Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 20. Juli 1878

Dr. W. O. Focke

Stein. Kreuz 2 A,

Bremen.

Bremen 20 Juli 1878.

Lieber Freund!

So eben habe ich die interessante Lectüre Deines Anti-Virchow beendet, einer Schrift, für deren Zusendung ich Dir zu lebhaftem Danke verpflichtet bin. Als ich s. Z. die Münchener Rede Virchow’s las, fühlte ich mich stark versucht, dieselbe in irgend einer Form zu besprechen. Vor allen Dingen zog mich eine Aufgabe an, nämlich der historische Nachweis, daß bei allen großen Fortschritten der wissenschaftlichen Erkenntniß zunächst die auf Analogieschlüsse und lückenhafte Beweismittel gestützte Hypothese die Bahn gebrochen und dann schließlich Recht behalten hat im Kampfe gegen die kurzsichtige „exacte“ Wissenschaft. Die Aufgabe war indeß zu vielseitig, als daß ich es hätte unternehmen dürfen, die mir kärglich zu-||gemessene freie Zeit darauf zu verwenden. Unbegreiflich ist u. A. auch V.s Stellung in den epidemiologischen Fragen; von 20 oder 30 Fällen, die bisher als streng analog und zusammengehörig galten, ist jetzt in 4 oder 5 die Hypothese vom Contagium vivum bewiesen worden, und nun sträubt sich V. dagegen, daß man die so gewonnenen Anschauungen auf die bisher noch nicht bewiesenen analogen Fälle überträgt. V. erhebt nicht etwa Zweifel gegen die Richtigkeit der Beobachtungen, wie man früher gegen die vermeintlichen Hallier’schen Entdeckungen protestieren mußte, trotz aller Uebereinstimmung mit den leitenden Ideen. V. beugt sich in den erwiesenen Fällen vor den Thatsachen, aber er duldet nicht, daß man daraus Analogieschlüsse für die noch nicht bewiesenen genau entsprechenden Fälle zieht. Im Grunde ist dies nichts anders als das Verlangen, die Allgemeingültigkeit der Gravitationsgesetze für jeden einzelnen Stern besonders nachzuweisen.

Deine Schrift hat mich daran erinnert, daß ich meine längst abgeschlossene und druckfertige Treviranus-Biographie erscheinen lassen muß. Es sind insbesondere zwei von Dir berührte Punkte, die darin in den Anmerkungen besprochen werden. Erstens ist nämlich die Lehre von den Instincten und den von den Vorfahren ererbten Ideen besonders klar von dem Großvater Darwin auseinandergesetzt worden, bei dem ich übrigens beiläufig bemerkt sonst || nicht viel „Darwinistisches“ gefunden habe. Zweitens möchte ich Dich darauf aufmerksam machen, daß man Oken nicht zu bestimmt als Vorläufer Darwin’s hinstellen darf, da gewisse Leute dadurch leicht wieder Material zu Broschüren über „Häckel’sche Fälschungen“ erhalten könnten. Oken nahm die Identität der materiellen Grundsubstanz für alle Organismen an, die er fix und fertig als vollkommene Apfelbäume, Flöhe und Rhinocerosse aus einer Sorte Nilschlamm oder einem Quasi-Bathybius hervorgehen ließ. Er verwarf indeß positiv jeglichen historisch-genealogischen Zusammenhang der organischen Formenreihen unter einander und hielt die „Species“ für streng constant. Oken’s Standpunkt ist also im Wesentlichen der der altägyptischen Priester oder Albert Wigand’s.

Wenn ich anknüpfend an die Lectüre Deiner Schrift mir noch ein paar Bemerkungen erlauben darf, die sich mir unmittelbar aufgedrängt haben, so sind es folgende. Die Hybridität würde ich als Ursache der Artenbildung nicht neben die Selection stellen. Nach meiner Auffassung entstehen durch die Hybridation neue Formen und dadurch eine größere Mannichfaltigkeit der Typen, von welchen durch die Selection die passendsten und lebensfähigsten erhalten und gezüchtet werden. – Unter den verknöcherten Alten, die die Ideen Ihrer Jugend nicht mehr verstehen können, darf man auch wohl den greisen L. Reichenbach nennen, der neuerdings seinen senilen Schwachsinn genügend documentirt hat, einst aber den Aberglauben an die constante und absolute Species nachdrücklich bekämpfte. Ein paar || Citate finden sich in meinem Rubus-Buche S. 65 u. 73. Dein Urtheil über die Berliner Gelehrten-Atmosphäre trifft vollkommen mit denjenigen Ansichten zusammen, die auch in hiesigen Naturforscherkreisen mehrfach geäußert wurden. In Frankreich steht man übrigens der Descendenz- u. Entwickelungslehre noch kühler gegenüber, wenigstens wenn ich aus dem Verhalten der botanischen Kreise einen Schluß ziehen darf. Nur in Montpellier liegt die Sache anders, weil dort Ch. Martins die Fahne des Darwinismus hoch hält und die Andern wenigstens schüchtern zuzustimmen scheinen. Nachdem Weddell, der selbst die Anden gesehen hatte, a der sich aber auch nurb etwas verschämt äußerte, gestorben ist, hat sich von den sonstigen angesehenen französischen Botanikern meines Wissens nur Germain de St. Pierre, der nicht in Paris lebt, eingehend und entschieden für den Darwinismus erklärt. In Paris ist es nur der Gärtner Carrière, der ohne gründliche wissenschaftliche Bildung aber von klarem Verstand und unermüdlich, seit 15 Jahren ungern eine Nummer seiner Revue horticole erscheinen läßt, ohne irgendwo zum mindesten einen kleinen Seitenhieb gegen das absurde Dogma der espèce absolue anzubringen. – Ich dachte, daß Dir diese Notizen über Verhältnisse, die Dir ferner liegen dürften, von einigem Interesse sein könnten.

Ich arbeite an der Vervollständigung des reichen Materials, welches ich über Hybridisation gesammelt habe. Dasselbe ist äußerst zerstreut und schwer zugänglich, so daß gewiß selbst die besten Kenner desselben nur einen kleinen Theil des wirklich vorhandenen Stoffesc beherrschen. Im Herbst nächsten Jahres hoffe ich ein Werk über die Pflanzenbastarde druckfertig liefern zu können. – Nun genug davon; ich mußte Dir doch meinen Dank für Deine treffliche Schrift aussprechen.

Mit herzl. Gruße in alter Freundschaft

Dein F.

a gestr. und; b eingef. mit Einfügungszeichen: nur; c eingef. mit Einfügungszeichen: Stoffes

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
20-07-1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1854
ID
1854