Weiß, Ernst; Osterwald, Wilhelm

Ernst Weiß an Ernst Haeckel, Merseburg, 8. November – 6. Dezember 1852

I.

Merseburg d. 8/11 52.

Lieber Häckel, alter Freund!

Ich will einmal wieder versuchen, für Dich ein Collectaneum von fliegenden Blättern anzulegen, in Hoffnung, daß Du vielleicht auf einen ähnlichen gescheuten (!!!) Einfall geräthst. Ich werde dabei auch wieder Gelegenheit haben, mein famoses Talent zu logischer Schreibweise darzulegen; denn daß ich das habe, muß doch wahr sind, denn der Olle hat mir neulich unter eine lateinische Arbeit geschrieben: „Die logischea Darstellung (o mirum, mirandum, mirabile!!) tritt schon ziemlich ziemlich erkennbar hervor, doch der Styl hat noch kein lateinisches Gepräge, wenn man auch einige Spuren davonb herausfinden könnte.“ – –

Du siehst, wie ich immer das größte Talent für Pennalstudien gehabt habe, absonderlich für das Latein u. Graecum; so entwickelt sich diesec schöned Eigenschaft bei mir immer mehr. Indeß Studenten-Studien haben nicht’s mit Pennal-Studien zu thun; wenigstens ist ein Medicinulus (vielleicht ist Mediciniculus klassischer) darüber erhaben. Jetzt muß ich freilich eigentlich sagen: ein Harr Doktore – Deshalb lebe für heut wohl, ich bleibe Dein

pennalis pennalium ~

NB. Das ~ heißt nämlich auf Stenographisch: Weiß.

Motto: Quaenam est vitae summa? – Horaz sagt: brevis; das Pennal aber: logicum! punctum.

Erste Fortsetzung d. 28/11 52.

Heute (erst) erhielt ich Deinen Brief, für den Du schönstens bedankt sein sollst. Den Forderungen des Weißischen Reglements genügte er diesmal. Fahre so fort, an ausführlichen Briefen von meiner Seite soll es nicht fehlen. Nur bin ich auf Weber etwas böse, der mir den Brief erst so spät hat zukommen lassen u. nicht einmal den seinigen, || auf den Du mich in Einzelnem verwiesest, f zugeschickt hat.

Emilius pulcher, der Überbringer des Briefes, kam heute zu mir u. hat die Güte gehabt, mit mir einen Spaziergang zu dem Frosch zu unternehmen, wo ich heute seit ungeheuer langer Zeit wieder einmal ein Töpfchen Bier getrunken habe. Humpen desselben, aber veredelten u. kultivirten Getränkes wirst Du wohl öfters jetzt zu Dir nehmen; wenigstens glaube ich, daß sogar ich es in Baiern lernen würde: auch soll der Würzburger Wein superb sein. – Doch was geht michg das an?

Ehe ich zur Beantwortung der Hauptsache in Deinem Briefe – des projektirten Umsattelns – übergehe, laß Dir noch ein wenig Uninteressantes gefallen. Für heute habe ich zu einer Antwort auf jene Frage keine Zeit, obwohl ich für meinen Theil nicht mehr über das Wie u. Was zweifelhaft bin.

Also um beim Langweiligsten anzufangen (Entschuldigungen meines späten u. seltnenh Schreibens lasse ich weg, sie werden sich von selbst ergeben, ich kann Dir aber versichern, daß ich es von vornherein nicht in Absicht hatte) – noch ein wenig über die Akademie der Pennäler, den Ollen u. sonstige schöne u. interessante Gegenstände.

