Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, 5. August 1872

Potsdam 5/8 72.

Liebe Agnes!

Ganz eigen ist es mir, daß ich auf einmal nun nur schriftlich mich mit Dir und den lieben Kindern unterhalten kann; war es mir so heimisch und wohl bei Euch; und meine Gedanken weilen noch immer bei Euch. Hoffentlich hast Du auch wieder gute Nachricht von unserm lieben Ernst, und theilst mir bald davon mit. – Schon gestern wollt ich Dir Nachricht von unserer Reise geben, aber ich war zu müde. a ||

Wir sind hier glücklich angekommen, aber viel später als wir dachten; schon in Apolda warb der Zug verspätet, und auf jeder Stattion war ein Zuströmen von Menschen, wie ich es noch nie gesehn und dadurch überall Auffenthalt, die Zeit war zu ungünstig, alle Berliner, die Sommerfrische genossen hatten und mit ihrer Jugend zum Anfang der Schulen eilten, strömten herbei, so kamen wir schon sehr spät in Berlin an, wo wir lange vor || dem Peron aussteigen mußten, der so gedrängt voll Menschen war, daß wir noch lange hätten wartten müssen; ich ging daher mit Herrmann auf den Halteplatz und wir suchten durch Wagen, Droschken etc so weit durchzukommen, daß Herrmann eine Marke zur Droschke erlangte, die dann freilich weit auf dem Askanschenplatz stand, worin ich mich mit dem Handgepäck setzte, und Herrmann das Passagiergut abholte. Was denn auch nach langem Wartten gelang, und wir doch || noch vor halb neun Uhr auf dem Potsdammer Bahnhof zum Abfahren zurecht kamen. In Potsdam waren keine Droschken auf dem Bahnhof, ich mußte auf dem Peron beim Gepäck bleiben, und Herrmann ging zum Schloß wo er hoffte eine Droschke zu finden, aber vergebens, auf dem Rückweg griff er auf der Brücke noch eine auf, und wir waren dann um halb elf Uhr zu Hause. Marie war im Fenster mit dem Mädchen von Karl, die Nachricht geben soll, da Karl uns früher vergebens erwarttet hatte. ||

Herrmann ging mit dem Mädchen und den Sachen zu Haus; und ich war froh, zu Bett zu gehn. Mein Gedanke war vorzüglich, daß Du wenn Du mich mit den Kindern besuchst, nur ja eine Zeit wählst, wo nicht solcher Andrang ist. –

Gestern früh kam Karl und bat ich soll doch mit Marie dort essen. Bei Karl fand ich alles wohl, Clara hat sich merkwürdig erholt; wie sehr krank sie gewesen vernahm ich erst recht aus ihrer Schilderung; nun, Gott sei Dank, daß es nun wieder so gut geht, || Clara ist wohl noch etwas matt, sieht aber gesund aus, und freut sich wieder ihrem Hauswesen vorzustehn; Karl hat sich auch erholt, und den Kindern fühlt man es an, wie glücklich sie sind nun wieder alle beisammen zu sein im älterlichen Hause, Heinerich war auch vorgestern gesund und fröhlich hier angekommen. Ich mußte viel von Euch allen erzählen; Du kannst denken, wie da Dein süsses kleines Volk bei mir war. – Denke || ich doch stündlich an meine lieben Jenenser. –

Heute früh waren Karl und Clara hier, beide lassen Dich herzlich grüssen. Du wirst wohl in diesen Tagen recht beschäftigt sein, da Du Waschfreuden hast, ich will Dich daher auch nicht quällen mit Schreiben, aber wenn Du von Ernst Nachricht hast, bitte dann schicke es mir. Deine beiden Schwestern sind hoffentlich befriedigt von ihrer Reise zurückgekehrt, grüsse sie herzlich von mir; vor allem aber Deine liebe Mutter, der ich auch || den herzlichsten Dank sage für alle mir bewiesene Freundlichkeit, das gilt auch Dir, mein liebes Kind. Walterchen und meine blonde Lisbeth gieb einen innigen Kuß von

Ihrer

alten Großmutter

Lotte

a gestr.: zum; b korr. aus: kam

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-08-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36479
ID
36479