Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Pontresina , 26. August 1903

Pontresina, 26.8.1903.

Lieber und hochverehrter Freund!

Dein lieber Brief ist erst heute in meine Hände gelangt. Ich hatte Auftrag gegeben, mir Pakete nicht nachzusenden, und so erfuhr ich erst durch den Brief des Anatomiedieners, dass auch von Dir ein Packet nebst Brief angekommen sei, den ich mir dann sofort hierher schicken liess.

Ich danke Dir herzlichst für denselben, sowie für die Bücher. Letzterer Rücksendung hätte natürlich nicht geeilt, aber zu meiner großen Freude sagt sie mir mit Deinem Briefe, dass die grosse Arbeit der neuen Auflage der Anthropogenie nun glücklich hinter Dir liegt. Und ebenso sehr freue ich mich auf diese und danke Dir von Herzen für das in Aussicht stehende gütige und werthvolle Geschenk. Die Bemerkungen über seine Aufnahme durch mich fasse ich als freundschaftlichen Spott auf. Ich bin in Entwickelungsgeschichte nie viel gewesen, jetzt aber, wo ich sie seit Jahren nicht einmal als Colleg gelesen und wo ich mich mehr zum reinen Berichterstatter über Anatomiebau, Anatomieeinrichtung, Leichenlieferung etc. ausgebildet habe, so ziemlich aus ihr herausgekommen. Hoffentlich bringt mich die Lektüre Deines Buches wieder hinein. ||

Für Deine gütige und nachsichtige Beurtheilung des Nekrologs über Gegenbaur danke ich Dir vielmals. Es ist eine sehr lückenhafte, fadenscheinige und hastige Leistung, in ganz kurzer Zeit, mitten in den dringendsten Semester- und Verwaltungsarbeiten zusammengeschrieben, ohne jede gründlichere Grundlage, denn für Erkundigungen über Gegenbaurs Leben war keine Zeit, bei seiner Frau in ihrem Schmerze auch keine Möglichkeit, – und G. selbst war ja über seine persönlichen Verhältnisse von seltener Verschwiegenheit. Auch enthält der – nur 1 mal wegen Mangels an Zeit korrigirte – Druck, wie Dir beiliegender Zettel zeigt, verschiedene Fehler, – den ersten durch das Genie des Druckers entstanden (im Ms. steht richtig Schmidt), den letzten durch allzu hastiges und nicht controlirtes Zusammenkleben der einzelnen Titelzettel verschuldet. Wahrscheinlich ist aber noch eine ganze Anzahl weiterer Böcke darin. Ich werde versuchen, in einer späteren, gründlicher ausgearbeiteten Biographie, die mir von verschiedenen Seiten nahe gelegt wird und die ich als eine Pflicht der Dankbarkeit empfinde, besseres zu bieten.

Einem Punkt Deines Briefes muss ich aber widersprechen, – wie ich Dir hierin schon früher weiderholt widersprochen habe. Ich meine Deine Auffassung Deiner || letzten persönlichen Begegnung mit Gegenbaur. Ich habe mich nach Deiner Rückkehr von Insulinde und Deiner Erzählung in Baden-Baden wiederholt nach Kräften bemüht, die Missstimmung und das Missverständnis zu beseitigen; zu meinem tiefsten Schmerze ist es mir nicht gelungen. Wiederholt hatte ich mit Gegenbaur über diesen Punkt gesprochen und die felsenfeste Überzeugung gewonnen, dass bei ihm von einer Aufkündigung der alten, unauflöslichen Freundschaft gar keine Rede gewesen, – aber Deine, ich kann es nur Autosuggestion nennen hat die Aussprache und damit die sichere Versöhnung verhindert.

