Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Christian Weiß, Berlin, 10. Januar 1853

Berlin 10 Januar 53

Mein lieber Freund!

Ohne Ihnen geschrieben zu haben, bin ich in den letzten Monaten vielfältig bei Ihnen gewesen, eben so auch meine Frau. Denn wir haben Ihre Lebensbeschreibung, die uns Ihr Bruder mitgetheilt hat, gelesen. Ja ich habe manche Parthien (die philosophischen) wiederholt gelesen, wozu mir meine gegenwärtige Muße Zeit bot. Es ist recht schön, daß Sie diese Erinnerungen aus ihrem Leben niedergeschrieben haben, sie dienen auch anderen zur Belehrung. Sie zeigen, daß da, wo ein tüchtiger Kern im Menschen ist, der sich von außen und durch äußere Schicksale nicht niederdrücken läßt, dieser Kern ununterbrochen seine Entwikelung verfolgt und sich allmählich zur Frucht entfaltet und so bieten auch die Resultate Ihres Denkens und Lebens eine solche eigenthümliche Frucht dar, die von andern beschaut, Ihnen zur Erwekung und Stärkung dient und falls in ihrem Leben in ihnen der Kern nicht unterdrückt worden, auch aEntwikelung fördert. – Ich habe nun auch das Leben schon hinter mir liegen und es fehlt mir nicht an Meditationen darüber. Aber ich habe viel mehr mit Leidenschaften zu kämpfen gehabt als Sie, liebster Freund. Es ist etwas Vulkanisches in mir, was mir das Leben so sehr erschwert hat und eine so ununterbrochene Folge geistiger und sittlicher Fortentwikelung, wie Ihnen, ist mir nicht geworden. Es sind oft Störungen eingetreten, die mich aber Gott sei Dank, doch nie auf längere Zeit von dem Ziel, das ich mir gesteckt hatte, entfernt haben. Ihr Leben, liebster Freund ist innerlich wenn auch nicht ohne Kampf doch ruhiger gewesen. Es bleibt doch zuletzt die Aufgabe eines jeden Menschen zu sehen, wie er mit dem ihm von Gott verliehenen Naturell fertig wird. Hätte ich die Wahl gehabt, ich würde mir ein anderes Naturell gegeben haben. So aber habe ich nur die Aufgabe gehabt, es zu verarbeiten und wenn ich hinter andern beßeren Naturen zurückgeblieben bin, so wird Gott dereinst meine Arbeit ansehen, die mir gewiß schwerer geworden ist, wie vielen andern und darnach wird er mich richten. Ich sehe darum auch dem Ausscheiden aus diesem Leben mit großer Ruhe, ja mit großer Sehnsucht nach einer beßern Natur, entgegen, denn ich sehe, wie viel Irdisches mir hier zu Theil geworden, was mit diesem Leben wegfallen wird. Da haben Sie nun für Ihre offenen Selbstbekenntniße, auch ein kurzes von mir. Es ist nicht für die Menge, sondern für den Freund. – Da ich das Glück gehabt habe, eine, wenn auch nicht lange Reihe von Jahren, mit Ihnen zu sein und zu wirken, und da ich die Früchte Ihres Wirkens noch kennen gelernt habe, als Sie schon aus dem Amte geschieden waren, so nehmen Sie von mir das unpartheiische Zeugniß, daß Sie, lieber Freund, sehr wohlthätig auf dieser Erde gewirkt haben und daß ins besondere eine göttliche Fügung Sie in das Schulratsamt nach Merseburg geführt hat, Sie haben dort und bei dem Verkehr mit so vielen Lehrern gewiß mehr gewirkt, als es bei dem Verbleiben auf dem Katheder der Fall gewesen sein würde. Es gehörte || dazu nicht bloß eine wißenschaftliche, sondern auch eine sittliche Natur. Ueber die Vereinigung dieses Wißenschaftl-Sittlichen in Ihrer Person sind alle Ihre Freunde einig, und Sie können mit dem Bewußtsein erfüllter Pflicht auf Ihr Leben zurückblicken. – Die Ereigniße der Zeit sind in den letzten 50 Jahren ins besondere auch in Deutschland so mächtig gewesen und werden es wenigstens auch in den nächsten 50 Jahren so fortdauernd seinb, daß es dem ruhigen Beschauer, zu dem man wird, wenn man aus Geschäften ausgeschieden ist, viel zu denken giebt. Diese Betrachtungen, verbunden mit fortdauernder Lektüre, bilden jetzt meine Beschäftigung. Die Bildung der westeuropäischen Völker (Deutschland dazu gerechnet) hat einen Grad erreicht, zuc dem der Rahmen der äußern Verhältniße nicht mehr paßtd. In religiöser und