Heldburg, Helene Freifrau von

Helene Freifrau von Heldburg an Ernst Haeckel, [Meiningen], 18. Februar 1900

Hochverehrter!

Den Tag nach Ihrer Abreise bin ich krank geworden; und obwohl es nur ein Katarrh ist der mich überfallen hat, so ist es doch ein recht quälender, der mich zu Allem untüchtig macht. Jeden Tag habe ich Ihnen wegen des Giordano Bruno schreiben, in ausführlicher || Begründung schreiben wollen, weshalb ich mich des Herzogs Veto gegen eine Aufführung des Stückes trotz innigsten Bedauerns doch habe anschließen müssen, jeden Tag wurde mein Zustand unleidlicher und nun sage ich mir, es ist besser Sie haben eine ungenügen-||de Antwort, als vielleicht noch lange gar keine. Die Liebe zu Ihnen, hochverehrter Herr Professor, und der Wunsch, mich auf die Seite des von Ihnen beschützten jungen Dichters stellen zu können haben mich bei der Lectüre des Stückes begleitet, trotzdem stand ich bald auf Seite des Herzogs und zwar || je länger je mehr. Unzweifelhaft hat der Dichter eine große Begabung, eine leidenschaftlich begeisterte Feuerseele, aber, nach meiner allerdings keineswegs maßgebenden Meinung ist es ihm nicht gelungen, des großartigen Stoffes Herr zu werden. Er hat sich auch, meine ich, die Sache etwas zu leicht gemacht, ||

Diese über alle Begriffe schwere Sache. Brunoʼs Welt-Auffassung in einem Drama einem heutigen Publikums so darstellen, daß es seine eigene Weltanschauung vergißt oder überwindet und ihm folgt: Es ist ein kühnes Unternehmen! Ich glaube nicht, daß es irgendwo gelingen würde, – gewiß nicht hier, – || vielleicht noch am ehesten vor einem Parquet von Studenten? Aber Eines scheint mir wäre auf alle Fälle unerläßlich, und das wäre, daß der Dichter den Stoff so beherrschte, daß er ihna in klarster, bester Sprache dem Verständniß der Hörer vermittelte. Und da muß ich nun sagen, das ist ihm nach meinem || Dafürhalten noch nicht gelungen. Es sind viele der großen Reden Brunoʼs mir nur nach wiederholtem, aufmerksamem Lesen verständlich geworden und oft auch nur in so weit, daß ich weiß, was der Dichter sagen wollte. Besonders in Hinsicht auf die Sprache fing ich nun an, mir nach meiner Gewohnheit No-||tizen und Excerpteb zu machen – ich wollte sie benutzen, nicht sie Ihnen schicken, (das sehen Sie schon an der Fassung derselben) mein Kopf streiket aber, und ich denke, Sie verübeln es mir nicht, wenn ich sie Ihnen unter den Umständen doch vorzulegen mir erlaube, als Belege für meine Behauptung. Freilich, auch abgesehen von || der Sprache, die der Dichter ja bessern könnte wenn er wollte, der Bühne fürchte ich, wäre das Stück doch nicht zu gewinnen. Wie gesagt, ich glaube nicht, daß ein Publikum sich die Tendenz desselben gefallen ließe. Und der Tendenz zu Liebe ist es doch geschrieben, da hilft es nicht viel, daß diese oder || jene besonders ärgernißerregende Stelle gemildert oder gestrichen würde.

Ach, daß ich Sie doch nicht hätte ärgern brauchen! Werden Sie darüber nur nicht ganz gram, lieber Herr Professor, Ihrer Sie von Herzen verheerenden

H. Heldburg.

18.2.00.

a eingef.: ihn; b eingef.: und Excerpte

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
18-02-1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10365
ID
10365