Die „Schinderei“ mit lateinischen Arbeiten geht wie immer fort, alle 8 Tage; doch verlängern wir selbst diese Zeit bisweilen bis zu 14 Tagen. Dem guten Ollen i kann es aber jetzt Niemand – außer Joachim – recht machen. Neulich gab er ein Thema: Qae nobis in Datame admiratione esse possit, und j hatte dabei erwartet, ihn mit andern schönen Männern, z.B. mit Abdelkadern (!!) oder Hannibal, oder …….. zusammengestellt zu sehen! – Und nachdem er darauf eine Vergleichung || zwischen jenen berühmten k Datames mit Hannibal u. Hamilkar aufgegeben hatte, war er unzufrieden, daß Niemand „denkend“ gelesen hätte; doch hatte mein Freund (!) Joachim diesmal eine lange (nach Andern aber zugleich sehr flache) Arbeit geliefert, l über die der Professor Wieck sich sehr gefreut zu haben erklärte. Dagegen sinken die übrigen Arbeiten immer mehr, übrigens kein Wunder; denn derartige Themata kriegt man nun allgemach dick u. satt. Doch satis sit; ich könnte mich hier wirklich in „orndliche Raasche“ schreiben. Aber etwas ist doch nicht zu vergessen. Der Professor Wieck ist endlich auf den Einfall gekommen, um seinen Schülern „erstlich denkend lesen“ zu lehren, von jetzt an abwechselnd eine deutsche u. eine lateinische Arbeit zu verlangen. – Jetzt rückt auch die Zeit heran, wo wir die schon lange wie ein drohend Gewitter vor uns gelagerte Religionsarbeit (Brief über den Römerbrief) an den Doktor Simon abzugeben haben. Wollte Gott, wir wären erst von dieser befreit! Denn in den 4 Tagen, die noch Zeit dazu sind, läßt sich begriflicherweise nicht viel anfangen. – Doch ich habe ganz vergessen, daß ein glücklicher Studio sich nichts mehr um einm unglückliches Pennal schert. Wenn dies bei Dir auch der Fall sein sollte, so sei wenigstens zur Strafe dazu verdammt, diese Gähnen-erregende u. doch Herz-umwendende Schilderung von A bis Z durchlesen zu müssen. – Gute Nacht! Morgen ein Nähreres!

Zweite Fortsetzung d. 29/11 52.

Ich will heute versuchen, Dir meine Ideen klar zu machen in Betreff Deines Umsattelns. Wir haben oft genug über Dein „praktisches“ Talent gescherzt, um nun auch einmal den Scherz bei Seite zu lassen.

Also primo: Deine Gründe, weshalb Du umsatteln willst, sind, denke ich mir, folgende: Du glaubst, es sei Dir unmöglich, Dich jetzt u. später praktisch zu geriren. Soviel, meine ich, ist allerdings nicht unrichtig, || daß es Dir jedenfalls in mancher Beziehung n schwer werden würde, obwohl ich es nicht für unmöglich halten kann; denn ich meine, daß sich dergleichen Schwierigkeiten bei Lust u. Übung überwinden lassen, worüber wir schon zusammen gesprochen haben im vorigen Winter. Nun aber ist der andre Grund, das Studium der Medizin aufzugeben, freilich wichtiger. Die rechte Freude u. Lust dazu fehlt Dir oder hat sich doch jetzt als zu unbedeutend herausgestellt. Dagegen ist freilich nichts einzuwenden, da die Lust u. Liebe zu einer Wissenschaft das einzige entscheidende Motiv sein muß. Nun aber glaube ich, Du machst Dir hier viele katzenjämmerliche dumme Gedanken (bitte, nichts übel zu nehmen), als da sind: „wenn ich zur Medicin nicht tauge, so wird’s mit der Mathematik ebenso sein!“ u. denkst wohl gar daran, das Studium, das sich bei Dir von früh an als das Leitende heraus gestellt hat, zurückzuweisen. Das ist nicht recht von Dir – erlaube – Deine Einwendungen werden sich schon entscheiden, wie sie sollen; u. Dir den Text zu lesen, kann ich hier wirklich nicht lassen. Wenn ich sagen soll, als was ich mir Dich immer o gedacht habe, ist: als Professor – wahrscheinlich der Botanik.

Dies, also die akademische Karriere, ist dasjenige, worauf Deine ganze Anlage, Deine (um mit Osterwald zu reden) ganze Natur gerichtet gewesen ist u. noch ist. Entscheidest Du Dich daher dafür, umzusatteln, so kannst Du durchaus nicht über das Zukünftige zweifelhaft sein. Freilich studire dann Mathematik. – Doch hier ist Zeit, vorerst noch ein Wörtchen über den „Juristen“ zu sprechen. Wenn Du, wie ich freilich auch entschiedenp glaube, dazu keine Neigung hast, – wie kannst Du mit einen solchen Gedanken kommen? Ich rede hier nicht davon, daß z.B. ich gegen Jura eine Antipathie gehabt habe, denn ich bin nicht Du, u. mag Niemand von deren Studium ||

II.

