Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Heidelberg, 9. September 1881

Heidelberg, 9.9.81.

Hochgeehrter Herr Professor!

Nach langem Überlegen und Zaudern wende ich mich an Sie mit einer Bitte, die Sie mir nicht übel deuten wollen. Auch ist die Zeit – so kurz vor Ihrer Abreise, wo Sie gewiß bereits übermäßig beschäftigt sind – recht schlecht gewählt. Dennoch, trotz aller mir selbst gemachten Gegengründe, treibt mich mein animus, hoffentlich mein glücklicher animus.

Mit meinem Bruder Paul, der vor wenig Wochen kurze Zeit hier war, habe ich auch mancherlei über die jetzigen Jenaer Verhältnisse gesprochen und habe den Eindruck gewonnen, daß dort wieder neues Unheil geschürt wird, um Ihren letzten großen Sieg in seinen Folgen abzuschwächen. Die Partei Nothnagel resp. der Princeps derselben, N. selbst, bemüht sich mit aller Kraft, wenn schon ganz im Geheimen, in dem dortigen Ophthalmologen Kuhn[t] einen stimmfähigen Parteimann zu gewinnen. Mit sehr schlauer Berechnung wird von ihm für K.s Ordinariat gewählt; K. selbst wirkt auch in bester Weise für sich, in dem er, wie man sich erzählt, für die Tochter Stichlings ein erhöhtes Interesse gewonnen hat.

Nun ist K., wenn auch noch nicht lange in Jena, doch eine brauchbare Kraft; das Fach der || Ophtalmologie in Jena könnte auch einen Ordinarius gebrauchen. Es wäre somit gegen die Bemühungen der Gegenpartei nicht viel einzuwenden, wenn es sich hierbei lediglich um ehrliche fachliche Interessen handelte. Leider scheinen diese Nebensache zu sein; die persönlichen spielen bei der Gegenpartei die Hauptsache und für die Wahrung und Stärkung dieser ist allerdings K. eine höchst geeignete Persönlichkeit. Das vollendete Ideal eines Strebers, schmeichlerisch und devot gegen die, welche über ihm stehen und ihm nützen können (Nothnagel hat noch höhere Protectoren in Berlin!), rücksichtlos und hochfahrend gegen die, welche er nicht mehr braucht, alte Freundschaften bei Seite schiebend, selbst (wie ich, allerdings nicht gewiß, höre) die frühere Verlobte aufgebend a , unmenschlich eitel und eingebildet mit rastloser Energie und nie ruhender Geschäftigkeitb für sein Fortkommen und für die Stärkung seiner Partei arbeitend; – ein solcher Mann ist allerdings ein treffliches Werkzeug in den Händen Nothnagels und ein nicht zu unterschätzender Gegner.

Bei der Wahl von Schwalbe’s Nachfolger glückte es den beiden, Schw. und N., von denen der erste nicht einmal über eine beschließende Stimme zu verfügen hatte, sich eine Majorität für ihren Candidaten zu sichern; waren Sie damals nicht, so wäre nicht allein der anatomische Lehrstuhl, sondern alle Neubesetzungen in der medicinischen Facultät der Gegenpartei ausgliefert gewesen. Der wurde gerettet, und Ihre That bleibt unvergessen bei uns und – bei den Gegnern. Die Gegner sind geschwächt, || sie müssen sich recrutiren und welche Zeit wäre dafür günstiger als die Ihrer Abwesenheit von Jena!? Unsere Freunde in der medicinischen Facultät sind ihnen unbequem, Sie aber werden gefürchtet. Weiß man Sie in der Ferne, so geht das Wühlen und Agieren ganz anders!

Vielleicht sehe ich zu schwarz in dieser Sache. Aber so oft ich auch gegen die Noblesse des Gegners Verdruß hatte, mein Mißtrauen wurde von den Thatsachen stets weit übertroffen. –

Was aber thun? Ich glaube, es giebt 2 Wege. Entweder man sucht Kuhn’s Wahl zum Ordinarius zu verhindern, oder man giebt ihm einen treuen und unbestechlichen Anhänger von uns zum Gegner.