politischer Hinsicht befinden wir uns in großer Gährung. Die wißenschaftliche Ausbildung, sowohl diee philosophische als die naturwißenschaftliche hat sich mit der alten Orthodoxie in solche Opposition gesetzt, daß beide nicht mehr freundlich zusammen bestehen können. Die Orthodoxie hat sich an die äußere Macht gewendet und wird von ihr getragen und unterstützt, da ihr Piedestal wurmstichig geworden; aber vergeblich, es ist nur eine erbettelte äußere Existenz, die bei dem ersten Windstoß zusammenstürzen wird. Dagegen vermiße ich allerdings in der modernen Kultur das rechte Maas des Glaubens. Die Zerwürfniße in unserm Denken und in unserm innern Leben drängen uns den Glauben so zu sagen auf. Denn überall finden wir eine Schranke und Räthsel, mit denen wir nur fertig werden durch den Glauben. Auch in Ihnen, liebsten Freund, ist dieser Glaube vorhanden. Sie sprechen ihn in dem letzten Abschnitt Ihrer Lebensbeschreibung aus und das hat mich wahrhaft erquikt. Aber in jedem entwikelt sich dieser Glaube nach seiner Eigenthümlichkeit, einen jeden treffen Ereigniße, die ihn in sein Innerstes blicken laßen, dadurch wird er seiner Lüke und innersten Bedürfniße inne und so habe ich in den Stunden der strengsten Prüfung nach einem Halt gesucht, nach einem Anker, der mich durch die Stürme des Lebens trüge. Ich habe ihn in Christo gefunden, der mir die höchste Beglaubigung deßen geworden ist, was ich innerlich in meinen besten Momenten geahnt habe, aber diese Ahnung ist viel vollständiger geworden, als sie es ohne ihn geworden sein würde, er ist mir der frische Lebensborn, aus dem ich schöpfe und mich erquike, wenn die durch das Getriebe der Welt welk gewordenen Kräfte ermatten wollen. Er ist mir eine Autorität an die ich mich halte, wenn ich mit Zweifelnf nicht fertig werden zu werden vermag und die mich vollkommen beruhigt und ebenso kehre ich immer wieder in diejenige Welt zurük, die er uns eröffnet hat zurük [sic!], wenn mich das Getriebe dieser Welt unbefriedigt läßt oder die Leidenschaften mir zu viel zu schaffen machen. Ich darf hier wohl nicht erst erwähnen, daß es nicht der orthodoxe Christus ist, an den ich glaube sondern derjenige, den uns die neueste Theologie unter || Führung von Schleiermacher eröffnet hat und der in einer fortwährender Entwickelung begriffen ist. Ich habe vor einigen Tagen von Sydowg einen Vortrag gehört über die Person Jesu, wozu er die Grundzüge dieser Entwikelung aufstellt. Er verweist zunächst auf die Aussprüche Jesu über sich selbst, auf das, was er selbst über sich geglaubt hat, und ins besondere im Evangelio Johannis zu lesen ist. An diese müße man glauben, wenn man ihn zum Führer haben wolle. Sodann stellt er als Grundsatz auf, daß Christus wirklich Mensch gewesen sei, aber das wirkliche Ideal von Mensch, in welchem das, was wir einzelne Göttliches in uns spüren, in größter Fülle vorhanden gewesen sei. Das Letztere wird er in einem 2ten Vortrag in 14 Tagen auseinandersetzen. Die Vorlesung war gedrängt voll, auch viele Männer waren darin, die sonst zu fehlen pflegen, ein Zeichen, welch ein Bedürfniß über die Verständigung über die Person Christi vorhanden ist. Dieses Bedürfniß nach einer göttlichen Autorität wie ich es in mir trage, haben Tausende mit mir gemein. Sie nennen sich, liebster Freund, einen Rationalisten, das ist einen solchen, in welchem die eigene Vernunft uns den rechten Weg zeigt, die uns zugleich zur Religion führt. Aber in dieser Reinheit haben wir sie nur durch das Christenthum kennen gelernt, Sie würden sie gewiss nicht besitzen, wenn Sie nicht auf dem Boden des Christenthums ständen und vollends unser Verhältniß zu Gotth wie wir es ausgebildet haben ist uns erst durch Christum geworden. Die Griechen haben deßen entbehrt. Aber der göttliche Funke in uns war auch schon ohne dass Christenthum vorhanden, und Christus wurde von Gott in die Welt gesendet, um ihn zur vollen Flamme zu entwickeln –