G.‘s Art ist in diesen Dingen immer eine besondere gewesen. Je besser er esa mit den Freunden und Schülern meinte, desto schärfer und herber pflegte er sich zu äussern. Wie hat er sich, um hier meine geringen, aber mir am besten bekannten Leistungen zum Vergleiche heranzuziehen, z. B. über mein Vogelbuch, diese bornirte Zeitverschwendung, und so manche andere von mir geäussert. Kein Mensch hat jemals zu mir gesprochen wie er; aber je mehr er schalt, um so mehr empfand ich, wie sein grosses und gütiges Herz für mich auf der Wache war. Du hast mir oft lachend erzählt, wie oft er früher bei dieser oder jener Gelegenheit zu Dir gesprochen. Und nun nach diesem || letzten Gespräche mit dem bereits schwer leidenden Manne, der damit naturgemäß noch herber und innerlicher geworden, ist Dein sonniges Lachen verschwunden! Was Du selbst über Deine Welträthsel geäussert, über dieses von Reichthum und reinsten und edelsten Gedanken und Intentionen strotzende Werk, in dem aber jeder wahre Freund von Dir diese oder jene Wendung um des Erfolges des Werkes willen gern gestrichen oder anders ausgedrückt sähe, – nicht so sehr abweichend hat auch Gegenbaur darüber gedacht. Aus allen seinen Äusserungen über Dich habe ich bis zuletzt nur die treue Anhänglichkeit und die Sorge des Freundes gehört. Ich habe oftmals daran gedacht, wie mir in Jena nach dem Ablaufe des Hamannprocesses Prof. Rosenthal sagte: ein paar Sätze aus der Polemik Haeckels gegen Hamann gestrichen, und die ganze Polemik Haeckels wäre wirksamer geworden und ihm selber wären die 200 Mark erhalten geblieben.

Das Grab hat bisher nicht vermocht, die hartnäckige Autosuggestion zu beseitigen. Möge es der Zeit gelingen! Für mich, der ich mich an der Grösse grosser Menschen erlabe, ist, ich gestehe es, der Gedanke unerträglich, eine so herrliche, ein Menschenalter hindurch blühende Freundschaft von historischer Bedeutung zuletzt an einigen ganz intimen Bemerkungen über dieses Buch || zerschellen zu sehen. Ein zu jämmerliches Ende. Wie würden wir uns freuen, wenn Deine und Deiner lieben Frau Reise über Heidelberg führen würde und wenn Ihr dabei unsere lieben Gäste in dem Hause, das ganz unserem Jenenser gleicht, sein wolltet. Dann wirst Du auch Gegenbaurs Grab besuchen, und ich meine, die Klärung muss wieder kommen.

Dass Du Dich der Feier Deines Geburtstages entziehst, wird vielen Deiner Verehrer schmerzlich sein, aber wir begreifen es vollkommen, dass Du Dich aus dem menschlichen Geräusche flüchtest und die hehre und in ihrem Schweigen so machtvoll sprechende Natur in ihrer vollkommensten Harmonie aufsuchst. Wie gut wird Euch Beiden der Aufenthalt im Süden thun; vielleicht geht es von da auch in Dein geliebtes Nordafrika. Wie wohl haben uns dort die bunten Farben gegenüber den schwarzen Kutten Italiens gethan! Alles Gute für die Reise und die Rückkehr! Möge sich inzwischen auch das Befinden Eurer Tochter Emma, das wir immer mit den innigsten Wünschen begleitet, so bessern, dass der Frühling 1904 Euch mit allen Euren Kindern und Enkeln eine wahre Familienfrühlingsfeier beschere!

Wir sind hier wieder in unserem Pontresina, dem schönsten Stücke der uns bekannten Alpenwelt, wo es zuweilen recht kalt ist, wo aber auch die Sonne auf uns zwei alte Sonnenanbeter gütig und || gesundmachend herniederscheint. Wir hatten dieses Mal das Ausspannen besonders nöthig. Lauter unangenehme oder schmerzliche Beschäftigungen, unnöthige oder widerwärtige Festlichkeiten, keine Zeit zu guter oder erfrischender Arbeit und dabei der Verlust, der fast noch grösser ist als der meiner Eltern. Bald führt uns der Weg wieder heim, zum weiteren Hoffen auf Euren lieben Besuch.

Herzlichste Grüsse und Wünsche von Sommerfrische zu Haus.

Dein treu ergebener

M Fürbringer.

a eingef. mit Einfügungszeichen: es

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-08-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1365
ID
1365