Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, Potsdam, 28. – 30. April 1873

Potsdam 28/4 73.

Liebe Agnes!

Diesmal bin ich Dir noch den Dank schuldig für mehrere Briefe; ich hatte schon länger den Wunsch Dir zu schreiben, konnte mich aber immer nicht dazu ermannen, weil ich nach Deinem letzten Brief vom 23sten April, wo unser Lisbetchen wieder Dir Sorge machte, recht betrübt war, und mit banger Furcht an Jena dachte. Nun Gott sei Dank! Dein heute erhaltener Brief sagt mir ja, daß Du mit beiden Kindern gesund seist. Da Lisbetchen so lange krank war und der Luft entwöhnt, wirst Du || sie gewiß bei dem ungewöhnlich a rauen Wetter recht in Acht nehmen müssen. Ist denn Walterchens Husten ganz vorüber? daß ihm der Ostwind nicht schadet. Hier ist es auch sehr unfreundlich; wir müssen noch tüchtig heizen, und ich gehe noch im Pelz. –

Karl ist vorgesternb nach Dortmund abgereist, wo die Generalversammlung der Vereinigten Westphalia abgehalten wird; um sich mal über die ganze Angelegenheit || zu informieren. Es ist mir recht leid, daß er solch unfreundliches Reisewetter hat. – Wenn sich das Wetter nicht noch sehr ändert, so wird Ernst einen kräftigen Abstand gegen Süden bei seiner Heimkehr finden. Ich kann mir recht denken, wie Du die Tage bis dahin zählst. Gott verleihe Euch ein recht fröhliches Wiedersehn, daß Ernst noch ferner seine Reise glücklich zurücklegt, und dann seine Lieben wohl finde. Halte Dich nur auch recht wacker, liebe Agnes! kannst Du jetzt auch mehr geniessen? ||

Wie leid ist es mir, daß Deine Schwester Marie so viel bange Sorge um ihre kleine Grete hat. Vorigen Donnerstag besuchte mich Frau Johanne Reimer, die mir auch sagte; daß es noch immer nicht gut ginge.

30/4 Mit welcher Theilnahme auch ich Ernstens Reiseerlebnisse verfolge, kannst Du Dir denken; wie dankbar froh bin ich mit Dir, daß ihm alles so nach Wunsch geht. Wohl hat er viel Glück gehabt; es sind ihm Menschen überall so freundlich entgegengekommen, und ausser || den reichen Schätzen, die er für seine Wissenschaft gesammelt hat, was ja immer für ihn die Hauptsache bleibt, hat er noch solch reichen Genuß an Naturschönheiten gehabt; und dann hat ihm auch das Geschick noch so manchen unerwartteten Blick in das fremdartige Leben der Völker thun lassen, als z. B. die röligiösen Zeremonien der Neger etc. – Wohl müssen wir uns mit ihm darüber freuen, aber dann können wir ihm auch nicht absprechen, daß er auch mehr Genuß als || manche andere von solcher Reise hat, weil er unermüdlich thätig ist, und dabei auf alles achtet, was ihm vorkommt; und das er schon als kleiner Knabe bewiesen. –

Gott gebe ihm nun glückliche Heimkehr, und die Freude: Frau und Kinder wohl wieder zu finden. Professor Strasburger wird nun wohl in Jena sein, und so wirst Du ja noch manches von unserem Ernst hören. Daß Du schon mehrmals Briefe von Frau Gegenbauer erhalten hast, freut mich recht; es ist doch doppelt schön, daß || sich solch inniges Verhältniß zwischen den Frauen findet, deren Männer so befreundet sind. Gegenbauers werden nun auch wohl bald zurück kommen?

Ich hatte in diesem Monat viele Erinnerungstage, heute meines lieben Vaters Sterbetag; den 25sten dessen Geburtstag, den 27sten Geburtstag meiner Schwester Gertrud. Bei der wehmüthigen Erinnerung an den lieben Geschiedenen, ist dann auch freilich immer der Dank für das Gute, was uns durch sie im Leben geworden ist. –

Grüße und küsse mir die Kinder herzlich. – ||

Gott sei mit Euch allen, möge es Euch allen wohl gehn, das wünscht von Herzen

Deine

alte Mutter

Lotte

a gestr.: raum; b eingef.: vor

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-04-1873
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36524
ID
36524