Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Amsterdam, 4. Juni 1882

Amsterdam, 4.6.82.

Hochgeehrter Herr Professor!

Wie ein Donnerschlag trifft mich die eben von Paul erhalten Nachricht, wonach Kuhnt von der Jenenser medic. Facultät mit überwiegender Mehrheit – darunter auch Hertwigs Stimme – zum Ordinarius gewählt worden ist. Müller scheint bei der Sache den besten Willen gehabt zu haben; hat aber offenbar sehr unglücklich operirt.

Sie kennen meine Ansicht über diese Angelegenheit und wissen, daß ich sie keineswegs persönlich im Interesse meines Bruders, sondern aus einem weiteren Gesichtspunkte, dem der unserer Sache angehört, beurtheile. In der Ernennung K’s, dieses vorzüglich brauchbaren Strebers der Gegenpartei, erblicke ich nicht nur eine Ungerechtigkeit gegenüber älteren und verdienteren Collegen, sondern namentlich eine sehr große Gefahr für die Folgen Ihres so || schön inaugurirten Sieges und ein depremimirendes Moment der Jenenser Facultät.

Aus diesem Gesichtspunkte wende ich mich darum wieder an Sie und erbitte Ihre Hülfe.

An der redlichen Ernennung K’s. scheint mir kaum mehr zu zweifeln, sie, die Gegner haben – zudem unter geschickter Benutzung Ihrer Abwesenheit – dafür zu klug gearbeitet. Als Gegengabe kann ich nur mein altes Ihnen schon früher erwähntes Mittel vorführen – die frühzeitige Erwählung eines Getreuen von uns zum Mitglied der Facultät. Daß derselbe zu gleich mein Bruder ist, macht mir die Sache Andern gegenüber peinlich – Ihnen gegenüber nicht, da ich weiß, daß Sie mir keine verwandtschaftlich-egoistischen Absichten zutrauen und auch meinen Bruder für unfähig halten, eine selbstische Rolle in dieser Angelegenheit zu spielen. Ich mag mich darum auch an weiter Niemand || wenden als an Sie: Sie haben die klarste Beurtheilung der Sache, wissen wie viel schwerer unser Mann wiegt und wie viel größere und ältere Verdienste er für Jena hat ima Vergleich zu K., – und haben besser als jeder Andere Wollen und Können, in dem angedeuteten Sinne auf die uns bekannten Mitglieder der Facultät – Müller, vielleicht auch Hertwig und Preyer (?) – zu wirken.

Leider bin ich momentan nicht genug gesundheitlich disponirt, Ihnen weitere Ausführungen zu machen. Doch wird Ihnen mein Bruder den Brief überbringen. Haben Sie Lust, sich mit der Sache weiter zu befassen, so kann er Ihnen die besten eingehenderen Erklärungen geben, – ich bat ihn zugleich, Ihnen gegenüber seine sonst natürliche Zurückhaltung in dieser Angelegenheit ganz aufzugeben. Wollen Sie nichts damit zu thun haben, so verzeihen Sie gütigst, daß ich überhaupt daran denke, Sie mit der unangenehmen Geschichte zu behelligen.

Diesen Brief wollen Sie bitte, auch ganz als vertraulichen auffassen. || Ich glaube auch, daß es uns nur sehr schaden könnte, wenn man wüßte, daß ich die Hände mit im Spiele gehabt habe. Wer Unrecht thut, wittert überall Unrechtes.

Ihre Schilderungen Ihrer Reise, so weit dies jetzt gedruckt, haben wir mit großem Interesse gelesen. Hoffentlich sind Sie in jeder Hinsicht von derselben recht befriedigt gewesen. Ich wünschte sehr, daß mich einmal mein Reiseweg nach Jena führte, und das mir dann – und sei es auch nur in ein paar kurzen Ferientagen – die große Freude wird, Sie persönlich wiederzusehen. Oder führt Sie der Weg vielleicht einmal in unsern Sumpf?

Mit den allerherzlichsten Grüßen

Ihr treu und dankbar ergebener

M. Fürbringer.

a korr. aus: im

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-06-1882
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1240
ID
1240