Speerschneider, Julius

Julius Speerschneider an Ernst Haeckel, Rudolstadt, 19. April 1876

Rudolstadt in/Th. d. 19. April 1876.

Verehrtester Herr Professor!

Verzeihen Sie gütigst, wenn ich, ein Ihnen Unbekannter, Sie mit einigen Zeilen belästige; es geschieht dieses nur im Eifer für unsere Wissenschaft, unsere Wissenschaft sage ich; denn ich bin Lehrer der Naturgeschichte am Gymnasium und der Realschule hier in Rudolstadt. Ich habe in diesen Osterferien eine Untersuchung über das Verhalten der Lepidopteren in verschiedenen geologischen Epochen ausgeführt und bin dabei auf eine Anzahl Resultate gelangt, die mich in mehrfacher Weise frappirten. In der mir zu Gebote stehenden Literatur fand ich nichts dahin Bezügliches und so erlaube ich mir Ihnen einige dieser Resultate vorzulegen um Ihr geschätztes Urtheil darüber zu vernehmen.

1. Bis zur Tertiärzeit und bis tief in diese hinein bestand ein eigentliches helles Tageslicht in unserem Sinne nicht. Nimmt man an, wie dieses ja bekanntlich geologische und paläontologische Thatsachen unwiderleglich beweisen, daß bis in die Tertiärzeit die heutigen Klimazonen noch nicht; oder nur sehr unvollständig ausgeprägt existirten, vielmehr ein ziemlich gleichmäßiges || Klima von den äquatorialen bis zu den polaren Breiten herrschte, mit tropischer odera subtropischer Wärme, die dem Erdinnern entstammte und die Sonnenwärme noch nicht zur Geltung kommen ließ, so folgt uns dieser Annahme, daß die Verdunstung des Wassers eine weit größere, aus andern Gründen auch umfangreichere gewesen sein muß als in der Jetztzeit, daß diese Dunstmasse gleichmäßig den Erdball umhüllen, und da, wo der kalte Weltenraum sie verdichtete, als zusammenhängende, die Sonnenstrahlen absorbierende Nebelschicht auftreten mußte. Sieht man wie sehr noch jetzt, nachdem die mächtigen wässerigenb Niederschläge der Diluvialzeit die Atmosphäre so bedeutend geklärt haben, ein nebeliger Herbsthimmel die Beleuchtung der Sonne zur Dämmerung dämpft, so wird man nicht zu viel behaupten, wenn man die Tageshelle bis in die Tertiärzeit hinein, nach unserer heutigen Anschauung, als Dämmerung bezeichnet. In den frühesten Erdepochen mag diese Dämmerung eine fast nächtliche gewesen sein.

Aus der gleichmäßigen Erwärmung der Erdrinde und der sie umgebenden Luftschichten ergiebt sich aber weiter, daß c polare und äquatoriale Luftströme, also unsere heutigen Passatwinde, nicht existiren konnten. Fehlten aber diese, so fehlten mit ihnen die ganze Reihe von Ursachen, die heute unsere Witterung mit Wolkenbildung, Regen und Sonnenschein etc. bestimmen, || mangelte eine Hauptursache der für die Wanderung der Organismen so wichtigen Meeresströmungen. Diese ursächlichen Verhältnisse bilden sich erst in der Tertiärzeit hervor und erst in der Diluvialzeit sausten kalte Polarwinde nach dem Aequator hin und veranlaßten in der noch mit Dunst erfüllten Atmosphäre jene Regenschauer deren gewaltige Wassermassen so großartige Spuren hinterlassen haben. Erst nach diesen bedeutungsvollen Vorgängen lichtete sich die Atmosphäre, erst jetzt konnte das Sonnenlicht zu vollerd Geltung kommen; es ward Tag und Sonnenschein. Sind diese Annahmen richtig, so folgt aus ihnen mit zwingender Nothwendigkeit:

2. daß das Thierleben bis in die Tertiärzeit hinein ein durchaus nächtliches sein mußte; taglebige oder tagliebende Thiere konnten erst in der Diluvialzeit auftreten. Alle Thiere die noch jetzt die Nacht oder die Dämmerung zu ihrer Lebensweise bevorzugen, führen ihre Stämme bis in die Tertiärzeit und noch frühere Perioden zurück. Ich habe diesen Satz nach vielen Seiten hin geprüft; er stimmt merkwürdig zu den thatsächlichen Befunden. Ergebnisse dieser Prüfung will ich nicht anführen, da Ihnen zu einer solchen Untersuchung ein weit umfangreicheres Material zu Gebote steht, als mir: || bewahrheitet er sich, so scheint er mir von nicht ganz geringer Bedeutung für die Begründung der Stammesentwickelung wenigstens der höheren Thiere, aber auch manches biologische und anatomische Moment verspricht er zu erläutern und aufzuklären.

Nun noch einmal, verehrtester Herr Professor! verzeihen Sie gütigst wenn ich Ihnen anstatt etwas Neues, vielleicht etwas Bekanntes, anstatt einer Weisheit vielleicht sogare eine Dummheit vorgeschwatzt habe; entschuldigen Sie es freundlichst mit meinem Eifer und dem Drange einem von mir so hochgeschätzten Mann und Naturforscher einmal Etwas zu schreiben.

Mit größter Hochachtung

Dr. J. Speerschneider.

a gestr.: und; eingef.: oder; b eingef.: wässerigen; c gestr.: wir; d eingef.: voller; e eingef.: sogar

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
19-04-1876
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 13457
ID
13457