Gude, Karl

Karl Gude an Carl Gottlob Haeckel, Magdeburg, 17. Oktober 1858

Magdeburg, den 17 Oct. 58

Schon längst wäre es meine Pflicht gewesen, Ihnen, hochgeehrtester Herr Geheime Rath, so wie den lieben Ihrigen ein Lebenszeichen von mir zukommen zu lassen, insbesondere meine Freude über Ihren trefflichen Sohn, meinen ehemaligen Schüler auszusprechen, der nun in Allem seinen alten Lehrer übertrifft, durch eine feine Dissertation sich zum Doctor emporgeschwungen und durch seine Verlobung den Himmel in sein Erdenleben herabgezaubert hat. Daß ich von ganzem Herzen daran Antheil nehme, mögen diese Zeilen beweisen; es sind ja die ersten, die ich Ihnen schreibe. Glauben Sie nicht, daß ein Hagestolz ein solches Glück nicht empfinden kann. Fühlt er den Fluch, der auf dem Alleinstehen lastet, so ist er auch im Stande, das ganze Glück, welches eine Lebensgefährtinn bietet, wenn auch nur in der Sehnsucht darnach, zu empfinden. Ich hätte früher nimmer geglaubt, daß ein eheloses Leben nur ein halbes Leben ist. Es ist schrecklich, wenn man nicht ein Herz auf dem weiten Erdenrunde hat, das || man ganz und gar sein nennen kann. Glücklicher Ernst! Wir haben manche Blume zusammen gesucht, Du (erlaube mir dieses trauliche Wort) Du hast die schönste gefunden. Einst gab es eine Zeit, wo eine Frau Regierungsräthinn in Merseburg auch für mich eine solche suchte. Diese Zeit ist dahin – sie ist die schönste meines Lebens und wird mich bis ans Ende wie ein freundlicher Stern geleiten. In der Nähe edler Menschen gelebt zu haben, ist ein großes Glück. Wie oft gedenke ich jener herrlichen Abende, wo bei Ihnen die Theemaschine ihre zauberischen Töne vernehmen ließ und Sie, verehrte Frau, einem trauten Kreise den Thee bereiteten, immer herzlich und freundlich, die streitenden Männer vor jeder Entzweiung bewahrend. Wie hoben sich da die Gedanken vorwärts und aufwärts, wie erwärmte sich das Herz an dem Guten, Schönen und Wahren. Seelige Stunden sind es gewesen, die ich in Ihrem Hause genossen habe. Hier in Magdeburg sind mir solche noch nicht zu Theil geworden. Mit meiner amtlichen Stellung bin ich wohl zufrieden. Ich bin jetzt Ordinarius der zweiten Klasse und habe nur Stunden, die mir zusagen. Auch das Collegium an unserer Schule ist der Art, daß Einer dem Andern das Leben zu erleichtern || sucht. Im Übrigen aber bleibt Magdeburg immer eine höchst nüchterne Kaufmannsstadt, in der das Geschäft über Alles geht. Die schönste Zeit sind für mich die Ferien, die ich regelmäßig in Hasserode bei meinem guten Papa zu bringe, der nächstens das 78 Jahr erreicht und noch immer recht rüstig ist und sich auf meinen Besuch schon immer im Voraus freut. Daß meine gute Mutter vor einigen Jahren gestorben ist, wissen Sie wohl. Meine jüngste Schwester pflegt den Vater; er hat an sie eine treffliche Stütze. Meine Schwester in Braunschweig, die Ihnen ja nicht unbekannt ist, hat sich wieder verheirathet und zwar wieder recht glücklich. So oft ich bei ihr bin, erkundigt sie sich auch nach Ihnen, und da ich weiß, wie herzlichen Antheil Sie an den Meinigen nehmen, so habe ich es nicht unterlassen können, Ihnen diese kleinen Mittheilungen zu machen. Vergangene Weihnachten war ich in Berlin. Bei meiner Hinreise hatte ich mir fest vorgenommen, Sie zu besuchen. Leider aber mußte ich bald nach meiner Ankunft in Folge einer Erkältung die Stube hüten und bin abgefahren; ohne Berlin recht gesehen zu haben. Hoffentlich wird mir das nächste Mal das Glück zu Theil, Sie zu sehen. Pfingsten dieses Jahres war ich auf einige Tage in Rüben bei Leipzig, wo ein Freund von mir ein Gut besitzt. Da habe ich denn auch Vater Wieck besucht. Er saß im dicksten Tabaksrauch und las den 2ten Theil des Faust und || führte mich alsbald in seiner großartigen Weise in die Geheimnisse dieses Buches ein; dann gingen wir zusammen nach der Gemäldegallerie. Ich war ganz erstaunt, mit welchem Interesse und mit welchem feinen Kunstsinn sich unser trefflicher Wieck über die Gemälde aussprach. Auch zur Musik hat er eine große Zuneigung bekommen, so daß er selten ein größeres Concert verfehlt. Wenn ich nicht irre, schreibt der seltene Mann sogar Artikel für eine musicalische Zeitschrift. Die Frau Professorin traf ich leider nicht zu Haus; sie war nach Osterwieck gereist.

Ich bin ganz in die alten Zeiten gekommen und schließe mit der alten, unveränderten Liebe. Freund Ernst ist wohl gar nicht einmal bei Ihnen! Bitte! schreiben Sie ihm, daß ich mich über seine Verlobung herzlich gefreut hätte. Darf ich auch für seine Braut diese Bitte aussprechen? Mit der größten Hochachtung

Ihr

dankbarer Gude.

p. sc. Die beigelegten | Verlobungsanzeigen | sind von mir besorgt | worden. Nach | Freienwalde | bitte ich, ebenfalls herzliche | Grüße zu senden.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
17-10-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 249
ID
249