Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Adelheid von Bassewitz, Berlin, 27. September 1864

Berlin 27st September 64

Meine theure Freundin!

Kaum wage ich es die Feder in die Hand zu nehmen, um Ihnen etwas von mir mitzutheilen. Denn das Schreiben wird mir wegen meiner voll rheumatischen Schmerzen steckenden Hand sehr schwer. Aber das Bedürfniß der Mittheilung ist noch größer und so nehmen Sie die Schrift, wie ich Sie Ihnen biete. – Was ist das für eine Zeit gewesen von Mitte Februar bis jetzt. Voll Unglük, ein Unglük ist dem anderen gefolgt. Jüngst der Tod meiner geliebten Schwiegertochter Anna. Er machte meinen Sohn oft unfähig zu existiren. Denn sie war ihm im Nu ehe er es ahnden konnte, in kaum 1 Stunde fortgerißen worden. Wir fürchteten für sein Leben, aber er überwand die Krisis. Nun kam es darauf an, ihn wieder existenzfähig zu machen. Er reiste also in den einsamen Garten von Villa franca bei Nizza. Dort hoffte er von dem schönen Klima Milderung seiner Schmerzen, traf aber 4 Wochen lang so ganz abweichendes ungünstiges Wetter, daß er nur um so trüber gestimmt im Maerz zurük kam, wo wir sogleich zu ihm giengen und ihn in einem so verzweifelten Zustand trafen, daß wir alles anwenden mußten, um ihn einigermaßen zu beruhigen. Der März war sehr kalt und dieses beschleunigte den Ausbruch meiner rheumatischen Krankheit, die ich schon früher in mir gespürt hatte. Nun begann auch dieses sich zu rühren. Die rheumatischen Schmerzen brachen durch. Inzwischen starb auch die Freundin unserer verstorbenen Anna, die Frau des dortigen Profeßors Gegenbaur, des innigsten Freundes meines Sohnes. Sie schwankte über 8 Tage in den Phasen zwischen Tod und Leben, was uns zur Verzweiflung brachte. Meine rheumatischen Schmerzen nahmen zu, was Quinke bewog, mich Mitte August nach Warmbrunn zu schicken, um das dortige Bad zu brauchen. Dieses habe ich 4 Wochen gethan, das Bad hat alle rheumatischen Stoffe in Bewegung gebracht und so leide ich seit 4 Wochen an den Gelenken, oder wie man im gemeinen Leben zu sagen pflegt, am Reißen, einer äußerst schmerzlichen Krankheit, vorzüglich am linken Bein und in den beiden Händen, die zu jeder Arbeit fast unfähig sind, wegen der vielen || Schmerzen, von denen sie fast unaufhörlich durchwühlt werden.