je q abreden, wie ich nicht wünsche, daß z.B. jemand mich von dem der Naturwissenschaft ablenken möchte: Aber daß Du so plötzlich Deine entschieden ausgesprochener Natur verläugnen willst, wie es mir scheint, das kann ich nicht billigen. Doch ich kann auch nicht glauben, daß es Deine Absicht ist, Jura zu studieren; denn wie Du jetzt Dich für den Mediciner untauglich hältst, so könnte es leicht kommen, daß Du bei einer später sich herausstellenden Abneigung gegen die Jura Dich völlig unglücklich fühlen könntest. –

Nun kehre ich dahin zurück; studire Du ruhig Mathematik (wie gesagt, vorausgesetzt, daß Du entschlossen bist, der Medizin zu entsagen). Daß Du Dich ein Jahr lang der Medizin gewidmet hast, schadet nichts, denn vor allem bist Du noch jung genug u. dann ist eine medicinische Kenntniß, wie Du sie bist jetzt erlangt hast, immerhin wünschenswerth, da ja der Mensch auch ein Stückchen Naturgeschöpf ist u. dessen Anatomie immer auch wichtig genug ist. Doch was schwatze ich da altklug. Du wünschest zu wissen, ob ich Dich für das Studium der Mathematik für tauglich hielte. Antwort: Jas.

Ich will hier einmal von Dir ab u. auf mich übergehen, weil Du hier vielleicht unbefangener urtheilen kannst. Sieh, ich will Mathematik studiren, ich würde es nicht, wenn ich hoffen könnte, zu etwas Anderm, wobei ich den Naturwissenschaften obliegen kann, theils tauglich zu seint, theils durch Umstände nicht verhindert. Ich werde nie die akademische Laufbahn aus mancherlei, leicht einzusehenden Gründen ergreifen können: wenn ich einmal eine ähnliche Stellung als z.B. Gandtner erhalten sollte, will ich zufrieden sein. Denn, u um nur einen Grund anzuführen, v für meine Verhältnisse ist jene Carriere zu gewagt. Ja, wäre z.B. mein Onkel nicht schon alt u. – || wie ich es jetzt öfter für ihnw fürchte, kränklich; so könnte ich mir eine Hoffnung noch eher machen. Also ich sage, ich will Mathematik studiren; dennoch muß ich mir zugestehen, daß ich diesem x Studium, sollte ich es als das Einzige hinstellen, nicht gewachsen bin. Die abstrakte Mathematik ist jedoch nur bis zu einem gewissen Punkte nöthig, von uns studirt zu werden. Ich treibe eben nicht Mathematik um der Mathematik willen, was nicht nöthig ist. Dies zu meinem u. – Deinem Troste. Du wirst nicht die Mathematik ausbilden, vervollkommnen, sondern die Naturwissenschaften, u. nicht einst Professor der Mathematik, sondern irgend eines Zweiges der (letztern) Naturwissenschafteny werden. Das aber, was Du noch nachzuholen hast, ist nicht so schwierig, als Du glaubst, u. Du bist ja doch in dieser Beziehung z.B. kein „Fischer u. Consorten“, deren Du Dich erinnerst, wenn auch weder Du noch ich ein „Koch“ würdest. Jedenfalls wirst Du, wenn Du Deine Hefte einmal wieder ansiehst, schnell genug in die nöthige Virtuosität hinein kommen. Hast Du noch Einwände? Etwa das bekannte bescheidene z: „ich bin zu dummer Hund“ ?? Darauf antworte ich nun nicht mehr. Wer fähig ist, in einer Wissenschaft etwas Gründliches zu leisten, der kann sich in der andern auch soviel Allgemeines u. Specielles aneignen, als er zu einem Zwecke, wie der Deinige, bedarf.

Dies, mein lieber alter Freund, der ganze Rath, wie ich ihn Dir zu geben im Stande bin. Noch eins: Deine Eltern werden Dir gewiß noch einen Bessern geben können oder wahrscheinlich schon gegeben habenaa. Doch hoffe ich, nicht meinetwegen, daß er dem, der sich hier hat laut werden lassen, || nicht ganz gegenüber stehen wird. Natürlich kann ich nur urtheilen, wie es mir nun bei den mir bekannten Umständen am besten scheint; glaube auch durchaus nicht, daß mein Rath Dir als Richtschnur dienen bb müsse, sondern es ist lediglich eine Andeutung, incc der Du vielleicht Eins oder das Andre näher berücksichtigen könntest, u. ein Gedanke, wie ich ihn an Deiner oder vielmehr ähnlicher Stelle wahrscheinlich haben würde. Daß Eine muß ich aber Dir allein überlassen: ob Du es für nöthig oder Deinem künftigen Leben besserdd hältst, von der Medicin auf die Mathematik umzuspringen. Osterwald stimmt mit mir überein, nur glaube ich, daß er noch entschiedner dafür ist, daß Du (zur Noth.) umsatteln solltest. Er wird übrigens, wie er versprochen, ein paar Zeilen beifügen.