Der erste Weg erscheint mir fraglich. Man kann vielleicht K.s Wahl verzögern, aber kaum auf die Dauer hintertreiben. Er ist noch jung in seinem Fach, aber seine früheren Chefs geben ihm die besten Empfehlungen; der Rührigste unter den Professoren der Jenaer medicinischen -Facultät agirt für ihn, der Einflußreichste im Cultusministerium begünstigt ihn; die ophtalmologische Anstalt besteht bereits resp. die Mittel dafür sind vorhanden. Man wird sonach, glaube ich, nur mit zweifelhaftem Erfolge gegen ihn kämpfen können. Die Charaktereigenschaften entscheiden hierbei so sehr wenig und übrigens ist K. ja nur einer aus der großen Majorität der modernen akademischen Biedermänner.

Wenn ich jetzt vom zweiten Wege spreche, so || geschieht das mit einem eignen Gefühle. Aber gerade bei Ihnen wird es mir leichter als bei jedem Anderen; denn ich weiß, Sie denken nicht klein und mißtrauisch. Ich habe nämlich als K.s Gegner meinen Bruder im Auge, und es genügt bei Ihnen wohl, zu versichern, daß ich hierbei weder von Paul irgendwie inspirirt bin, noch daß ich, um welchen Preis es auch sei, in diesem Punkte mir eine Blöße geben möchte. Auch würde mein Bruder vor Scham erröthen, wenn er mir zutrauen müßte, daß ich blos um der Verwandtschaft und Freundschaft willen zu seinen Gunsten wirkte. Ich will nicht in denselben Fehler fallen, den ich bei den Gegnern so tief verachte.

Gelingt es, gleichzeitig, mit K. Paul zum Ordinarius zu machen, so ist der Einfluß K.s ausgeglichen. P. ist eine treue und anständige Natur, die Energie und Thatkraft entfalten kann, und ich bezweifle nicht, daß er alle Kraft und Beredsamkeit aufwenden wird, wo es gilt, verderblichen Einflüssen entgegen zu kämpfen. Ohne einen solchen Parteimann, der immer auf dem qui vive steht, würden sich unsere Freunde in der medicinischen Facultät trotz der besten Absichten und Vorsätze doch von den zwei Strebern gar oft terrorisiren und majorisiren lassen.

Nun ists freilich nicht leicht, P. so ohne Weiteres zum Ordinarius zu wählen. Aber jedenfalls ist er in seinem Fache mindestens eben so viel wie K. in dem seinigen, literarisch weit bekannter, und, was hoch anzuschlagen ist || und auch kürzlich bei Hertwigs Berufung, ausschlaggeben war, um die Jenaer Universität hat er unbedingt größere Verdienste als Kuhn[t]. K. ist noch kein Jahr in Jena, Paul hat seit 2½ Jahren in selbstlosester Weise Opfer an Zeit und Kraft gebracht, um sein Fach, sprich die Poliklinik, die ganz darniederlag, in die Höhe zu bringen; und ich denke, das ist ihm gut genug gelungen. Nach Billigkeit hat er sonach größere Rechte auf das Ordinariat in Jena als Kuhn [t].

Freilich, es existirt in Jena keine bereits für ihn passende Ordinariatsstelle, Jena hat nicht die Mittel für eine selbstständige mit einem Ordinarius besetzte Poliklinik, und vor Allem, der jetzige Kliniker würde nur schwer zugeben, daß der bisher von ihm abhängige poliklinische College selbstständig und ihm gleichberechtigt wird. Das ist indessen keine principielle Schwierigkeit. Anderswo kommt es z. B. auch vor, daß gerade der Ophthalmolog Extraordinar, der 2. Professor der innern Medicin Ordinaria ist! Außerdem aber, und das scheint mir nicht unwichtig, vereint Paul in seinem Amt 1) die Poliklinik, 2) den Lehrauftrag für Kinder- und Hautkrankheiten, also 2. Fächer, die in großen Universitäten mit 2 Ordinarien, aber auch in solchen, die nicht viel größer als Jena sind, z.B. in Heidelberg, mit einem Ordinarius und einem Extraordinarius besetzt sind. Dies, zu seinen größeren Verdiensten und seiner größeren Anciennität gerechnet, muß ihn vor K. stellen.

