Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Bonn, 15. Februar 1919

Physiologisches Institut

Bonn, 15.II.19.

Nuss-Allee 11.

Hochverehrter Herr Professor!

Zum 85sten Geburtstage sende ich Ihnen zugleich im Namen meiner Frau und Nichte die allerherzlichsten Glückwünsche. Möchte Ihnen das neue Lebensjahr ein freundlicheres Angesicht zeigen als die letzten Monate des verflossenen und möchte Bein und Herz Ihnen die Freude am Leben, wenigstens an der Natur, die zu Ihrem eigentlichen Wesen gehört, nicht allzu sehr beeinträchtigen. Ich möchte Sie, sobald uns unsere englischen Peiniger das Aus- und Einreisen im Rheinlande wieder gestatten, doch wieder in besserer Stimmung in Ihrem alten lieben Jena antreffen als im vorigen Jahre. Das ist mein herzlichster und wärmster Wunsch.

Wie ist doch alles in dem einen Jahre so ganz anders gekommen || als wir es noch bei unserem letzten Zusammentreffen dachten! Ich selbst wenigstens bin in der aller furchtbarsten Weise überrascht worden von den trüben Ereignissen und ich muss sagen, dass für mich das aller Betrübendste ist die völlige Charakterlosigkeit grosser Massen unseres eigenen Volkes, die ich nicht blos auf die Zermürbung durch den Krieg zurückführen kann. Oft, ich kann fast sagen täglich habe ich in den letzten Monaten gewünscht, ich könnte einmal wieder mit Ihnen von höherem entwicklungsgeschichtlichen Standpunkte aus die inneren und äusseren politischen Ereignisse besprechen, die uns die letzten Monate gebracht haben. Es würde für mich sicherlich eine Beruhigung daraus hervorgegangen sein, davon bin ich überzeugt. Bei einem so völligen Zusammenbruch des Besten, was man vom Menschen und westlicher Kultur gedacht hat, sucht man unwillkürlich wieder Trost bei seinem alten lieben und hochverehrten Lehrer, der einem selbst einst das Beste gab, was er besass. Aber leider gestatten ja unsere Henker, die sich || hier im Rheinlande eingenistet haben, keine Reisen in das unbesetzte Deutschland. Ja ich bin sogar zweifelhaft, ob diese Zeilen, die Ihnen die alte Gesinnung und die Wünsche Ihres treuen Schülers zu Ihrem 85sten Geburtstage zum Ausdruck bringen sollen, zu Ihnen gelangen werden. So weit ist es mit Deutschland gekommen! Die Erniedrigung und Demüthigung könnte nicht grösser sein und was der Menschengeist etwa noch dazu an Schande erdenken könnte, das thun unsere eigenen Landsleute uns selbst noch an! Dennoch verlässt einen die Hoffnung nicht, dass auch für Deutschland einmal wieder bessere Tage kommen werden und ich hoffe nur, dass Sie selbst und ich den Aufstieg wenigstens in seinen aussichtsreichen Anfängen noch selbst mit erleben werden. Es sind ja neben dem vielen Scheusslichen auch die Ansätze zu etwas Gutem und Erfreulichem schon vorhanden und es scheint, als ob wir doch den Boden des grössten Tiefstands nun allmählich erreicht hätten und uns eben wieder ein wenig aufzuraffen im Begriffe wären. Möchte dieser Eindruck nicht täuschen. Das ist mein sehnlichster Wunsch zu Ihrem Geburtstage. ||

Sub specie aeternitatis betrachtet ist ja auch die augenblickliche Entwicklungsphase Deutschlands nur ein vorübergehendes Glied in der Kulturentwicklung der Menschheit und die Überzeugung, dass daraus auch für unser Vaterland wie für die ganze Menschheit einmal ein höheres, vollkommenes Stadium resultieren wird, diese Überzeugung lasse ich mir nicht nehmen. An Aufgaben für die Zukunft fehlt es uns nicht. Arbeit ist schon jetzt genug da. Hoffen wir, dass auch recht bald ein entsprechender Erfolg sich einstellen möchte. So wünsche ich denn vor allem, dass Ihr neues Lebensjahr sich unter den Zeiten des Wiederaufstiegs in Deutschland abspielen möchte und Ihnen und uns allen damit wieder neue Freuden bringen wird.

In diesem Wunsche bleibe ich mit den herzlichsten Grüssen in alter Treue

Ihr ergebenster

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17459
ID
17459