Schubert, Adolph

Adolph Schubert an Ernst Haeckel, Hirschberg, 6. Oktober 1860

Lieber Ernst!

Wie undankbar ich Dir auch vielleicht erscheinen mag, wenn ich bis heutigen Tages für Deine sehr freundlichen und theilnehmenden Zeilen vom 2 August d. J. und die in denselben mir ausgesprochenen Glückwünsche zu meiner Verheirathung Dir meinen Dank nicht ausgesprochen, so wirst Du mein längeres Schweigen doch, wie ich glaube, entschuldigen, wenn ich Dir mittheile, daß meine gute Ottilie und ich seit der Zeit des Empfanges Deines lieben Briefes bis heute kaum zu einiger Muße und Ruhe gekommen sind. Bald nach unserer Hochzeit traten wir die von uns projectirte Reise an, die wir zunächst durch Sachsen und Thüringen nach Frankfurt a/M dirigirten, von wo aus wir den Rhein bis Coeln hinauf möglichst gründlich bereist und sodann || über Heidelberg nach Würtemberg fortsetzten, um Stuttgart zu besuchen und die Schwäbische Alp kennen zu lernen. Nach einem sehr belohnenden Ausfluge nach dem Hohenstaufen, dem Hohenneuffen und der Achalm bei Reutlingen reisten wir über Ulm und Augsburg nach München, wo wir ein paar Wochen im Privat-Logis gewohnt und besuchten von hier aus den Starenberger und Tegernsee. Nachdem wir die Walhalla bei Regensburg bewundert und eine den Rheinreisen sehr ähnliche Fahrt von hier auf der Donau bis Linz gemacht, richteten wir uns nach Wien und kehrten nach einem Aufenthalt von 5 Tagen über Prag, Dresden und Lauban, wo wir mehrere Tage bei Bella’s uns aufhielten, nach Hirschberg zurück. In Bonn haben wir Deine Tante Bleek nebst 3 Töchtern und 2 Söhnen zu Hause wohl angetroffen. || In München wurde uns die Freude, Laura zu sehen, die von Salzburg nach Coburg reiste in Begleitung ihres Gemals, ihres Söhnchens und eines Fräuleins v. Griesheim, die ihnen für die Zeit der Badereise sich angeschlossen hatte.

Da namentlich in der zweiten Hälfte unserer Reisezeit das Wetter uns sehr begünstigte und wir überdies fortwährend uns sehr heiter und wohl befanden, so haben wir von unserer Excursion großen Genuß gehabt und namentlich war es für Ottilie, die vorher wenig heraus gekommen, interessant, die Welt ein Bischen kennen zu lernen. Sie wird nächstens auch an Deine guten Eltern schreiben, denen ich mich angelegentlichst zu empfehlen bitte, ich werde dann wohl auch mitschreiben. An Carl ist gestern ein Brief von mir hier abgegangen. ||

Mit Deinem Befinden geht es zu meiner Freude recht nach Wunsch und auch die Deinen sind Alle wohl, woran wir hier herzlich Theilnehmen. Daß die uns geschenkten, lieben Haeckel’schen Bilder uns eine große und innige Freude bereitet, kannst Du Dir wohl denken und wir danken auch Dir und Deinem so liebenswürdigen Fräulein Braut auf das Wärmste für Eure Freundlichkeit.

Gegenwärtig sollen wir nun versuchen, uns in Hirschberg einzuwohnen, wo wir den ersten Winter verleben werden und da ich mich in den väterlichen, wohlbekannten Räumen weit heimischer finde, als ich eigentlich gedacht, so wird dies nicht allzuschwierig sein.

Wir werden uns sehr freuen, wieder einmal von Dir zu hören. Mit den herzlichsten Grüßen an die Deinen Alle von mir unda von meiner guten Ottilie wie immer

Dein

alter Vetter

Adolph.

Hirschberg

6 October 1860.

a ingef.: an die … mir und

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
06.10.1860
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 16218
ID
16218