Noch habe ich eine Bitte an Dich: Sei nicht so hypochondrisch, wie Du mir scheinst, sondern gewinne endlich einmal ein bischen Selbstvertrauen. Ich kann mir wirklich nicht anders denken, als daß Du nur aus übertrieben melancholischen Gedanken Dich förmlich abquälst, Dir selbst das Leben sauer zu machen. Und nun leb wohl für heute; obgleich ich tüchtig in´s Schmieren hineingerathen bin, habe ich doch blutwenig Zeit dazu. – Nächstens vielleicht ein wenig über mich, der ich, obgleich Dir so eben den Text lesend, selber jetzt etwas, wenn auch in ganz andrer Weise als Du, physisch- u.ee moralisch-katzenjämmerlich gestimmt bin. Nun näheres ein andermal. Adieu.

Dritte Fortsetzung. d. 6/12 52.

Noch einmal setze ich an, um sodann den Brief endlich zu schließen. Zunächst über mich? – Nun ja, aber kurz. Das Resultat meines Unbehagens habe ich Dir geschrieben: ein physisch-Moralischer. Um ihn jedoch || jetzt zu analysiren, genüge folgendes: Erstens mag das traurige Leben, das ich jetzt hier zu führen gezwungen bin, sehr viel dazu beitragen: Nicht ein Freund hat sich wieder gefunden; das seltne Erscheinen Weber´s und Hetzer´s hier trägt nur dazu bei, diesen Mangel immer frisch zu erhalten, – und für einen Freund, der nicht wenigstens einigermaßen mit mir in Wissenschaften harmonirt, muß ich danken, ff wie Du leicht begreifen wirst. Daß aber je wieder ein solches Kleeblatt hier erstände, als es noch vor 1 Jahr hier war, muß ich in ferne Zeit hinaus verschieben. Ich bin manchmal ordentlich wüthend vor Ärger, wenn die Leutchen hier gegen unser – meinetwegen Steckenpferd – losziehen, oder sich gegen solche Sachen so höchst gleichgültig zeigen. Früher ertrug man dergleichen mit stoischer Ruhe, da doch immer noch Einige vorhanden waren, die nicht so dachten; aber da ich jetzt so völlig allein dastehe, so bedarf es weit weniger, mich zum Vertheidiger gegen Alle jene zu reizen gar nicht zu erwähnen der jämmerlichen Vergnügungen, denen sich diese Leute hingeben: Saufen, Schwofen, Renommiren u.s.f. Das soll einem Lust machen, mit ihnen anzuknüpfen? – Eine Bitte jedoch: den Abschnitt über meinen quasi Katzenjammer Niemand wieder zu erzählen, da ich mir bisher gegen Niemand habe etwas merken lassen u. dies auch nicht darf u. willgg. Also: behalts für Dich.hh – Doch ii der Ärger ist’s nicht allein, der mir das Leben hierjj ein wenig unleidlich macht. Die Aussicht auf noch mindestens 2 ½ Jahr, hier aushalten zu müssen, die vielen langweiligen Stunden, die einem selbst das Oxen verleiden, das sind Alles schöne Gegenden!

Nun aber noch ein Andres, was auch nicht zur Aufheiterung beiträgt, das ist die Aussicht, wie sie sich für mich in die Zukunft aufgetan hat.

Mein Onkel in Berlin – öfters, als je, krank, mein Onkel hier in Merseburg – sehr bedenklich krank; wenigstens fürchte ich viel: er ist alt u. die Krankheit (über die ich wohl gewiß sein darf) langwierig u. – wenn nicht mehr. Dazu kommt, daß ich selbst mich öfter nicht wohl fühle. Nun urtheile selbst, ob man da so stoisch-gleichmüthig sein kann! Zumal wenn man auf Sprünge kommt, wie Du, u. sich für ungesund hält. ||

III.

