Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 1. März 1868

Bremen, 1 März 1868.

Mein lieber Freund!

Deine lieben Zeilen vom 20sten v. M. haben mir viel Freude gemacht; ich ersehe daraus, daß es Dir gut geht, daß Deine Thätigkeit erfolgreich ist und daß Du zuweilen an mich denkst. Vergiß auch ja nicht Dein Versprechen mir bei Gelegenheit eine Photographie Deiner Frau zu schicken. – Was mich betrifft, so fühle ich, daß ich allmälig wieder etwas kräftiger und leistungsfähiger werde; fürs Frühjahr habe ich eine Reise projectirt, die mich hoffentlich vollends stärken wird. Ich hatte einen großen Theil der Familie eines Onkels aus Gesundheitsrücksichten nach dem Genfer See dirigirt; die Reise mußte indeß bis zum Frühjahr aufgeschoben werden und nun habe ich eine Einladung a erhalten als Arzt mitzugehen. Es ist dies um so angenehmer, als es sich nicht um schwer Kranke, sondern um sehr liebenswürdige Leute handelt, welche in der Lage sind dem Einwurzeln von Leiden durch Luftwechsel und Reisen zu einer Zeit zuvorzukommen, wo dieselben noch wenig bedrohlich erscheinen. Meine Frau macht || freilich nur mit einiger Mühe gute Miene zur Aussicht auf die Trennung, allein sie sieht doch ein, daß der Plan im Grunds vortrefflich ist.

Meinen längst angekündigten Brombeeraufsatz wirst Du inzwischen erhalten haben; es ist ein Vorläufer, der mir für das weitere Specialstudium der Gattung Untersuchungsmaterial verschaffen soll. Meinen Plan den Einfluß der hybriden Befruchtung auf die Artenbildung zu besprechen, habe ich vorläufig wenigstens bis dahin verschoben, daß der zweite Theil von Darwin’s „Variiren“ erschienen ist. Es schien mir doch zu vorwitzig, die Ergebnisse von Detailstudien zu besprechen in einem Augenblicke, in welchem gerade ein Fundamentalwerk über die einschläglichen Fragen unter der Presse ist. Meine Ansicht ist kurz gesagt die, daß die eigentlichen Bastarde selbst höchstens ausnahmsweise in neue Arten übergehen, daß b dies aber häufiger bei ihren Abkömmlingen, die durch Rückkreuzung mit einer Stammart entstanden sind, der Fall sein mag. Dagegen glaube ich, daß die Einführung fremden Blutes, um mich so auszudrücken, in den engen Formenkreis einer scharf begrenzten Art die Plasticität des Arttypus außerordentlich erhöht und ihn zum Variiren geneigt macht. Ein specielles Thema, welches ich in der projectirten Arbeit zu erörtern gedachte, habe ich als separaten Aufsatz herausgenommen, es ist die || Frage der „dichotypen“ Pflanzen, wie ich sie nenne, als deren Prototyp der Cytisus Adami gelten kann. Ich glaube durch die von mir gesammelten Beispiele mehr Licht über diese Erscheinungen verbreiten zu können, als es Darwin möglich war. Weil ich gerade von Wien aus eine Aufforderung zu einer Arbeit erhielt, habe ich den Aufsatz dorthin geschickt. Ein anderes Thema, welches mir im Sinne liegt, eignet sich vielleicht für einen Artikel in der Jenaischen Zeitschrift f. M. u. N., für welche Du wirbst. Als „Darwinianar vor Darwin“ sind Lamarck, Goethe, G. de St. Hilaire und Andere oft genannt. Dagegen glaube ich kaum, daß es in weiteren Kreisen bekannt ist, wie klar und entschieden sich in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts der Biologe G. R. Treviranus für die Entwickelungstheorie ausgesprochen hat. Wenn noch kein Anderer darauf aufmerksam gemacht hat, was mir leicht entgangen sein kann, so möchte ich es wohl thun. Wenn Du einen Aufsatz über dies Thema brauchen kannst, so will ich es bearbeiten; Du kannst es mir in wenigen Worten schreiben, oder mir als Zeichen einen beliebigen Druckbogen unter Kreuzband einsenden. – c In meinem projectirten Aufsatze über hybride Artenbildung wollte ich bei Vergleichung der den Polargegenden und Hochgebirgen identischen und homologen Arten auch die Eiszeit kurz besprechen; von der Vorstellung, die ich mir über die Ursachen derselben gebildet habe, schrieb ich Dir schon, und es freut mich, daß || Du meine Idee plausibel findest. Gelegentlich muß ich auch diese Ansichten einmal veröffentlichen; es knüpft sich noch einiges Weitere daran, was zur Kritik der Theorieen über das Klima früherer geologischer Epochen dienen kann. – Kürzlich habe ich auch Vorbereitungen zu Hybridisationsversuchen im nächsten Sommer getroffen; ich suche indeß ganz besonders nach einem Falle, der a priori schwer aufzufinden und zu erkennen sein dürfte. A, B, C, D seien z. B. Racen eines größeren Formenkreises oder, wenn man will, 4 nahe verwandte Arten; A und D sind die extremsten Formen. Nun möchte ich gern d nachweisen, daß das Kreuzungsproduct A D sich wie ein wirklicher, mehr weniger unfruchtbarer Bastard verhält, während A B, B C und C D wie gewöhnliche Varietätenblendlinge mit vollkommener Fruchtbarkeit erscheinen. Gewiß giebt es solche Fälle, aber es ist schwer sie auszufinden, wenigstens wenn man nicht über einen großen botanischen Garten disponirt.

