Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Heidelberg, 15. Dezember 1903

Heidelberg, 15.12.1903.

Lieber und hochverehrter Freund!

Dein lieber Brief hat grosse Freude bei uns hervorgerufen, und ich beantworte ihn gleich, freilich mit etwas gedrücktem, wenn auch reinem Gewissen. Schon seit Wochen, fast Monaten war es meine Absicht, meinem kurzen Danke für die gütige Übersendung Deiner Anthropogenie und Welträthsel einen ausführlicheren Brief folgen zu lassen, nachdem ich namentlich das erstere Werk genauer durchstudiert, – aber ich bin zu nichts gekommen. Die Lehrarbeit, die administrativen Pflichten und eine ganze Fülle von schwebenden Sachen, die Berichte über Berichte, ganze Legionen langathmiger Berichte mit zeitraubenden Erkundigungen nöthig machen, lassen keine Concentration aufkommen. Deine Bücher und noch anderes, was ich fürs Herz || gern lesen möchte, liegt da, mit den Händen erreichbar; aber der Packesel mit den Tantalusgefühlen daneben kann nichts von den herrlichen Früchten geniessen. Ich habe dieses Dasein gar oft verflucht. Und nun zeigt dieses Semester hier eine solche Überfülle von jungen Medicinern, wie sie die Anatomie hier noch nie gesehen, und die gemeinen Kerle (ein gutes % satz Juden dabei) sind so scheusslich fleissig, dass von früh bis abends das Schulmeistern ununterbrochen vor sich geht, der späte Abend keine Arbeiten mehr gestattet und nur ein paar Frühstunden bleiben, die aber voll in der bureaukratischen Schreibtischarbeit aufgehen.

Doch von diesem unerquicklichen Bilde zu etwas Erfreulicherem, zu Euch. Wer auch in „Eden“ leben könnte. Wir dachten Euch in Messina, und sind nun sehr überrascht, Euch so nahe zu wissen. Aber wir begreifen vollkommen, dass Ihr in diesem lachenden Er-||denwinkel Station gemacht habt, und es freut uns riesig, dass es Euch gut geht und dass Ihr behaglich untergebracht seid. Wir haben vor einigen Jahren S. Margherita, in Eurer nächsten Nähe, 2 wundervolle Wochen verbracht. Damals gab es noch die schmutzige, aber gemüthliche Casa Sturm dort, von der aus man alltäglich in die Villa Pagana überstieg und da Stunden lang am Meeresstrand schwelgte. Frau Sturm ist inzwischen weggefegt und die sonstigen Hôtelverhältnisse dort sind nicht angenehm. Da habt Ihr es in Rapallo besser. Unvergesslich bleibt mir ein von dort unternommener Ausflug über den Montallegro nach der dahinter gelegten Bergkette von Primeln, Ophrydeen und Helleborus (März).

Inzwischen wird die Regenperiode wieder vorbei sein und italienische Sonne über Deine biologischen Arbeiten und Malereien lachen und auch Deiner lieben Frau Gelegenheit geben, sich tüchtig durchzusonnen. Die Sonne ist vielleicht doch unser grösster Gott. Auch dass von Euren Kindern || gute Nachrichten kommen, gewährt Euch einen weiteren Ruhegenuss. Wie schön und wie freut es uns, dass nach schweren Tagen und Zeiten nun auch frohe und glückliche Wochen für Euch angebrochen sind! Mögen sie Euch fürs ganze Leben, auch wenn Ihr in die Heimath zurückgekehrt seid, verbleiben!

Hier ist das bekannte trübe Wetter, das zu den Wahrzeichen Heidelbergs gehört. Dieses Jahr soll es mehr als sonst sein. Da gewährt uns unsere freigelegene Wohnung, die auch fürs Besonnen glücklich daliegt, bessere Verhältnisse als den meisten anderen Heidelbergern. Abgesehen von den im Anfange dieses Briefes erwähnten Schmerzen geht es uns gut. Brausens sind munter, wenn auch der Mann zu Zeiten sehr klagt, dass er zu wenig zur Arbeit kommt (obwohl er’s viel besser hat als ich); unser Sohn Karl gewinnt zur Paläontologie und Geologie immer grössere Neigung. Doch lasse ich ihn im langsamen Schritte auch Medusen studieren.

Nochmals herzlichste Wünsche, für Weihnachten und Neujahr und für alle kommende Zeit von uns Allen und im nächsten Jahre hoffentlich ein frohes Wiedersehen!

Dein treu ergebener

M. Fürbringer.a

a Text weiter am linken Rand von S.4: und im … M. Fürbringer.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-12-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1368
ID
1368