Doch ich will Dein medicinisches Herz nicht durch Klagen über mich noch mehr antimedicinisch machen. Dein Katzenjammer wird ohnedem bei Anhörung des meinigen vor Schrecken aufgeregt werden; freilich wünschte ich, daß er lieber vor Schrecken über Hals u. Kopf davon liefe u. erstlich Dich allein ließe u. dann vielleicht auch den meinigen nachholte. Jetzt aber – Rrrr ein ander Bild!

Damit aber die „logische Anordnung“ bleibe, will ich noch Eins von mir erzählen, woran sich das Übrige viel übersichtlicher anknüpfen läßt. Nämlich eine tragi-komische Geschichte passirte mir neulich. Ich meldete oder, um genauer zu sein, ich hatte mir gemolden zum Einjährigen Militär-Dienst (natürlich mit dem Wunsche im Herzen, die „ergebenste Bitte“ um jene Vergünstigung abgeschlagen zu erhalten) u. wurde von Schwarz – als tauglich befunden. Darauf meinte ich aber: alleweile keenen Thee nich! ging zu Dr. Gruber, ließ mir ein Attest geben für meine Unbrauchbarkeit, ging nochmals zu Schwarz, stellte ihm die Sache so rührend als möglich vor – und wurde einstweilen zurückgeschrieben.

Nun gebe aber der Himmel keine Mobilmachung, sonst werden wir ein edler Train-Knecht oder Reserve-Vermehrer, oder wie jener sagte, wir kommen „bei’s Getränke“. Ebenso geht’s Weber, der auch vorläufig zurückgeschrieben ist. Doch habe ich guten Muth u. denke, daß die Mobilmachung noch nicht so weit ist, daß man sich schon Sorgen machen sollte. – Dieses wäre also wiederum fertig, ein Andres an der Reihe. Hier wäre nun ein Übergang anzubringen, als z.B. Quae quum ita sint etc. Doch das ist gar zu logisch. Sprach ich nicht so eben von Weber? – Ein famoser Gedanke! – – Weber war heute bei mir u. – u.s.w. – Ist das nicht ein prächtiger Übergang? || Welche Fülle von Gedanken u. Gesprächen u. ich weiß nicht was, läßt sich da Alles anknüpfen! Und wie läßt sich auf die Weise kk unsere Unterhaltung so hübsch doucement weiterführen! – – Ja, Weber war von Halle hierhergekommen u. brachte Briefe u. ein Paket Pflanzen, Dir zu schicken. Er ist auch so eigentlich die Veranlassung, daß ich schon jetzt diesen Brief beendige oder zu beendigen suche. Außerdem hättest Du noch ein paar Tage länger warten müssen, da ich eigentlich jetzt viel zu thun habe zu meiner Schande aber muß ich gestehen, daß ich um so weniger thue, je mehr Grund zum Oxen vorhanden ist; zwar komme ich den ganzen Tag kaum einmal aus der Stube, sitze Abends ziemlich lange (stehe auch um so später auf, heute z.B. das 3te mal 10 Minuten vor 8 Uhr) – und dennoch bringe ich nichts zu Stande, ich oxe nicht etwa: was ich thue, weiß ich wahrhaftig selbst nicht.ll Es ist daher auch eigentlich mehr als billig, so viel zusammenzuschreiben u. doch kann ich immer das Maul nicht halten, wenn ich an Dich schreibe. Nun das verdient zum wenigsten, daß Du mit gleicher Münze bezahlst u. in Zukunft auch hübsch ausführlich wieder schreibst. Daß Briefe von Dir stets angenehm u. meinem Kater zuträglich (oder vielmehr ein Gegenmittel dazu) sind, brauche ich natürlich nicht zu schreiben; die letztre Wirkung wenigstens eines solchen Briefes scheinst Du doch zu kennen, da Du früher sehr oft mich darauf aufmerksam machtest. Ist das nicht fein angefangen, einem Andern zu verstehen zu geben, daß er tüchtig schreiben soll? Ein Ansatz ist übrigens in Deinem letzten Briefe schon da; es kann noch was ganz Hübsches draus werden, gerade wie aus der Mathematik, die Du künftig studiren zu wollen scheinst: mm denn die rechte Höhe in ihr zu erklimmen, hieltest Du einst für was Ähnliches als unmöglich u. nach den ersten Versuchen wird’s sich als nn wohl erreichbar ausweisen.