(Nach langer Unterbrechung Nachmittags) Ich habe im Laufe dieses Sommers mit meiner Lektüre die Ergebnisse der kritischen Forschungen in der Evangelien Litteratur ununterbrochen verfolgt und bin zu einem Resultat gelangt. Diese neuesten Kritiken haben allen Mythus, mit welchem die Begeisterung der Christen der ersten Jahrhunderte erst das Leben Christi umgeben hatte, beseitigt und nur das unzweifelhaft historische stehen gelaßen. Sie haben Christus in seiner menschlichen Schwäche im Garten von Gethsemane nicht verhehlt, sie haben ihn aber auch in seiner größten menschlichen Stärke vor dem jüdischen Synedrium gezeigt, wo er mit der größten Furchtlosigkeit seinen Richtern entgegentrat und ihnen erklärte: Gott habe ihn in die Welt gesandt, um die Welt zu erlösen und er werde diese Erlösung nur unter den härtesten langwierigen Kämpfen im Laufe der Weltgeschichte bewerkstelligen können. „Ich bin nicht gekommen zu bringen, den Frieden, sondern das Schwerdt, die Kinder gegen die Mutter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter pp“ Diese Kämpfe haben sich schon in den ersten Jahrhunderten nach Christo aufs Rühmlichste erfüllt und die Verfolgungen der Christen sind davon die beredten Zeugen. Unter allen diesen Verfolgungen hat sich das Christenthum selbst unter den schwersten Mißverständnißen immer mehr ausgearbeitet. Was Christus wollte, war die Verbreitung des Reiches Gottes d. i. die Verbreitung der Idee eines göttlichen Sittengesetzes. Sie hat trotz aller Verirrungen stattgefunden und ist neuerdings unter allen Verirrungen immer wieder aufs schärfste hervorgetreten mit der Forderung: Mache Deine sittliche Natur in Dir geltend. Und diese sittliche Natur macht sich geltend in der Forderung unseres Gewißens. Sie läßt in den schwersten Stunden des Lebens nicht von uns ab, wie ich aus eigener Er-||fahrung durch die Reue weis, welche ich in den letzten Monaten an mir nahe stehenden Personen zu sehen Gelegenheit hatte. Mit Reue schieden sie aus dieser Welt, mit der schmerzhaftesten Reue, daß sie diesen Forderungen ihres Gewißens zu folgen versäumt hatten. Was folgt nun aber hieraus für uns Lebenden? Daß wir diesen Forderungen unseres Gewißens für die uns bleibende Lebenszeit gerecht werden sollen und dieses geschieht nur dadurch, daß wir diesen innern Forderungen unseres Gewißens nachkommen, ihnen Gewähr leisten. Wie geschieht dieses? Daß wir auch förmlich ihm Genüge zu leisten suchen. Durch die Befolgung der Vorschrift des Evangelii, denn in diesem sind alle diese Forderungen enthalten. Dennoch aber sind wir Theilnehmer des Reiches Gottes. Wir stammen von Gott selbst ab und das göttliche Wesen in uns hört nicht auf, sich mit Gott zu identificiren, selbst, wenn wir es verläugnen, den Gott in uns ist ewig, und demnach hören wir auch nicht auf, göttliches Wesen in uns zu tragen. Am vollkommensten hat dieses Christus selbst ausgesprochen, indem er auf die Ewigkeit seines Wesens hindeutete, indem er sagte, ehe denn Abraham war, war ich. In dieser Forderung offenbarte sich Christus als der Reformator des Menschengeschlechtes, welche Reformation niemand vor ihm durchzuführen fähig gewesen war. Plato und Sokrates hatten diese Forderungen erkannt, auch sie verlangten die Durchführung des göttlichen Geistes im Menschen, daran er für alle Ewigkeit theilhaftig sein sollte. Aber ihnen fehlte die Kraft diese Forderung durchzuführen. Nur Christo gelang es, dem größten religiösen Reformator aller Zeiten. Er sah sich mit Gott vollkommen eins und verlangte die Durchführung dieser Einheit durch Befolgung seiner Lehre was war aber diese Lehre? Liebe Gott über Alles und Deinen Nächsten wie Dich selbst. Durch die Befolgung dieser Lehre wollte er den Plan Gottes auf der Erde verwirklichen; und er schreibt uns diese Verwirklichung || auch immer mehr vor. Immer mehr erhebt sich die Welt aus Roheit, Gemeinheit und Niederträchtigkeit. Das Christenthum hat schon die Sitten verbeßert und auch diese müssen der humanisirenden Forderung des Christenthums dienen. Eines freilich bleibt jedem einzelnen Menschen vorbehalten, sein freier Wille, denn ohne diesen wäre das Evangelium keine sittliche ewige Schrift, sondern ein bloßer Zwang, der den Menschen von aller Verantwortung für diese Welt entbände. Diese wird sich erst in jener Welt erfüllen, wo die sittliche Kraft des Christenthums sich erst in vollem Maße darthun wird. Wer in dieser Welt blos seinen Genüßen lebt wird es in jener Welt mit seinem Gewißen abzumachen haben. Eben so werden Diejenigen, welche sich hier damit täuschen, daß sie durch äußere Werke die sittliche Weltordnung des Jenseits zu verdienen glauben, diese Ordnung durch innere Werke ergänzen müßen. Inzwischen hat im göttlichen Laufe der Weltregierung die erste Forderung des Christenthums: die Liebe immer mehr sich Geltung zu verschaffen versucht, und jeder einzelne von uns steht mit dieser Forderung und deren Gewährung im engsten Zusammenhange, er darf nur an die Worte: welches das höchste Gebot sei? denken: Liebe Gott über Alles und Deinen Nächsten als Dich selbst! Mit dieser Liebe soll das ganze Wesen der Welt erfüllt werden, sie soll das ins Werk setzen, was das Evangelium mit dem Reich Gottes meint, der göttliche Wille soll sich immer mehr in dieser Welt verwirklichen, in dieser kleinen Erdenwelt bis sich eine größere Verwirklichung in einer anderen beßeren Welt möglich macht, denn nicht für diese kleine Welt ist unser göttlicher Geist gemacht, sondern für die Ewigkeit. Auf diese macht er Anspruch. || Der göttliche Geist, wie er sich schon in Plato und Sokrates offenbarte, will ewig sein, will an der Ewigkeit Theil haben. Ohne diese Ewigkeit ist unsere ganze Existenz nichts, nur eine Seifenblase, die vor jedem Hauch zerschmilzt. Mit dieser Forderung aber hebt sie uns in jene Welt, vor welcher die kleine irdische zerschmilzt. Auf sie werden wir kleinen Erdenbürger hingewiesen, wenn wir das Firmament erbliken, in welchem sich die göttliche Schöpfung in ihrer ganzen Größe darstellt und vor welcher der kleine Erdball in ein winziges Nichts verschwindet. Diese göttliche Schöpfung mit ihren Millionen Welten dauert in alle Ewigkeit fort und so auch der menschliche Geist. Dieses Bewußtsein richtet uns, wenn wir in Kleinmüthigkeit verzagen wollen, durch den Glauben auf. Ich komme nochmals auf den Ausspruch Christi zurück, wornach er seine vollkomme Theilnahme an der Ewigkeit Gottes als dessen Sohn anerkennt und verlangt und sich in dieser Eigenschaft vollkommen selig fühlt.

