Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, Potsdam, 6. Mai 1874

Potsdam 6/5 74

Liebe Agnes!

Herzlichen Dank für Deinen heute erhaltenen Brief. Du hast mir eine große Freude gemacht durch die Mittheilung Eueres Ergehens. Hoffentlich wird Deine und Walters Erkältung bald glücklich vorüber gehn.

Sorge nur, daß mein Ernst sich nicht zu sehr mit Arbeit übernimmt, und sich täglich Bewegung macht. Du schreibst unser Lisbetchen sei eine tüchtige Spaziergängerin; begleiten die Kinder den Papa auf seinen Wanderungen? denn ihre liebe Mama liebt ja nicht vieles Gehn. – – ||

Oft habe ich an Deinen Bruder und dessen Frau gedacht, und freue mich, von Dir zu hören, daß sie glücklich nun die Elternfreude geniessen, sage Deiner lieben Mutter mit freundlichen Grüssen meinen Glückwunsch zu der Enkellin Huschke.

Auch daß Gegenbauers wieder Zuwachs in ihrem Familienkreis erwartten freut mich. Möge es allen wohl gehn.

Karl und Clara freuen sich beide auf die Reise zu Euch; eben war ich dort; noch wissen sie nicht bestimmt, wann Karl Urlaub bekommen wird, möglicher Weise || können sie schon Montag oder Donnerstag vor Pfingsten reisen; ich schreibe Dir dies nur vorläufig, sie selbst werden schreiben, wann sie wissen wenn sie reisen können. –

Vorigen Sonnabend war Claras Geburtstag, der aber erst Sonntag gefeiert wurde, weil die Kinder alle am Sonnabend Stunden etc. hatten; so kamen denn auch erst Sonntag die Berliner zum Kaffe her; Bertha früh zu mir, und wir beide assen zu Mittag bei Karl, Nachmittag kam Claras Bruder, der Prediger Liskow mit Frau und 5 Kinder; Claras Tante Minna Müller (der Onkel Müller konnte wegen Erkältung nicht kommen) beides Geschwister von Claras Mutter. || Ferner kam von Berlin Präsident Sydow mit Frau und Sohn. Nach dem Kaffe machten die Herren einen Spaziergang nach Sansusie, Tante Bertha, Tante Minna, Frau von Präsident Sydow, Frau Prediger Liskow und deren älteste Tochter, wir 6 Fuhren nach dem Pfingstberg, eine kalte Fahrt, aber doch noch schöne Blüthenpracht. In unserer Abwesenheit hatte Clara mit ihren beiden Töchtern und Else Liskow gedeckt, da um 8 Uhr sollte Abendbrod gegessen werden, dazu waren denn noch von hier gebeten Prediger Ritter mit Frau, und Herr Nägel, dessen Frau krank war; im Ganzen waren 25 Personen. || Es war recht nett, die älteste Tochter von Liskow, die sehr musikalisch ist, sang und spielte recht schön.

Wie ist es denn mit meiner lieben Schwiegertochter in Jena? erfreut sie auch oft Mann und Kinder mit der ihr verliehenen Gabe? bitte laß die Musik nicht ganz ruhen!

Vielleicht spielst und singst Du mit Clara zusammen. Es wird mich überhaupt freuen, wenn Ihr recht vergnügt zusammen seid. – ||

Die Berliner gingen um 9 Uhr weg, da sie mit dem um halb zehn abfahrenden Zug heim fuhren; die Potsdamer blieben noch bis 10 Uhr.

Seit 8 Tagen haben wir hier auch sehr unfreundliches Wetter: Kälte, Regen, Schnee, Hagel etc., bei allem Heitzen friert immer, und man fürchtet, daß die Baumblüthe gelitten hat. Vorigen Freitag machte ich mich bei leidlichem Wetter auf, um in || Berlin Besorgungen zu machen; schon bei der Fahrt regnete und schneite es, und als ich vom Bahnhof zu Fuß zu Herrn Joachim ging, traf mich in der Leipzigerstraße solch starkes Hagelwetter, daß ich dachte mein Regenschirm würde zerschlagen. –

Ich besorgte also das Nothwendigste unter den Linden bei Herrn Joachim und a || gab die anderen Besorgungen auf, und ging zu Bertha, bei der ich bis den Abend blieb. Hierbei erhälst Du die 3 Letzchen für Deine kleine Emma.

Sei mit Deinen Kindern aufs Innigste gegrüßt von

Deiner

alten Mutter

Lotte.

a gestr.: ging

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-05-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36590
ID
36590