zusammensetzen lassen. Aber wir könnten doch unsere 3 Einzelbilder, in Haltung und Grösse einigermassen mit dem Original oder mit meiner etwas vergrösserten Kopie übereinstimmend, machen a und dann auf einem Blatte vereinigen lassen. Wir hätten dann zwar kein Gruppenbild aber doch drei zusammengehörige Einzelbilder. – Was meinst Du zu diesem Vorschlage?

Schöner wäre es allerdings, wenn wir noch einmal zusammenkommen könnten, so lange wir alle drei leben. Ich bin meinerseits bei mildem Wetter frei und kann so gut nach Kopenhagen oder Jena gehen, wie nach irgend einem dazwischen liegenden Platze, wie Kiel oder Rostock, kommen. Vorbehalte muss man freilich immer machen; Unpässlichkeit, anderweitige Reisen oder sonstige Zwischenfälle können immer die schönsten Pläne durchkreuzen.

Mein Sohn in Swatow (China) schreibt mir, dass er Herrn von Rautenfeld, einen || „Freund und Schützling“ von Dir, zur Weihnachtsfeier eingeladen habe; ausser dem Consul, dessen Frau krank ist, wollte er alle Deutschen Swatows bei sich vereinigen; auch eine alte Frau Asverus, die, so viel ich weiss, in irgend einer zu Jena (Geburts- oder früherer Wohnort?) steht, ist darunter.

Wegen meiner ständigen katarrhalischen Neigungen lebe ich in diesem Winter so zurückgezogen, wie noch nie; obgleich es bisher noch gar nicht wirklich kalt gewesen ist, ist es doch zu rauh für mich. Ich hoffe auf milderes Wetter, um wieder ordentlich an die Luft zu kommen. Im Sommer möchte ich mich gern viel an der See und auf dem Wasser aufhalten; vielleicht lässt die bacillenfreie Luft dann die Schleimhäute widerstandsfähiger werden. – Ich beschäftige mich mit der Ausarbeitung meines Rubus-Werkes und, wenn ich der langweiligen lateinischen Beschreibungen satt bin, mit kleinen biographischen Skizzen. Wie die Menschen doch verschieden sind; aber sie lassen sich noch viel weniger in Subspecies, Varietates und Subvarietates einteilen, wie die Tier- und Pflanzenarten.

In diesem Winter habe ich zweib Töchter im Hause; || eine derselben beschäftigt sich mit Säuglingspflege, die andere mit Kunstgewerbe, so dass ich durch sie noch von allerhand mir sonst jetzt fernliegenden Dingen höre.

Mit den herzlichsten Grüssen für Dich und Deine Frau

Dein W. O. Focke.

a gestr.: lassen; b korr. aus: drei

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
21-01-1910
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1893
ID
1893