Du beabsichtigst, wie ich aus den Anzeigen ersehe, im nächsten Sommer über Paläontologie zu lesen, für mich ein Zeichen, daß Du Dich wieder speciell mit den einschläglichen Studien befaßt und interessante genealogische Resultate erhalten hast. Ein Seitenstück dazu, vom botanischen Standpunkte aus, sollen wohl Hallier’s Vorträge über die Geschichte der Pflanzenwelt liefern. Der Mann hat kürzlich wieder ein stellenweise höchst spaßhaftes Buch über Pflanzenpathologie zusammengeschrieben. Ueber seine Pilzstudien können nur wenige Leute ein selb-||ständiges begründetes Urtheil haben, während die Schwächen solcher flüchtigen Compilationen, wie jene Pflanzenpathologie, doch gar zu auffällig sind. – Wenn ich Zeit behalte und meine Arbeitskraft sich bessert, muß ich auch einmal meine Ideen über die Verwandtschaftsverhältnisse im Pflanzenreiche und die genealogische Entwickelungsgeschichte desselben bearbeiten; Deine Darstellungsweise in der generellen Morphologie stimmt in mancher Hinsicht nicht mit meiner Auffassung überein e und es dürfte Anregung zu einer vielseitigen und gründlicheren Erörterung mancher Fragen geben, wenn verschiedene Meinungen einander gegenübergestellt werden. Vor nächstem Herbst lasse ich mich jedoch nicht darauf ein irgend etwas Neues anzufangen.

Da habe ich Dir allerlei von meinen botanischen Lieblingsstudien vorgeschwatzt; ich komme um so leichter dazu, als ich hier selten Gelegenheit finde darüber zu sprechen. Der naturwissenschaftliche Verein gedeiht hier allerdings den Umständen nach ganz gut, allein es ist das kein Kreis, welcher fähig ist die Tragweite complicirter Specialstudien zu begreifen.

Strube ist jetzt glücklicher Ehemann, er hat eine reiche, frische und lebenslustige Frau. Kottmeier’s Braut ist ernster, macht aber einen sehr angenehmen Eindruck. Im Mai beabsichtigt er zu heirathen. || Meine projectirte Reise werde ich nicht vor Mitte April antreten, bis dahin finden mich etwaige Briefe von Dir noch hier. Im Juni, vielleicht erst gegen Ende des Monats, denke ich zurückzukehren. Die Alpen im Frühjahr werden mich gewiß manchmal an unsere Wiener Spritzen erinnern. Es ist freilich manches anders geworden im Laufe von 11 Jahren, und statt der muntern Wiener Gesellschaft wird mich mitunter wohl etwas Heimweh nach Frau und Kind auf die Berge begleiten.

Nun empfiehl mich freundlichst Deiner Frau, lebe glücklich, denke zuweilen an mich und erfreue mich bei Gelegenheit einmal wieder mit einigen Zeilen. Meine Frau verbindet ihre Grüße mit den meinigen. Ein herzliches von

Deinem alten Freunde

W. O. Focke.

Kann ich Dir in der Schweiz, etwa in Genf, Lausanne oder aus dem Genfer See Etwas besorgen? Natürlich bin ich mit Vergnügen bereit dazu; vorausgesetzt, daß ich mich auf das betreffende Ding verstehe.

a gestr.: be; b gestr.: aber; c gestr.: G; d gestr.: , den; e gestr.: ,

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
01-03-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1843
ID
1843