Doch das klingt ja Alles wie Schluß. Allerdings bin ich nicht weit davon, doch – den IVten Bogen muß ich jedenfalls noch anfangen. Den Grund sollst Du gleich hören. ||

Ich schrieb Dir, daß er ein paar Zeilen beifügen wolle u. zwar an meinen Brief. Damit er nun quasi genöthigt ist, ein bischen mehr als ein „paar Zeilen“ zu schreiben, muß man ihm den gehörigen Raum dazu anweisen, u. Du wirst sehen, daß ich meine Sache so schlau als möglich angefangen habe.

Aber womit fülle ich nun noch diese zwei Seiten aus? Wenn Du Dich bei dem Folgenden annijirst (von ennuyer), so kann ich nichts dafür; warum ist das Papier so groß u. meine Schrift so klein. – Da ich so eben von Osterwald sprach (Du siehst, wie dieser Übergang mir gefallen hat u. welcher schöner Bau in das Ganze kommt, wenn sich solche Ähnlichkeiten im Satzbau u. der Verknüpfung oo von Gedanken anbringen lassen), so kann ich Dir hier wohl eine Notiz bringen, die Dich vielleicht interessirt. Osterwald schreibt od. hat geschrieben an einem Werke über die Odyssee, in dem er diese ganz wie die Norddeutsche Sumpf- u. Wiesen-Sage, pp über die Nibelungen erklärt, also die ganze Geschichte als Mythus, z.B. Odysseus (wie Siegfried) als Frühlingsgott, der mit der qq tellurischen Gottheit den Frühlings-Pflanzensegen hervorbringt (Penelope, Kirk, Kalypso etc). Das Nähere kann ich Dir hier nicht auseinandersetzen. rr Osterwald hat es uns in der Klasse vorgelesen, u. wiewohl esss mir nicht mißfallen hat, so doch auch nicht so sehr gefallen, als manchen Andern, da ich mich für dieses genus thematum weniger interessire. Das Buch erscheint zu Ostern.

Osterwald stößt übrigens von vornherein sehr bedeutend bei den Philologen, wie sie jetzt mit der Odyssee stehen, an u. er erwartet daher einen bedeutenden Rumor. Vielleicht läßt er eine Zusammenstellung der Ilias u. Gudrun nachfolgen, was ich vermuthe, da er zum Schluß seiner Abhandlung angiebt, daß diese beiden mit einander zu vergleichen seien (nicht Ilias u. die Nibelungen, wie auch nicht die Odyssee u. Gudrun). ||

Nächstens wird wieder auf der Pennalia ein bedeutender Rumor entstehen. In Folge eines Ministrial-Rescripts nämlich sollen nämlich von jetzt an sämmtliche Schüler sonntäglich in die Kirche geführt werden; eine Einrichtung, die Möller zu zuschreiben ist, u. mindestens bezweckt, alle etwa vorhandene Religiösität tt vollends durch den Zwang zu unterdrücken! –

De botanicis monstris wird Dir Weber wohl genügend geschrieben haben. Es freut mich übrigens, daß die Flora von Halleuu, wie es scheint, zwei neue Pflanzen bekommen hat, Diplotaxis muralis u. ? – das ? habe ich noch nicht gesehen; das erstre jedoch auch bestimmt u. als richtig befunden. – Du weißt doch, daß wir dievv vielgesuchte Gratiola officinalis diesen Herbst noch gefunden haben? Ich bin neugierig, wie es sich mit dem nächsten Jahre, ww meinem letzten hoffentlich hier, gestalten wird, ob so Manches Gewünschte noch sich finden wird, als z.B. Carex obtusata, Trifolium parviflorum etc. etc. etc.

Á propos, wie steht’s mit Deiner Kryptogamen-Kunde. Kannst Du Deine Moossammlung nicht einmal auf 3 Wochen entbehren? Wenn dies der Fall wäre, so denke an mich!

Nun bin ich aber so ziemlich auf den Hefen angekommen.