iUnsre auf dem Boden des Christenthums entsproßene Kultur istj eine christliche, ist die jetzigek europäische, am tiefstenl ausgebildet in Deutschland. Sie erinnert den Menschen täglich und stündlich an seinen göttlichen Ursprung und nach diesem sollen sich alle Verhältniße modeln. Diese Modelung berührt jetzt ins besondere auch staatliche Verhältniße. Ihre jetzige Gestaltung entspricht nicht mehr der bereits errungenen Bildungsstufe der Menschheit und die gebildeten Völker ringen nach der diesem Kulturgrad entsprechenden politischen Form. Sie kann keine abstrakte sein, sondern nurm aus dem Leben der Völker hervorgewachsen. Es giebt keinen abstrakten Menschen und kein abstraktes Volk, sondern überall nur eigenthümliche Individuen von besonderer Gestaltung, das ist die Ordnung Gottes. In den europäischen großen Staaten, welche am meisten in der Bildung vorgeschritten, ist die || gesuchte Form die constitutionelle Monarchie, bei jedem Volk in seiner Art. Nicht die Willkühr soll herrschen, auch nicht die des Königs, sondern die Gesetze und diese sollen sich aus einem Organismus entwickeln, der das Leben aller Glieder fördert und erhält und wobei ins besondere dem Königthum die Rolle des Führers und Vermittlers anheim fällt. Das Königthum selbst aber soll wiederum einer Schranke unterworfen seinn, um nicht in blinde Willkühr auszuarten. Ein gebildetes Volk will eben als geistige Potenz anerkannt sein und der Staat soll durch seine Institutionen diese Potenz aufs vollständigste entwickeln. Der gebildete Theil des Volkes ist sich dieser Bestimmung bewußt und mit dem erwachten Bewußtsein zugleich der Vormundschaft entwachsen. Er will den Staato mit regieren helfen durch Theilnahme an der Gesetzgebung und Controlle der Verwaltung.p Dieses will das Königthum nicht anerkennen. Nur in England ist man über dieses Stadium hinaus und [hat] das Anerkenntniß errungen. In den übrigen Staaten wehrt sich die königliche Willkühr gegen diese Schranke und wirft sich einer privilegirten Kaste in die Arme, welche unter dem Vorgeben, die königliche Gewalt zu erhalten, nur ihren eigenen Vortheil und im Wesen die Beschränkung des Königthums für diesen ihren Vortheil sucht. – Stößt man nunq alle Tage auf jene Willkühr, auf bornirten und verblendeten Kastengeist, auf schlaffes und dem physischen Genuß lebendes Philisterthum, sieht man, wie die Leiter der Staaten so gar keine Idee von ihrem hohenr Beruf, gar keine Ahnung davon haben und sich nur am Spiel ihrer Willkühr ergötzen, dann möchte man allerdings auch alle Lust zur Beschauung verlieren; aber die Ideen entwikeln sich nun einmal nur in langwierigen Kämpfen und die Menschheit schreitet doch vorwärts in diesen Kämpfen; daß wir uns nun jetzt gerade in keinem erfreulichen Stadium befinden, das müßen wir als eine Schickung Gottes hinnehmen. Ich meinerseits werde nur wieder ruhig, wenn ich den Lauf der Weltgeschichte aus obigem Standpunkt betrachte, so sehr mich auch die einzelnen ekelhaften Erscheinungen auf einige Zeit empören. –

Meine Frau grüßt Sie aus herzlichste, wir denken Ihrer und unserer Merseburger Freunde sehr oft. Wir leben hier ganz zurükgezogen, ganz auf unsre Familie und einige wenige Freunde, zu denen auch Ihr Bruder und Frau gehören, beschränkt und nur hin und wieder ein geistiger Genuß, den man in einer kleinen Welt nicht so leicht haben kann, erinnert uns daran, daß wir in der Hauptstadt leben. Gott erhalte Ihnen ein erträgliches Wohlbefinden und denken Sie zuweilen

Ihres

treuen Freundes

Haeckel

a gestr.: ihren; eingef.: deßen; b eingef.: sein; c eingef.: zu; d eingef.: paßt; e eingef.: die; f gestr.: und; g eingef.: von Sydow; h gestr.: ist uns; i gestr.: Diesen; j gestr.: die; k eingef.: jetzige; l gestr.: Aus; m eingef.: nur; n eingef.: sein; o gestr.: sich; eingef.: den Staat; p mit Einfügungszeichen am linken Rand eingef.: durch Theilnahme … Verwaltung; q eingef.: nun; r eingef.: hohen

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-01-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Merseburg
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 43185
ID
43185