Und schließlich handelt es sich durchaus nicht || um die Gründung eines neuen Instituts, vielleicht nicht einmal um eine Mehrausgabe für die Jenaer Universität, sondern lediglich um die Stimme des Ordinarius. Was Paul bisher unter Verantwortlichkeit Nothnagels für die Poliklinik verausgabte, soll er jetzt unter eigener Verantwortlichkeit verwalten; für sich soll er keinen größern Gehalt bekommen, sondern auf Grund der beiden vereinigten Ämter Sitz in der Facultät als gleichgestellter Mitkämpfer für unsere Sache.

Das sind so ungefähr meine Ideen, die vielleicht recht irrig sind, die aber jedenfalls einer ehrlichen und ernsten Gesinnung entspringen. Daß ich gerade Sie mit dieser Angelegenheit belästige, wollen Sie vielmals entschuldigen. Ich habe auch an Gegenbaur, W. Müller und O. Hertwig gedacht. Aber G. ist noch Reconvalescent und nicht mehr in Jena; beic M. war ich nicht sicher, wie er meinen Schritt deuten würde, H. wollte ich als ganz junges Glied der Facultät in dieser Sache nicht engagiren. Bei Ihnen wußte ich daß ich einen allezeit freundlichen und bereiten Sinn und ganzes Verständniß finden würde, und vor Allem: Sie sind das Haupt der Hort unserer Sache in Jena und der kräftige und siegreiche Vorkämpfer für unsere besten und höchsten Güter!

Vielleicht haben Sie keinen freien Augenblick mehr vor Ihrer Abreise, vielleicht auch finden Sie meine Ideen ganz unreif oder nicht einmal verbesserungsfähig; dann legen Sie den Brief ad acta und verzeihen Sie mir. || Ist dagegen Brauchbares in meinen Vorschlägen oder wird dadurch überhaupt nur eine Anregung zur Vorsicht und zum Handeln gegeben, so wäre es wohl ein großes Glück, wenn Sie vor Ihrer Abreise unsere Freunde kräftigten und befestigten, auf daß sie sich vom Gegner nicht überrumpeln und betrügen lassen; – andernfalls, fürchte ich, könnten Sie bei Ihrer Rückkehr ein fait accompli vorfinden, das einer schweren Niederlage gleich käme.

Wollen Sie, bitte, meine Zeilen als ganz vertraulich auffassen, es wäre mir sehr unlieb, wenn ein Anderer erführe, daß ich – gleichviel mit welcher Absicht – zu Gunsten meines Bruders agirt hätte. Paul werde ich mittheilen, daß ich an Sie geschrieben; ich weiß nun freilich nicht, ob er mit der ganzen Sache zu thun haben will; sonst könnte er Ihnen wohl manche weitere sachliche Aufklärung geben. –

Für Ihre freundliche Zeilen herzlichsten Dank; ich habe mich sehr darüber gefreut. Hoffentlich geht es Ihnen und den lieben Ihrigen recht gut. Für die Reise alles Glück und allen Erfolg!

Gegenbaur ist vor 2 Wochen nach Thun abgereist und soll es ihm dort recht gut gehen; aber das Wetter! – Über Hertwigs Berufung habe ich mich herzlichst gefreut. Doch wieder ein Platz erobert!

Nochmals, bitte, verzeihen Sie. Mit den herzlichsten und hochachtungsvollsten Grüßen an Sie und die Ihrigen

Ihr dankbarer und treu ergebener

Max Fürbringer.

a gestr.: ); b gestr.: Energie; ersetzt durch: Geschäftigkeit; c überschrieben: ni

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-09-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1238
ID
1238