Was weiter? – ! –

Wenn ich so ein architektonisches Genie hätte, wie Du, würde ich hier flugs den Grundriß von Merseburg hinwerfen, um den noch übrigen Raum auszufüllen. Aber so – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – ? ||

Nun, der Zweck wäre auf diese Weise auch erreicht. –

Ich wollte, es gäbe zwischen jetzt u. Weihnachten einmal ein Paarxx Tage Ferien, z.B. Jahrmarkt’s oder andre Merseburger Ferien, denn ich wünschte einmal wieder in Halle in einigen Collegien zu hospitiren, z.B. bei Burmeister, der über den Charakter der tropischen yy Zone Vorträge halten soll. Doch sind das Wünsche, die ein simples Pennal nicht haben sollte.

Jetzt scheine ich aber, recht gründlich auf die Hefen gerathen zu sein; indeß tröste ich mich damit, daß ich Dich jedenfalls schon genug gelangweilt haben werde u. daß also ein Schluß nunmehr allerwenigstens als verzeihlich zuzz betrachten ist.

Grüße verstehen sich natürlich v. selbst: es grüßen „die sich Deiner noch Erinnern“, nebenbei

Dein alter Freund

Weiß,

Pennäler des Merseburger Gymnasiums

[Beischrift von Osterwald:]

Nur ein paar Zeilen, liebster Gevatter, damit Sie nicht glauben, ich hätte Sie ganz vergessen. Zu einem ausfürlichen Briefe habe ich leider noch immer keine Zeit, da mich meine große wissenschaftliche Arbeit über die Odyssee, in der ich jetzt lauter Frühling sehe, inaaa Anspruch nimmt. Weiß hat mir Ihre Scrupel wegen Ihrer Zukunft mitgetheilt. Ich habe es Ihrem Herrn Vater lange vorher gesagt, daß ich an den Mediciner in Ihnen nicht glaube und bin daher durch Ihren Entschluß umzusatteln durchaus nicht überrascht. || Wenn der Entschluß nun reif ist, so führen Sie ihn ohne Melancholie aus. Mathematik werden Sie schon genug lernen, und die Natur- Wissenschaften können ja die Hauptsache bleiben. Verschließen Sie sich nicht gegen Humaniora, halten Sie sich den Sinn offen für „Allgemeineres“, und steuern dann auf die academische – und geht das nicht – auf die Schulmeister-Carriere los. Schulmeister sein ist freilich ein saures Brod, aber man hat doch viel mehr Freude, als etwa ein Steinklopfer, zumal wenn man solche treffliche Leute wie Sie, mein lieber Gevatter, zu Schulen hat oder gehabt hat. Es wäre schön, wenn Sie einmal in Merseburg das Probejahr machen müßten!

Adieu für heute. Meine Frau grüßt herzlich, Minchen ist sehr drollig und Ernst ganz allerliebst.

Adieu.

In alter Freundschaft

der Ihrige

Osterwald.

a dreifach unterstrichen; b eingef.: davon; c korr. aus: dieses; d vierfach unterstrichen; e mit Einfügungszeichen eingef.: Jetzt muß ich…ein Harr Doktor; f gestr.: noch; g korr. aus: micht; h eingef.: u. seltnen; i gestr.: g; j gestr.: erl; k gestr.: Hanniba; l gestr.: was; m korr. aus: einen; n gestr.: sehr; o gestr.: eigentl; p eingef.: entschieden; q gestr.: xxx; r eingef.: entschieden ausgesprochene; s dreifach unterstrichen; t eingef.: zu sein; u gestr.: theils; v gestr.: ist; w eingef.: für ihn; x gestr.: absolut; y eingef.: Naturwissenschaften; z gestr.: Zweifelln; aa eingef.: oder wahrscheinl schon gegeben haben; bb gestr.: dü; cc gestr.: d; eingefügt: in; dd gestr.: zuträgl; eingef.: besser; ee eingef.: physich- u.; ff gestr.: wenigstens; gg eingef.: u. will; hh mit Einfügungszeichen eingef.: gar nicht zu…behalt’s für Dich.; ii gestr.: das; jj eingef.: hier; kk gestr.: die; ll mit Einfügungszeichen eingef.: zu meiner Schande…wahrhaftig selbst nicht.; mm gestr.: xxx; nn gestr.: xxx; oo gestr.: mit; pp gestr.: das; qq gestr.: Erd; rr gestr.: Er h; ss gestr.: ich; tt gestr.: xxx; uu eingef.: v. Hall; vv gestr.: das; eingef.: die; ww gestr.: dem; xx korr. aus: paar; yy gestr.: Geg; zz eingef.: zu; aaa korr. aus: im;

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
06-12-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16619
ID
16619