Meine Frau und ich haben die schlimme Zeit in Warmbrunn bis jetzt mit Hülfe unseres Hausmädchens, welches meiner Frau treulich beigestanden, durchgemacht. Aber kaum begreife ich es, wie meine Frau bei ihrer fortdauernden Fürsorge und Pflege für mich bei Tag und Nacht noch fortexistiren kann. Wir haben deshalb bereits Anstalten zu einem Bedienten getroffen, der in alle häuslichen Arbeiten mit eingreifen soll. Mit unserer jetzigen Wohnung sind wir sehr zufrieden. Ich selbst werde durch die täglichen Schmerzen an Bein und Händen in den Umgang mit Menschen sehr gestört, indem sie mir eine fortdauernde Aufmerksamkeit auf das Gespräch fast unmöglich machen, so daß ich für jetzt allem Umgang mit Menschen fast gänzlich entsage. Mit treuester Anhänglichkeit Ihr alter Freund

Haeckel.

Die herzlichsten Grüße von meiner Frau an Sie und die Ihrigen. (Ich bitte um zuwenden) || Sie haben mir theure Freundin, im Frühjahr das Buch Adam und sein Geschlecht mitgegeben. Ich habe daßelbe, wenn auch nicht vollständig, doch in seinen wesentlichsten Stellen durchgelesen. Es sucht ganz den Standpunkt der Mythen der ersten evangelischen Christen festzuhalten und in sofern kann ich ihm nicht beitreten. Er soll anfangs in Bremen mit großem Erfolg Vorlesungen gehalten, zuletzt aber am Beifall sehr verloren haben.

Ich komme immer auf meinen Christus zurück. Wer wagt es zu sagen: Ich bin Gottes Sohn! Das konnte nur Einer, der die Welt reformirt, oder wie wir zu sagen pflegen, erlöst hat. An diesen halte ich mich. Mögen sie immer in neuester Zeit noch so viel von ihm herausgeklügelt haben. Sie werden mir meinen Christus nicht nehmen, für den ich lebe, in deßen Namen ich sterbe. Das Evangelium Johannes welches seine schönsten Aussprüche enthält, ist und bleibt mein Evangelium. Nichts schöneres als Christi Aussprüche über sein Wesen, als Sohn Gottes, in diesem Evangelio. Mögen die, welche es niedergeschrieben, in ihrer Begeisterung noch so willkührlich verfahren sein, mögen sie was Zeiten und Stunden betrifft, noch so viel durcheinander gewürfelt haben, diesen Christum, wie ihn mir dieses Evangelium giebt, laße ich mir nicht nehmen. Für ihn will ich leben und sterben. Amen.

Haeckel

 

Briefdaten

Datierung
27-09-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32019
ID
32019