Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, Potsdam, 14. – 18. Mai 1872

Potsdam 14/5 72.

Liebe Agnes!

Dank, herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, der mir viel Freude macht, da er mir vom Wohlergehn meiner lieben Kinder in Jena sagt. Gott behüte Euch ferner! – und gebe den Kindern körperlich und geistig gedeihen. Wohl hast Du recht, welch hohe Freude es ist, wenn man lauscht auf die Entwickelung des Seelenlebens im Kinde, und das ist grade für eine Mutter so köstlich, deshalb begreiffe ich es auch immer nicht, wie jetzt so viele Mütter ihre || noch nicht schulpflichtigen Kinder in Spielschulen schicken, sie nehmen sich und ihren Kindern das Köstliche, was in dem innigen Zusammenwachsen des geistigen Lebens zwischen Mutter und Kind ist, und entfremden beide dadurch daß das Kind sich gewöhnt von Fremden das zu empfangen, was ihm doch nur die Mutter sein kann, wenn es sieht wie siea sich für alles interessiert, was dem Kinde lieb ist; ein großer Nachtheil der Spielschulen oder Fröbelschen Kindergärtten wie sie genannt werden, finde ich auch || darin, daß die Kinder nicht auf sich angewiesen sind beim Spielen, und ihr Treiben schon in Formen geschmiedet wird, sie sich daher nicht nach ihrer Eigenthümlichkeit entwickeln. – Doch genug und vielleicht schon zu viel über dies Kapittel. – –

Den 17ten Aus vorstehenden Zeilen siehst Du, liebe Agnes, wenigstens, daß mein Wille war, Dir bald für Deinen lieben Brief zu danken, ich wurde aber beim Schreiben gestört, und hatte dann immer nicht den Muth dazu, da ich voll Sorge und Kummer war wegen Karl, der wegen seinem gastrischen Fieber das || Bette hüten muß. Heute geht es ihm so weit etwas besser, daß der Kopf freier ist; er hat auch wieder Appetiet und der Doctor hat ihm erlaubt etwas Suppe zu essen, auch hat der Doctor heut gefunden, daß das Fieber unbedeutend nur noch ist. Im Ganzen ist er sehr reizbar und muß Ruhe haben; ich habe ihn alle Tage gesehn, bin aber immer nur einen Augenblick drin gewesen. Gott gebe baldige Besserung. Sage Ernst, daß ich ihm nach einigen Tagen wieder || Nachricht geben werde. Ausser dem habe ich eine arbeitsvolle Woche gehabt: die erste Wäsche in Potsdam, die mir dadurch noch schwerer wurde, weil mir alles noch fremd ist, aber das ist auch glücklich beseitigt; Montag und Dinstag hatte ich 1 Frau zum Waschen, und ausser dem habe ich alles mit meiner kleinen Marie fertig gebracht, so daß wir schon gestern geplättet haben, und jetzt alles eingeräumt ist. –

Herrmann und Heinerich wohnen noch bei mir, und bleiben auch noch vorläufig. ||

Gestern bekam ich von meiner Schwester Bertha einen Brief, die wünschte, daß wir alle den ersten Feiertag bei ihr verlebten, natürlich habe ich es abschreiben müssen; hoffentlich kommt sie her. – –

Wie ist es kommt Herr Professor Gerhard weg? und wäre das eine Wohnung für Euch? Deiner lieben Mutter und Clara sage nebst herzlichen Grüssen, meinen beßten Dank für ihr freundliches Anerbieten; was ich aber deshalb nicht || annehmen kann, weil mein Hauptwunsch ist, Euer häusliches Leben mal recht mit Euch zu theilen, denn das ging nicht, wenn ich bei der Mutter wohnte; ich bin zu kopfloos um Weg und Treppe öfter zu machen. – Lange werde ich in diesem Jahre nicht von Potsdam weg sein, ich will mich doch der Kinder annehmen, wenn Clara in Wochen ist, und wenn ich auch wenig leisten kann, so ist es mir doch lieb, wenn ich ihnen etwas helfen kann. –

Hoffentlich richtet Ernst es so ein, daß er in den Ferien des Herbstes eine Erholungsreise macht ohne zu große Anstrengungen und ohne gelehrte Forschungen daß er sich recht erfrische. ||

Mir war es bei seinem Hiersein zu leid, daß ich meinen lieben Jungen so abgearbeitet fand. Nun hoffentlich ist ihm jetzt wohler, in den schönen Tagen soll er nur öfter mit Dir einen orndlichen Spaziergang machen, das ist Dir auch gut. – Sonnabend 18/5 72. Absichtlich habe ich gestern Abend den Brief nicht abgeschickt, um Euch noch von Karl zu sagen, wohin ich eben geschickt: es geht ihm besser, er hat die Nacht etwas geschlaffen. – Nun nur noch Dir, Ernst und den Kindern einen herzinnigen Gruß! mögt Ihr Lieben das Pfingstfest heiter und gesund verleben und behaltet lieb Euere

alte Mutter

Lotte.

Kleinen Karl herzlichen Gruß.

a eingef.: sie

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-05-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36464
ID
36464