Ihering, Hermann von

Hermann von Ihering an Ernst Haeckel, Leipzig, 12. April 1874

Leipzig den 12.IV.74

Humboldtstr. 26, III

Verehrtester Herr!

Im Vertrauen auf das Interesse, mit dem Sie jeden Versuch aufnehmen, der eine der Schwierigkeiten hinwegzuräumen bestimmt ist, welche der Durchführung der Selektionslehre noch entgegenstehen, wage ich es Sie mit einer Bitte zu belästigen, indem ich mir Ihren Rath erbitte. Ich bin gegenwärtig mit der Ausarbeitung einer kleinen Abhandlung über Entwickelungsgesichte der Najaden beschäftigt, bei welcher mich besonders das Byssusorgan interessirt. Ich beabsichtige die Byssusorgane vergleichend anatomisch und entwickelungsgeschichtlich || zu bearbeiten, wie ich hoffe nächsten Winter in Neapel, und daher interessirt mich der Byssus der Najadenembryonen besonders, in dem man bekanntlich den Ausdruck eines ursprünglich allen Lamellibranchiaten gemeinsam zukommenden Organs erblickt. Was aber den Byssus der Najadenembryonen wie den der übrigen Lamellibranchiaten oder deren Embryonen unterscheidet, ist sein auffallend frühes Auftreten und sein von der Ausbildung des Kopfes unabhängiges Erscheinen. Bei allen anderen ist die Byssusdrüse eine Differenzirung des Fußepithels, hier tritt sie auf lange bevor der Fuß, ja selbst Darm, Herz, Nervensystem etc. nur in einer Spur angedeutet ist. Wir wissen durch Sie, daß die Ontogenie eine kurze Rekapitulation der Phylogenie ist. Die Schwierigkeit, welche oft der Anwendung dieses Satzes auf den || einzelnen Fall entgegensteht, haben Sie durch die Annahmea einer Verkürzung der Ontogenie zu heben gewußt.

Aber hier liegt ein anderer Fall vor. Hier ist nicht ein bestimmtes phylogenetisches Stadium übersprungen, sondern es erscheint ein solches zub einer Zeit wo man eher alles andere erwarten sollte. Ich bin zu sehr Anfänger, um zu wissen, ob für ein solches zu frühes Erscheinen von Organen, die wir bei Parallelgang von Ontogenie und Phylogenie erst viel später hätten erwarten dürfen, schon stichhaltige Erklärungen vorliegen. Jedenfalls bilden solche Schwierigkeiten und Widersprüche nicht bloß für Gelehrte wie Leuckart einen Grund, sich der strengen Durchführung Ihrer Ansichten entgegenzustellen. Sollten Sie daher der Erklärung, welche mir hier zulässig erscheint, einige Berechtigung beimessen können, so würde damit vielleicht || auf einige sonst dunkle Vorgänge Licht geworfen.

Warum soll sich die Wirkung der natürlichen Zuchtwahl nur auf die abgebildeten Thiere erstrecken, weshalb nicht auch auf die Embryonen? Wenigstens in solchen Fällen, wo dieselben die Gefahren des Kampfes ums Dasein in irgend welcher Weise ausgesetzt sind, erscheint diese Annahme doch sehr berechtigt. Die Embryonen der Najaden führen nach dem Verlassen der mütterlichen Kiemen ein freies Leben. Nehmen wir an, bei den ältesten Lamellibranchiaten wäre der Zeitpunkt des ontogenetischen Auftretens der Byssusdrüse ein viel späterer gewesen, als dies jetzt der Fall ist. Wenn nun für gewisse Stammformen unserer Najaden ein früheres Erscheinen des Byssus – in der Ontogenie – gewisse Vortheile bot, so werden von allen Embryonen || immer diejenigen am meisten Aussicht gehabt haben zur vollen Ausbildung zu gelangen, bei welchen der Byssus am frühesten auftrat. So kann dann durch fortwährende Steigerung und beständige Erhaltung der relativ besser organisirten schließlich das Auftreten des Byssus in eine sehr frühe Zeit fallen, ja da dieser Kampf ums Dasein sofort mit der Geburt der Embryonen beginnt, so vermag die natürliche Zuchtwahl indirekt auch den Gang der Ontogenie innerhalb der Eihüllen im Leibe der Mutter zu beeinflußen.

So kann durch sekundäre Anpassungen der Parallelismus der Ontogenie und Phylogenie gestört werden und zwar in einer der Abkürzung entgegengesetzter Richtung, und es würde nicht gestattet sein den Zeitpunkt || des Auftretens und die Reihenfolge der Anlage der einzelnen Organe in der Ontogenie besonders zu urgiren. Es würde mithin auch die Reihenfolge des Auftretens gewisser Organe in der Ontogenie keinen stets zuverlässigen Rückschluß auf den Gang der Phylogenie gestatten. Wenigstens müsste man bei etwaigen Differenzen auch diesen Gesichtspunkt berücksichtigen.

Vielleicht könnte auf diese Weise auch noch ein anderes auffälliges Faktum aus der Entwickelungsgeschichte der Najaden erklärt werden. Während die ausgebildeten Najaden Dimyarier sind, ist der Embryo Monomyarier. Ich dachte nun, daß vielleicht alle ältesten Muscheln c Monomyarier seien, allein ich fand bald, daß alle im Silur vorhandenen Genera wie Aricula, Arca, Nucula u. a. || Dimyaries sind. Also auch hier keine Congruenz zwischen Ontogenie und Phylogenie! Allerdings scheinen z. B. bei Cyclas beide Schließmuskeln im Embryo ziemlich gleichzeitig zu entstehen. Vielleicht ist aber doch der eine immer der frühere, denn außer bei den Najaden tritt auch bei zahlreichen anderen Dimyarier ontogenetisch der hintere Schließmuskel zuerst auf. –

Ich würde Ihnen, verehrter Herr, sehr dankbar sein, wenn Sie mir Ihre Ansicht hierüber mittheilen möchten. Sollten Sie aber fürchten zu viel Zeit damit zu verlieren, und doch dem Gegenstande einige Bedeutung beimessen, so bin ich gerne bereit auf einen Tag nach Jena hinüberzukommen.

Nur eine Bitte lassen Sie mich am Schlusse noch aussprechen, die, daß Sie von diesem || Briefe zunächst Niemanden etwas mittheilen. Ich habe denselben geschrieben, ohne Prof. Leuckart davon etwas gesagt zu haben, und Sie werden begreifen, daß es ihn einigermaßen verletzen würde, wenn er von dritter Seite erführe, sein Assistent habe sich um Rath zu holen nicht an ihn sondern an Haeckel gewandt. Ich verdanke meinem verehrten Lehrer Leuckart außerordentlich viel, – allein ich muß mir doch fast gestehen, daß ich mindestens ebenso sehr Ihr Schüler bin, als Leuckarts.

In der Hoffnung, daß Sie mir die Freiheit, mit der ich es wage mich direkt an Sie zu wenden, nicht Uebel nehmen, bleibe ich mit der Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung

Ihr

ergebenster

Dr. Hermann von Ihering

a eingef.: die Annahme; b korr. aus: zur; c gestr.: Di

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
12.04.1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 11412
ID
11412